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„Das hatten wir zuletzt 1994“

Hochwasser: Keine Entwarnung vor dem Wochenende

Die außergewöhnliche Lage hat viele Touristen angelockt. Foto: Neuendorf

Die außergewöhnliche Lage hat viele Touristen angelockt. Foto: Neuendorf

Überall haben sich die Feuerwehren auf Überflutungen eingestellt. Die Talsperren sind voll. Und obwohl es in den kommenden Tagen weniger regnen soll, bleibt die Lage angespannt. Bis zum Wochenende bleiben die Wasserstände voraussichtlich hoch.

Dienstag, 26.12.2023, 16:00 Uhr

Schon am Sonntagmorgen hatten 30 Pegel die dritte von vier Warnstufen erreicht. Neben der Oker überschritten auch Weser, Aller und Leine diese Schwelle, wie der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten und Naturschutz (NLWKN) mitteilte. Noch voraussichtlich bis zum Wochenende soll laut NLKWN die Lage angespannt bleiben.

Montagvormittag teilte die Feuerwehr mit, dass die Okertalsperre sowie die Innerstetalsperre bereits einen Stand von etwa 90 Prozent erreicht hatten. Somit war mit einem Vollstand alsbald zu rechnen. Vor allem die Okertalsperre bereitete erste Sorgen. Aufgrund der aktuellen Wetterprognosen mit vorhergesagten Niederschlägen von bis zu 50 mm in der Nacht bis zum Vormittag des 2. Weihnachtsfeiertages ist eine dritte Hochwasserwelle in den Zuflüssen der Talsperren zu erwarten, wie die Harzwasserwerke jetzt mitteilen. 

Steigende Pegel in den kommenden Tagen in Teilen des Landes

Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) rechnet in den kommenden Tagen weiter mit einer angespannten Hochwassersituation. „Tatsächlich ist die Lage in ganz Niedersachsen sehr angespannt", sagte NLWKN-Direktorin Anne Rickmeyer am Dienstag bei einem Vor-Ort-Termin mit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) an der Okertalsperre im Harz. In vielen Teilen des Landes sei auch in den kommenden Tagen mit steigenden Pegelständen zu rechnen, betonte Rickmeyer. „Wir haben ja einmal Hochwassersituationen in den großen Flüssen, aber wir haben natürlich auch überall im ganzen Land viele kleine Bäche, die anschwellen."

Zwar stimme die jüngste Regenprognose des Deutschen Wetterdienstes optimistisch. „Ich bin jetzt erst mal froh, dass es zwei bis drei Tage nicht regnen soll“, sagte Rickmeyer. „Das heißt aber nicht, dass wir jetzt überall schon fallende Wasserstände haben, weil wir einfach sehr viel Wasservolumen im System haben.“

Die Okertalsperre ist gefüllt. Foto: Neuendorf

Die Okertalsperre ist gefüllt. Foto: Neuendorf

Automatischer Notüberlauf um 4 Uhr angesprungen 

Am Dienstagmorgen war die Talsperre vollgelaufen und der automatische Überlastungsüberlauf geöffnet worden, sagte Andreas Lange, Bereichsleiter für Ressourcen und Prokurist beim Betreiber Harzwasserwerke. Das Wasser ergießt sich nun in einer großen Fontäne in die Oker und lässt die Pegelstände weiter ansteigen.

„Das ist eine außergewöhnliche Lage“, sagte Lange. Die Talsperre, von der die Betreiber zuvor gezielt Wasser abgelassen hatten, um nun mehr aufnehmen zu können, sei inzwischen zu etwa 100 Prozent gefüllt. Daher sei um 4 Uhr der automatische Notüberlauf angesprungen und leite nun Wasser in den Fluss ab. „Das hatten wir zuletzt 1994, also vor vielen Jahren.“ Derzeit würden 20 Kubikmeter pro Sekunde in die Oker geleitet. Auch die Innerstetalsperre sei inzwischen voll, dort wurde bereit um 1 Uhr der Notüberlauf geöffnet. 

An den anderen vier Talsperren im Harz sehe es aber noch besser aus, so Lange. Derzeit sei nicht davon auszugehen, dass noch weitere Talsperren volllaufen. Ein Teil des überschüssigen Wassers aus der Okertalsperre könne sogar noch in die Granetalsperre abgeleitet werden, die noch nicht voll sei. Von den 30 bis 40 Kubikmeter, die pro Sekunde in die Oktertalsperre hineinfließen, müssten daher nur 20 Kubikmeter in die Oker abgeleitet werden.

Entspannung bedeutet das laut einer Pressemitteilung des NLWKN aber noch nicht. Demnach bleiben die Wasserstände voraussichtlich bis zum Wochenende hoch. Weiterhin besteht die Gefahr von Überschwemmungen, die nicht nur landwirtschaftliche Flächen, sondern auch Grundstücke, Straßen und Keller betreffen können. Auch die Meldestufe 3 bleibt vorerst bestehen. An den Pegeln Schladen und Ohrum sowie am Okerzufluss Schunter kommt es laut NLWKN allmählich zu stagnierenden und sinkenden Pegelständen.

Die Okertalsperre ist gut gefüllt. Sie hat bald ihren Vollstand erreicht. Foto: Neuendorf

Die Okertalsperre ist gut gefüllt. Sie hat bald ihren Vollstand erreicht. Foto: Neuendorf

Überflutete Straßen 

In Rhüden wird das Stauwehr entlastet, wie Timo Hurlemann, Ortsbrandmeister von Rhüden berichtet. Zeitweise lief das Wasser dort über auch durch die Straßen. Diese mussten gesperrt werden. Gesperrt sind laut Verkehrsmanagement-Zentrale die K 58 zwischen Bilderlahe und Rhüden sowie die K53 zwischen Bornhausen und dem Abzweig nach Rhüden.

Vielerorts stehen Wiesen und Landschaft steht bereits unter Wasser. Die Lage könnte sich noch einmal verschärfen. Foto: Epping

Vielerorts stehen Wiesen und Landschaft steht bereits unter Wasser. Die Lage könnte sich noch einmal verschärfen. Foto: Epping

Überflutungen gab es auch in Braunlage am Montag, wie die Polizei mitteilt. So wurden diverse Keller und Straßen überflutet. So unter anderem auch Landesstraße 520 zwischen Silberhütte und der Firma Eckold. Die Straße konnte nur in Teilen mit Schrittgeschwindigkeit befahren werden. 

Ein Blick auf die Innerstatalsperre am Dienstagmorgen. Foto: Heine

Ein Blick auf die Innerstatalsperre am Dienstagmorgen. Foto: Heine

Aktuelle Entwicklung vor Ort beobachten – Tourismus-Fahrten vermeiden

Bürger sollten sich über die aktuelle Hochwasser-Situation in ihrer Region informieren. Informationen können von der Stadt, der Gemeinde und der jeweiligen Katastrophenschutz-Behörde erhalten werden. 

Gleichzeitig rufen die Harzwasserwerke dazu auf Tourismus-Fahrten an die Talsperren zu vermeiden. An der Talsperre beobachteten am Dienstag Hunderte Schaulustige das Geschehen. „Auch an Weihnachten kümmert sich aktuell eine Vielzahl von Kolleginnen und Kollegen im Dauereinsatz um unseren Hochwasserschutz. Ihnen gilt unser besonderer Dank. Wir wollen Sie unterstützen und bitten Sie daher, auf Privatfahrten an die Talsperren in dieser besonderen Situation zu verzichten", heißt es in der Mitteilung. 

Wegen Überfluitung musste die Straße in Rhüden gesperrt werden. Foto: Feuerwehr

Wegen Überfluitung musste die Straße in Rhüden gesperrt werden. Foto: Feuerwehr

Die Homepage der Harzwasserwerke ist seit etwa 15 Uhr am Montagnachmittag nicht mehr erreichbar. Der Grund: „Aufgrund der derzeitigen Anfragen sind unsere Server leider überlastet", hieß es dort.

Auch die Granetalsperre ist stark gefüllt. Foto: Heine

Auch die Granetalsperre ist stark gefüllt. Foto: Heine

 Menschen „plündern" Dämme

Am gestrigen Montag kam es zu Vorfällen in Oker, bei denen Menschen versuchten Snadsäcken habhaft zu werden. Zum einen sei ein LKW-Fahrer, der mit Sandsäcken unterwegs war, zur Herausgabe der Säcke bedrängt worden. Zum anderen „plünderten" Menschen die zum Schutz errichteten Dämme, wie die Feuerwehr bestätigt. 

Feuerwehr und Hochwasserschutz weiter im Einsatz

Insgesamt wurden von Feuerwehr und Hochwasserschutzzug bereits 30.000 Sandsäcke gefüllt, 10.000 davon alleine in der Nacht von Montag auf Dienstag. Davon wurden nicht alle verbaut, einige liegen bereit zur Reserve. Zwar seien Oker- und Innerstetalsperre in den Überlauf gegangen, die Situation sei momentan jedoch ruhig, wie die Feuerwehr auf GZ-Anfrage berichtet. jf/dpa / Video: Epping

 Der Artikel wird aktualisiert. (aktualisiert 27.12.23, 14.45 Uhr)

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