Wie 1954 ein Sechsjähriger die Umsiedlung von Schulenberg erlebt
Bürgermeister Richard Böhm und sein Enkel Eckard Owe (beide vorne links) führen 1954 den Umsiedlungsmarsch nach Schulenberg an. Foto: Ahrens-Archiv
Schulenberg feiert vom 23. bis 25. August den 70. Geburtstag seit der Umsiedlung. Eckard Owe war damals sechs Jahre alt und hat im mittlerweile überfluteten Unterschulenberg gewohnt. So erlebte er die Umsiedlung.
Schulenberg. 1954: Aufbruchstimmung in Unterschulenberg. Es herrschten Unruhe und Zukunftsängste im Ort. Seit Jahren bauten die Bewohner der 26 Häuser an ihren künftigen Grundstücken auf dem Kleinen Wiesenberg. Ihre Heimat würden sie bald verlassen müssen, denn sie würde in der Okertalsperre versinken. Eckard Owe war damals sechs Jahre alt und erinnert sich noch gut.
Vom 23. bis 25. August dieses Jahres feiert Schulenberg auf dem Kleinen Wiesenberg das 70-jährige Bestehen. Die dreitägige Geburtstagsparty steigt vom 23. bis 25. August. Auch der mittlerweile 76-jährige Eckard Owe nimmt daran teil. Er übernimmt am frühen 23. August die Moderation der Schiffsrundfahrt über der Heimat seiner Kindheit.
Beengtes Wohnen
Vor 70 Jahren teilte sich der damalige Erstklässler dort mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern ein Schlafzimmer in ihrem Haus. Zahlreiche Fotos und Gemälde an seiner Hauswand zeugen noch immer von der Zeit. „Es war damals sehr beengtes Wohnen“, sagt er und holt zwei dicke Alben hervor, die Bilder des mittlerweile versunkenen Ortes zeigen. Da Schulenberg durch den Zweiten Weltkrieg viele Flüchtlinge aufgenommen habe, hätten in den 26 Gebäuden 280 Personen gelebt. Gleichzeitig durfte auf den Grundstücken nicht mehr angebaut werden. Bereits in den 30er Jahren sei es zu einem Baustopp gekommen.
Denn bereits seit vielen Jahren hatte es Pläne für den Bau einer Staumauer für die Oker hinter dem Ort gegeben. Der Grund: In umliegenden Orten wie Wolfenbüttel und Braunschweig hatten Schneeschmelzen starke Überschwemmungen verursacht. Durch den Bau der neuen Okertalsperre würde Unterschulenberg jedoch im Stausee versinken. So mussten die Einwohner in das 100 Meter höher gelegene Schulenberg auf den Kleinen Wiesenberg umsiedeln.
Nach und nach begannen alle schon vor der Umsiedlung, ihr Hab und Gut in das neue Schulenberg zu verlagern. Kurz vor dem Umzug sei die Anspannung im Dorf auch bei der Jugend deutlich spürbar gewesen. „Wir Kinder lebten in den Tag hinein, aber die Eltern haben oben gebaut, ihre Zäune errichtet. Anfang der 50er war jeder mit sich selbst beschäftigt“, sagt Owe. Letztlich wurde auch die Schule abgebaut und verlegt. Der Unterricht fand dann zeitweise nebenan in der Kneipe „Glück Auf“ statt, ein Zeichen, dass die Umsiedlung bald beginnen würde.

Ein Bild im Foto-Album von Eckard Owe zeigt die Kneipe „Glück Auf“, das kurz vor der Umsiedlung übergangsweise zur Schule wird. Foto: Ahrens-Archiv/privat
Tausende Menschen kommen zum Fest
Am 29. August 1954 war es dann so weit. 10.000 Menschen und eine Blaskapelle kamen nach Unterschulenberg, um die Umsiedlungsfeier zu besuchen und die 280 Anwohner beim Marsch aus ihrer alten Heimat auf den Kleinen Wiesenberg zu begleiten: ein Riesenspektakel.
Owe erinnert sich noch gut – schließlich war es sein Großvater, Bürgermeister Richard Böhm, der am Gedenkstein unten im Dorf – heute steht er im neuen Schulenberg – die Abschiedsrede hielt. „Wir kannten damals nur das Dorf, so viele Leute zu sehen war für viele Kinder aufregend und auch etwas beängstigend“, resümiert er. Letztlich führte Bürgermeister Böhm – seinen Enkel an der Hand – den Zug nach Schulenberg an. In der neuen Heimat erwarteten sie ihre neuen Wohnhäuser, geschmückt mit Girlanden, die einige Anwohner zuvor gebastelt hatten.

Tausende Menschen begleiten das Umsiedlungsfest. Foto: Ahrens-Archiv
Etwa 80 Prozent der Einwohner siedelten laut Owes Schätzungen nach Schulenberg um, der Rest zog in umliegende Orte oder weiter weg. Jeder erhielt ein Grundstück, das etwa so groß war wie jenes, das er zurückgelassen hatte. Dennoch hätten es in den ersten Jahren vor allem die Älteren schwer gehabt, sich einzuleben. Viele hätten ihr gesamtes Leben im Ort verbracht und eigentlich nicht umziehen wollen.
„Für uns Kinder war es ein Segen. Wir sind aus dem engen Wohnungsverhältnis herausgekommen.“ Er selbst habe im Haus in der Richard-Böhm-Straße ein Zimmer bekommen, das er sich lediglich noch mit seinem Bruder teilen musste. Seine Schwester bezog allein ein Zimmer. „Wir hatten Glück, dass sich die Bundesrepublik zu der Zeit so schnell entwickelt hat.“ So hätten sich viele diesen üppigen Hausbau leisten können.
Fehlkalkulation

Die Bauarbeiten an der Staumauer dauern bis 1956 an. Foto: Ahrens-Archiv
Eckard Owe ist mittlerweile Urgroßvater und wohnt mit seiner Ehefrau noch immer in dem Haus, das er von seinem Großvater geerbt hat – im Garten eine riesige Amerikanische Roteiche, die er mit diesem 1956 gemeinsam gepflanzt hat. In Schulenberg war Großvater Richard Böhm neben seinem Amt als Bürgermeister auch Gemeindedirektor und Standesamtsleiter. Dessen Möbel besitzt sein Enkel zum Teil noch: „An unserem jetzigen Esstisch wurden etwa 100 Ehen geschlossen“, sagt er lachend. Nun blickt er gespannt auf die kommende 70-jährige Geburtstagsfeier des Ortes vom 23. bis 25. August in der Wiesenbergstraße, die er zum Teil als Moderator begleitet.

Noch heute besitzt Eckard Owe einige Möbelstücke seines Großvaters. Foto: Raksch
Umsiedlungsfeier
Das Programm startet am Freitag, 23. August, ab 17.30 Uhr im Festzelt. Ab 18 Uhr leiten Schirmherr und Ministerpräsident Stephan Weil sowie Bürgermeisterin Petra Emerich-Kopatsch und Ortsbürgermeister Alexander Ehrenberg (alle SPD) das Event ein und eröffnen ein Buffet mit Musik von der Heimatgruppe Schulenberg und DJ Daniel. Der Eintritt ins Festzelt kostet 25 Euro.
Am darauffolgenden Tag gibt es um 10 Uhr einen Marsch zum Schiffsanleger sowie eine Schiffsrundfahrt über Alt-Schulenberg, die Eckard Owe moderiert. Ab 12 Uhr öffnet am Festplatz und in der Wiesenbergstraße eine kostenfreie Festmeile mit diversen Aktivitäten für Kinder, einer Bildausstellung zur Historie des Ortes, einem Flohmarkt und Ständen von Feuerwehr, THW, DLRG, Segelclub, Harzwasserwerken und Tourist-Informationen Oberharz. Musikgruppen wie der Marinechor Clausthal-Zellerfeld, die Bruchbergsänger Altenau und Van Gard treten auf.
Abschließend gibt es am Sonntag, 25. August ab 9.30 Uhr einen Gottesdienst der evangelischen Kirchengemeinde Altenau-Schulenberg und ein Tzscherper-Buffet. Von 12 bis 14 Uhr tritt das Zackel-Duo auf. Zutritt kostet am Sonntag nach dem Gottesdienst 15 Euro. An den Tourist-Infos in Altenau und Clausthal-Zellerfeld können Interessierte ihre Eintrittsbändchen erwerben und sich bis zum 16. August für Flohmarktstände anmelden.

Ein Gemälde im Hause Owe zeigt das mittlerweile im Stausee versunkene Unterschulenberg. Foto: Raksch