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Nachgedacht

GZ Plus IconWas ist eigentlich Grönland wert?

Das Foto zeigt eine Protestaktion vor dem US-Konsulat in Grönland. Eine junge Grönländerin hält im Vordergrund ein Plakat in die Höhe mit folgender Aufschrift: "We are not for sale" - "Wir stehen nicht zum Verkauf".

Menschen nehmen an einem Marsch teil, der vor dem US-Konsulat unter dem Motto „Grönland gehört dem grönländischen Volk“ endet. Schon vor Monaten protestierten Menschen in Grönland gegen Pläne der USA für die Insel. Foto: Christian Klindt Soelbeck/Ritzau Scanpix Foto/AP/dpa

Handstreichartig hat die US-Regierung den venezolanischen Machthaber entführt. Jetzt erneuert Donald Trump die Ansprüche auf das dänische Grönland.

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Von Jörg Kleine
Samstag, 10.01.2026, 07:00 Uhr

Mit Krone als König von New York, mit Mitra auf dem Haupt als Papst – US-Präsident Donald Trump ist sich für nichts zu schade, um mit Fake-Fotos seine krankhafte Selbstbeweihräucherung auszuleben. Trump macht, was er will, und er nimmt sich, was er will. Oder, wie es sein Vizestabschef Stephen Miller dieser Tage ausdrückte: Die Welt wird von Stärke, Gewalt und Macht beherrscht.

Der Handstreich in Venezuela

Zugegeben, diese Erkenntnis ist nicht neu, denn auch die traditionsreichste Demokratie der Moderne hat nach dem Zweiten Weltkrieg weniger durch soziale Tugenden und Friedfertigkeit geglänzt als durch knallharte Machtpolitik, Gewalt und Kriege – ob in Vietnam, Irak, Libyen oder Afghanistan. Die handstreichartige Entführung des venezolanischen Machthabers Nicolás Maduro am vorigen Wochenende hat indes nicht nur die europäischen Verbündeten der USA, sondern selbst die Regierungen in China und Russland überrascht.

Ein Schurke entmachtet einen Schurken

Schurke entmachtet Schurken, ließe sich schnörkellos sagen. Denn was die Trump-Regierung in Venezuela angezettelt hat, ist völkerrechtlich zumindest höchst fragwürdig. Damit spielt Trump dem russischen Diktator Putin nur noch mehr in die Hände. Zugleich liefert er anderen Autokraten eine Steilvorlage, um ihren Machtdurst zu stillen. Was wird, wenn China nun Ernst macht mit dem Griff nach Taiwan? Sein Vorgehen macht Trump kaum weniger schrecklich als Maduro, unter dessen Knute Venezuela, das wohl erdölreichste Land der Welt, zu einem von korrupter Herrschsucht unterjochten Armenhaus verkommen ist.

Nunmehr wird die US-Regierung mit Strohpuppen wohl alsbald auch Venezuela regieren. Und die noch frisch prämierte, von den USA unterstützte venezolanische Oppositionspolitikerin Maria Machado könnte Trump endlich ihren Friedensnobelpreis in die Hände drücken, den sich doch der US-Präsident so sehr ersehnte.

Die Welt wird von Stärke, Gewalt und Macht regiert?

Die Welt wird von Stärke, Gewalt und Macht beherrscht? Pathologische Allmachtsphantasien hat Trumps Vizestabschef Stephen Miller bei den Ingredienzen vergessen, die in diesen Zeiten immer mehr die Welt beherrschen. Kaum ist Maduro einkassiert, legt sich Trump die Karte von Grönland wieder auf den Tisch. Zur inneren Kapitulation zwingen, einmarschieren oder kaufen? Alles scheint möglich, wenn man die vielstimmigen Kommentare und Interpretationen in den USA verfolgt.

Schon einmal haben die Vereinigten Staaten einen ähnlichen Mega-Deal ausgehandelt: Das war 1867, als sie dem Zaren für 7,2 Millionen Dollar „Russisch-Amerika“ abkauften – also Alaska. Umgerechnet rund 160 Millionen US-Dollar wären das heute, also nicht mal ein Taschengeld im Vergleich zum Öl- und Gasreichtum des nördlichsten US-Bundesstaats.

Erst Alaska, dann immer wieder Grönland

Um Mensch und Natur ging es damals wie heute nicht. Auch nicht beim Tauziehen um Grönland. Was wäre die vereiste, aber rohstoffreiche und geostrategisch bedeutende Region unter dänischer Krone wert? Schon 1868 nach dem Kauf von Alaska hatten die USA diese Frage aufgeworfen. Kriegsgewinner Harry Truman bot Dänemark dann 1946 für Grönland 100 Millionen Dollar in Gold an – heute rund 1,6 Milliarden. Auch später hatten US-Regierungen die größte Insel der Welt immer mal wieder auf dem politischen Speiseplan.

Aktuell bemühen sich Analysten, Investmentbanker und andere Finanzexperten, den Wert von Grönland neu zu berechnen. Deren Ergebnisse schwanken zwischen zwölf Milliarden und mehr als einer Billion Dollar. Da darf die christliche Frage aufkeimen, was eigentlich ein Menschenleben wert ist: Alles oder nichts?

Dänemark: Staatliche Gewalt an jungen Grönländerinnen

Perfide ist, dass die Trump-Regierung in eine empfindliche Kerbe schlägt. Denn Dänemark hat in früheren Zeiten den Grönländern erhebliches Leid zugefügt – etwa die Zwangsverhütung bei jungen Frauen in den 1960er und 70er Jahren. Über Jahrzehnte wurde das in Dänemark vertuscht. Erst im September 2025 folgte eine Entschuldigung durch die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen.

Doch vergessen ist das alles nicht. Somit sei der Wunsch vieler Grönländer nach vollständiger Unabhängigkeit von Dänemark groß, wie eine Spiegel-Redakteurin vor Tagen in einem Interview erläuterte. Mit einer Volksabstimmung könnten die Grönländer darüber selbst entscheiden, doch finanziell ist die Insel vorm Nordpol allein nicht lebensfähig – und Trump wohl unbeliebter als der dänische König. Vielleicht sollte Kanada mal eine wirkliche Charme-Offensive bei den Grönländern starten. Das wäre zumindest geographisch äußerst naheliegend.

Was nun knapp 60.000 Grönländer wert sind? Alles.

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joerg.kleine@goslarsche-zeitung.de

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