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Nachgedacht

GZ Plus IconSpitzenleistung aus der Wurstabteilung

Das Bild zeigt Skirennfahrerin Emma Aicher bei der Abfahrt.

Ein Vorbild – auch für Politiker: Emma Aicher zeigt Sportsgeist, Leidenschaft, Leistung Ehrgeiz und gibt sich auch fair geschlagen. Foto: Luciano Bisi/AP/dpa

Knapp daneben ist auch vorbei: Nach der Wahlniederlage in Baden-Württemberg zeigt sich die CDU unsportlich. Über die Ausreden von schlechten Verlierern.

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Von Jörg Kleine
Samstag, 14.03.2026, 09:00 Uhr

Kennen Sie Emma Aicher? Wenn nicht, sollten Sie sich zum Saisonende des alpinen Skisports unbedingt noch mal im Fernsehen diesen neuen Stern des deutschen Wintersports ansehen. Die kann einfach alles – Slalom, Riesenslalom, Abfahrt und mittendrin auch den Super-G, der früher einmal Superriesenslalom hieß. Warum die Emma so gut Ski fahren kann? Sie trainiert hart, hat ein Allround-Talent, enormen Ehrgeiz, ohne dabei die Freude an der Sache zu verlieren. Und noch etwas zeichnet die Emma aus: Sie zeigt wahren Sportsgeist und verliert nicht viele Worte, auch wenn sie noch so knapp verloren hat. Bei den Olympischen Spielen zuletzt auf den Pisten von Cortina fehlten ihr gleich zweimal nur Hundertstelsekunden zur Goldmedaille. Aber sie konnte sich auch mit der Silbermedaille gut arrangieren. So ärgerlich das auch ist, wenn man quasi genauso gut ist wie die Siegerin.

Wenn Verlierer ganz oben aufs Treppchen wollen

Wenn doch in der Politik nur ansatzweise ein solcher Sportsgeist herrschte. Kaum waren die Winterspiele vorbei, meldeten sich Kanzler Friedrich Merz (CDU) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) wortreich. Sie hätten auch Traumsportlerinnen und -sportler wie die Emma feiern können. Zumal Söder wohl höchstens in der Wurstwarenabteilung um Medaillen kämpfen könnte. Aber die beiden Unionsspitzen stellten das deutsche Olympia-Team erst mal pauschal in den Senkel. Devise: Platz fünf für Deutschland im Medaillenspiegel kann ja nicht der Anspruch sein. Wir wollen schließlich mehr Sieger.

Vielleicht liegt es an solch missverstandenem Sportsgeist, dass nun die politischen Silbermedaillengewinner aus Baden-Württemberg mit Unterstützung von Merz, Söder und dem bereits verwarnten Foulspieler Jens Spahn ihren Platz doch ganz oben auf dem Treppchen suchen: Obwohl die Grünen nun mal die Wahl knapp gewonnen haben, möchten die Christdemokraten mindestens auf gleicher Stufe stehen. Tenor: Wahlsieger Cem Özdemir (Grüne) und Hauchdünn-Verlierer Manuel Hagel (CDU) können sich doch die fünf Jahre Amtszeit als Ministerpräsidenten teilen.

Schmutzkampagne mit rehbraunen Augen?

Dafür hat sich die Unionsspitze auch eine gewaltige Begründung ausgedacht: Die CDU habe ja nur deshalb nicht gewonnen, weil die Grünen gegen Hagel eine Schmutzkampagne entfacht hätten. Eine Bundespolitikerin der Grünen hatte nämlich an ein älteres Video erinnert, in dem Hagel bei einem Interview von den rehbraunen Augen einer Schülerin schwärmte. Echte Buße tat Hagel daraufhin nicht, sondern entschuldigte sich mit dem Verweis auf seine Frau, die ihm nach dem Interview gehörig die Meinung gesagt habe.

Schon unkte mancher im Schwabenländle, dann wäre besser Frau Hagel als Spitzenkandidatin angetreten. Die habe schließlich noch einen moralischen Kompass. Einige Erkenntnis kann allerdings auch der Versuch bringen, sich die Situation – abseits aller Parteipolitik – mal umgekehrt vorzustellen: Wie hätten wohl Söder, Merz, Spahn und Hagel reagiert, wenn vor der wichtigen Wahl im Lande des Daimlers ein ähnliches Video von Cem Özdemir aufgetaucht wäre? Und die Grünen als Wahlverlierer im Anschluss einen Anspruch auf den Posten des Ministerpräsidenten erhoben hätten? Vermutlich hätte Söder selbst auf seine Bratwurst-Selfies verzichtet, um Social Media fortan mit Schimpf und Schande gegen Özdemir zu fluten.

„Manchmal ist auch der Gewinner ein armes Schwein“

„Manchmal ist auch der Gewinner einer Wahl ein armes Schwein“, schrieb jüngst ein Kolumnist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Der anatolische Schwabe denkt gar nicht daran, in der Villa Reitzenstein eine Wohngemeinschaft mit Hagel aufzumachen, in der es dann zwischen seiner neuen Frau und der Gattin des CDU-Politikers zu Szenen kommen könnte wie im Nibelungenlied zwischen Kriemhild und Brünhild. Und wir wissen ja alle, wie das endete.“

SPD: Ein Blumenstrauß für den Untergang

Im politischen Stuttgarter Machtgerangel kommen aber auch die Sozialdemokraten nicht gut weg. Sie sind mit 5,5 Prozent geradezu bedeutungslos geworden. Deren Begründung für das SPD-Desaster ist derweil genauso rückgratlos wie das Gehabe der Union: Die SPD sei deshalb untergegangen, weil sich medial alles nur um Özdemir und Hagel gedreht habe. So lässt also SPD-Chef Lars Klingbeil, Architekt des schlechtesten nationalen SPD-Ergebnisses aller Zeiten in Deutschland, die politische Katastrophe in Baden-Württemberg erklären – und überreicht dem geduckten SPD-Spitzenkandidaten (Wie hieß er doch gleich?) zum Abschied einen Blumenstrauß.

In Sachen Sportsgeist, Fairness, harten Trainings, Leidenschaft und Leistung könnte Emma Aicher ein gutes Vorbild für die Politik sein. Auch wenn sie nur zweimal Silber gewonnen hat.

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joerg.kleine@goslarsche-zeitung.de

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