Sommerserie Menschen im Hafen

Weinberg mit Blick auf Hamburger Hafen - Exklusive Tropfen

Weintrauben in der Nähe der Elbphilharmonie. Ja, im Hamburger Hafen wird Wein angebaut.

Weintrauben in der Nähe der Elbphilharmonie. Ja, im Hamburger Hafen wird Wein angebaut. Foto: Marcus Brandt/dpa

99 Rebstöcke, spektakulärer Blick und ein Wein, den man nirgends kaufen kann: Im Hamburger Hafen gibt es tatsächlich einen Weinberg. Wer den pflegt und was mit den roten Trauben im September passiert.

Von Christiane Bosch, dpa 16.07.2026, 05:11 Uhr

Hamburg. Große und kleine Schiffe, Hafenkräne am Horizont, Elbphilharmonie, Fischbrötchenbuden, Möwen, Weinberg. All das gehört zum Hamburger Hafen. Halt, wie bitte? Ein Weinberg im Hamburger Hafen? Ganz richtig. Seit fast 20 Jahren existiert direkt oberhalb der Landungsbrücken ein Weinberg mit mittlerweile 99 Rebstöcken. Und tatsächlich wird aus den Trauben auch Wein gewonnen. Der Tropfen ist allerdings so exklusiv, dass man ihn in keinem Geschäft der Welt kaufen kann. 

Groß ist der Weinberg nicht. Wer ihn nicht sucht, wird ihn vermutlich nicht einmal sofort erkennen. Drei grünblättrige Reihen, leicht gebogen angeordnet und keine 100 Meter lang. 

Nicht mehr der nördlichste Weinberg Deutschlands, aber immer noch der mit dem wohl schönsten Ausblick in den Hamburger Hafen.

Nicht mehr der nördlichste Weinberg Deutschlands, aber immer noch der mit dem wohl schönsten Ausblick in den Hamburger Hafen. Foto: Marcus Brandt/dpa

Weinberg mit dem schönsten Blick

Einst war der Weinberg am Stintfang – so heißt die Hamburger Anhöhe – mal der nördlichste Weinberg Deutschlands. Doch dieser Titel ist 2009 nach Sylt gewandert. „Deswegen sagen wir jetzt: „Wir sind der Weinberg mit dem schönsten Blick““, sagt Ekkehart Opitz. Er ist einer der fünf ehrenamtlichen Hobbywinzer, die den besonderen Weinberg im Hamburger Hafen pflegen. 

Sie kümmern sich von Februar bis September um den Rebschnitt, binden die Fruchtruten an, bearbeiten und düngen den Boden, reduzieren die Trauben für mehr Qualität und ernten die Trauben schließlich. „Wir sind hier ein Bio-Weinberg. Wir nutzen nur natürliche Stoffe für die Schädlingsbekämpfung und fürs Düngen“, sagt Opitz. 

Einst Steillage – jetzt Terrassen

Einst war der Weinberg sogar als Steillage angelegt. Das heißt, der Weg durch die Reben von unten nach oben war mit einer Steigung von mindestens 30 Prozent angelegt. Mittlerweile ist der Weinberg terrassiert, die Rebstöcke sind horizontal gepflanzt. „Das erleichtert die Arbeit sehr“, sagt Opitz. Möglich war diese Veränderung, weil 2019 der Weinberg komplett gerodet werden musste. Hintergrund war der Umbau der U-Bahn-Station Landungsbrücken zu einer behindertengerechten Station. 

Er kommt auch in den Weinberg, um die Stimmung zu genießen: Hobby-Winzer Ekkehart Opitz.

Er kommt auch in den Weinberg, um die Stimmung zu genießen: Hobby-Winzer Ekkehart Opitz. Foto: Marcus Brandt/dpa

„Da sind wir erstmal in Rente geschickt worden“, sagt Opitz. Die Zukunft des außergewöhnlichen Ortes unterhalb der Jugendherberge stand zunächst in den Sternen. „Doch die Nachfragen und das Interesse an dieser Hamburgensie waren so hoch, dass wir doch weiter machen durften.“ Der Weinberg wurde neu angelegt und 2022 erneut mit 99 Rebstöcken bepflanzt.

Hochbahn zahlt neuen Hamburger Weinberg

Den von der Hochbahn bezahlten Umbau haben die Hobbywinzer auch genutzt, um den Weinberg klimaresistenter zu machen. „Die weiße Traubensorte Phoenix ist rausgeflogen. Seitdem wächst hier nur noch die rote Traubensorte Regent“, sagt Opitz. Diese Züchtung sei nicht nur pilzresistent, sondern auch gut für nicht so idealen Boden geeignet, sagt Opitz und lacht. Auch, wenn Lage und Blick über den Hamburger Hafen perfekt sind, die Bedingungen für den Weinbau sind es nicht wirklich. „Aber bei dem Wein aus dem Hamburger Hafen geht es ja auch eher um die Symbolik.“ 

Die fachliche Begleitung liegt übrigens von Anfang an bei der Winzerfamilie Currle aus Baden-Württemberg. Erst war der Vater, mittlerweile ist es die Tochter. Das Weingut ist und war auch Mitveranstalter des mehrtägigen Festes Stuttgarter Weindorf und des einstigen Hamburger Pendants. Fast 30 Jahre lang und bis 2015 gab es nämlich auch in Hamburg auf dem Rathausplatz ein mehrtägiges Weinfest. In dem Zusammenhang wurden 1995 die ersten 50 Rebstöcke gepflanzt. Und auch ohne Weinfest sind die Verbindungen in den Süden noch vorhanden. 

Fachliche Beratung aus Stuttgart

Für Winzertochter Christel Currle ist der Weinberg in Hamburg etwas ganz Besonderes. „Ich kenne sonst keinen Weinberg, bei dem man vor der Arbeit dort ein Parkticket ziehen muss“, sagt sie gut gelaunt. Einmal im Jahr, zum Rebschnitt, kommt die Weingut-Chefin aus dem Süden in den Norden. „Es gibt keinen Weinberg, der so eine Lage, so einen tollen Blick und so ein Flair hat wie der Stintfang. Wer kann denn schon bei der Lese auf das Tor zur Welt blicken?“

Die Trauben – wenn genügend zusammengekommen sind – werden auch in Stuttgart auf der Maische vergärt oder direkt gepresst und dann im Weinkeller fertig ausgebaut. Etwa fünf Monate braucht es, bis der Wein in die Flaschen abgefüllt werden kann, sagt die 56-Jährige, die das Familien-Wein- und Sektgut in Stuttgart-Uhlbach in dritter Generation am Laufen hält. 

Wer trotzdem mal probieren will, kann zumindest die gleiche Sorte aus dem gleichen Weingut bei einer Führung durch den Hamburger Weinberg kosten.

Wer trotzdem mal probieren will, kann zumindest die gleiche Sorte aus dem gleichen Weingut bei einer Führung durch den Hamburger Weinberg kosten. Foto: Marcus Brandt/dpa

Stintfang-Wein dieses Jahr schon wieder möglich?

Christel Currle ist skeptisch, ob es schon dieser Saison wieder genügend Trauben für einen Hamburger Stintfang-Wein geben wird. „Das kommt auf die Menge und die Qualität der Trauben an.“ Mehr als 20 Kilogramm gute Trauben wären dafür schon gut. 2025 ergab die Weinlese im Hafen 3,5 Kilogramm.

Seit der Neuanpflanzung ist der ohnehin rare Stintfang-Wein noch nicht wieder abgefüllt worden. Denn junge Rebstöcke brauchen vier bis sechs Jahre, bis sie wirklich hochwertige Weintrauben produzieren. Weggeworfen werden die Trauben aber natürlich nicht. Stattdessen haben die Hamburger Hobby-Winzer daraus Traubengelee hergestellt. 2019 gab es den offiziellen letzten Stintfang-Jahrgang. 

Der Weinberg an den Landungsbrücken wird von fünf ehrenamtlichen Hobby-Winzern gepflegt. Fachlich betreut werden sie von einer Winzerin aus Stuttgart.

Der Weinberg an den Landungsbrücken wird von fünf ehrenamtlichen Hobby-Winzern gepflegt. Fachlich betreut werden sie von einer Winzerin aus Stuttgart. Foto: Marcus Brandt/dpa

Doch auch mit einer guten Ernte wird der Otto-Normal-Bürger den Wein nicht im normalen Supermarkt kaufen können. Denn Stintfang-Wein ist exklusiv der Bürgerschaft vorbehalten. Sie bekommt fast alle Flaschen und verschenkt sie an ihre Gäste. In guten Jahren haben die Trauben nach Angaben der Bürgerschaft 30 0,375-Liter-Flaschen Wein ergeben. 

Exklusiver Wein für guten Zweck versteigert

Weitere drei oder vier Flaschen – je nachdem wie gut die Weinlese ausgefallen ist – dürfen die Stintfang-Winzer für einen guten Zweck versteigern. „Vor zwei Jahren hat eine Flasche 1.000 Euro für die Aktion „Abendblatt hilft“ gebracht. Und das ist auch genau der Sinn der Sache“, sagt Ekkehart Opitz weiter. Der Stintfang-Wein werde immer exklusiv bleiben. „Das macht ja auch den Reiz aus.“

Doch den edlen Tropfen werden Otto-Normal-Bürger eher nie testen können. Der ist exklusiv der Hamburger Bürgerschaft vorbehalten, die ihn an Gäste verschenkt.

Doch den edlen Tropfen werden Otto-Normal-Bürger eher nie testen können. Der ist exklusiv der Hamburger Bürgerschaft vorbehalten, die ihn an Gäste verschenkt. Foto: Marcus Brandt/dpa

Wer dennoch probieren möchte, wie der Rotwein aus dem Hamburger Weinberg schmecken könnte, kann sich eine Führung bei den Hobby-Winzern buchen. Dann bekommt man nicht nur alle Fakten und Anekdoten zum Stintfang-Weinberg erzählt, man darf auch einen Currle-Rotwein der Traubensorte Regent probieren. Also der Sorte, die im Hamburger Hafen steht.

Genauer gesagt: Rotwein der Sorte Regent.

Genauer gesagt: Rotwein der Sorte Regent. Foto: Marcus Brandt/dpa

Genau 99 Rebstöcke stehen auf dem Weinberg.

Genau 99 Rebstöcke stehen auf dem Weinberg. Foto: Marcus Brandt/dpa

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