Unsichtbare Arbeit: So teilen Sie den Mental Load fair auf
Es gibt immer was zu tun – was genau, hat oft eher die Frau auf dem Schirm. Foto: Anna Hirte/dpa-tmn
„Immer muss ich an alles denken!“ Viele Paare streiten, weil der Mental Load unfair verteilt ist. Die Frau plant, der Mann führt nur aus, was sie ihm aufträgt. Wie beide aus diesen Rollen rauskommen.
Berlin. Beim Thema Mental Load verdrehen viele Männer die Augen. Noch so ein Modewort! „Viele denken, das ist einfach ein neuer Begriff für Stress“, sagt die Systemische Beraterin Moni Müller. „Das ist ein großes Missverständnis.“ Ja, stressig war es insbesondere für Mütter schon immer. Aber die Zeiten seien heute andere.
Die klassische Rollenverteilung – er verdient Geld, sie kümmert sich um die Kinder – ist längst nicht mehr der Anspruch moderner Paare. Oft arbeiten beide und übernehmen zu gleichen Teilen die Erziehung. Hinzu kommen höhere Ansprüche an die Selbstverwirklichung.
Kurzum: Es gibt ganz schön viel zu organisieren und abzusprechen.
Mental Load ist die unsichtbare Denkarbeit, ständig Termine, Aufgaben und Bedürfnisse im Blick zu behalten, zu planen und zu koordinieren. Die Aufteilung dieser Arbeit führt bei vielen Paaren zu Streit.
Woran merkt man, dass man ein Mental-Load-Thema hat?
Wie häufig jemand bei der Organisation des Alltags an sein Limit geht, ist ein ganz guter Indikator. Müller fragt die Frauen in ihrer Beratung gern: Was sind die Punkte, an denen du ausflippst?
„Gehen Sie mal durch den Tag und schauen, wann Sie geschrien haben oder hätten schreien können“, rät die vierfache Mutter. „Das sind oft die Situationen, in denen Sie sich Entlastung gewünscht hätten.“
Dann sollte man das Gespräch mit dem Partner suchen: Schau mal, hier müssen wir etwas ändern. „Sie müssen sich eingestehen, dass es zu viel ist. Erst gegenüber sich selbst, dann gegenüber dem Mann.“
Wann Mental Load besonders zum Problem wird
Das sind Situationen, in denen sich etwas Großes im Leben ändert.
„Bei kinderlosen Paaren ist das oft das Zusammenziehen, sagt Patricia Cammarata, Autorin des Buches „Raus aus der Mental-Load-Falle“.
Viele denken: Nun können wir gemeinsam den Haushalt schmeißen, das macht unterm Strich weniger Arbeit. Ein Trugschluss. „Oft wird die Arbeit für die Frau mehr und für den Mann weniger“, sagt Cammarata. Das wiegt meist noch nicht ganz so schwer, weil die Ressourcen reichen.
„Der Kipppunkt kommt bei sehr vielen Paaren mit dem ersten Kind, weil gerade das erste Lebensjahr den größten Wandel mit sich bringt“, weiß Cammarata. „Meist sind beide Partner berufstätig, bis die Frau für längere Zeit aussteigt und merkt: Sich um ein Kind zu kümmern, ist mit deutlich weniger Wertschätzung verbunden als der Job.“
Später im Leben kann Mental Load wieder zum Problem werden, wenn die eigenen Eltern oder die des Partners pflegebedürftig werden.
Was viele Männer nicht auf dem Schirm haben
Wer den Mental Load fair verteilen möchte, muss ihn überhaupt erst einmal sehen. Das fällt insbesondere Männern schwer. Nicht wenige dürften sich fragen: Worüber reden wir hier eigentlich?
Schauen wir uns ein typisches Beispiel an: den Wocheneinkauf.
Eine Aufgabe, die der Mann vielleicht gern übernimmt. „Aber er bekommt vorher eine Einkaufsliste von seiner Frau“, sagt Cammarata. Und genau darin liegt die eigentliche geistige Arbeit.
Oft ist es die Frau, die überlegt:
- Was essen wir diese Woche?
- Welche Vorräte haben wir noch?
- Wie hoch ist unser Budget?
- Gibt es eine Kita-Feier, die man mit einplanen muss?
All das mitzudenken, ist unsichtbare Denkarbeit. Mit einer Liste einkaufen zu gehen, kann sich da fast schon entlastend anfühlen.
„Man hat quasi eine Chefin und einen Zuarbeiter“, sagt Cammarata. „Der Zuarbeiter wartet darauf, dass ihm Aufgaben zugewiesen werden und erledigt diese. Aber er macht sich keine großen Gedanken.“

Im Alltag wird es schnell chaotisch – und oft ist es die Frau, die den Überblick hat. Foto: Anna Hirte/dpa-tmn
Aufgaben erledigen vs. Verantwortung übernehmen
Dieser Unterschied ist ganz zentral:
1. Wer erledigt eine Aufgabe?
2. Wer übernimmt die Verantwortung?
„Sag mir doch einfach, wie ich dir helfen kann“ – das ist ein beliebter Satz von Männern, aber keine Lösung des Problems.
Wer denkt daran, dass eine Aufgabe noch erledigt werden muss – und wer initiiert das? „Das ist der Punkt, an dem wirkliche Entlastung entsteht“, sagt Cammarata. Hier liegt die Verantwortung.
Die Autorin gibt ein passendes Beispiel: Kinderschuhe kaufen.
„Die Frau hat auf dem Schirm, dass sie in der Schule jetzt wieder von der Turnhalle zum Draußensport wechseln und das Kind andere Schuhe braucht, weil die weißen Sohlen nicht dreckig werden dürfen.“
Das zu wissen und rechtzeitig aktiv zu werden, ist der Mental Load.
Was ist also die Lösung? Der Mann übernimmt eben nicht nur einzelne To-Dos, sondern ganze Prozesse, empfiehlt Cammarata.
„Es hilft zum Beispiel nicht, wenn die Frau jedes Mal sagt: Schatz, füll doch bitte mit deiner Tochter den Mittagessenzettel für den Hort aus.“ Besser: Der Mann übernimmt das ganze Thema Mittagessen.
Oder eben: neue Kinderkleidung für den Sommer.
Mentale Arbeit fair verteilen – wo fange ich an?
Zunächst geht es darum, sich eine Übersicht zu verschaffen: Was steht bei uns im Haushalt an? Was erzeugt überhaupt alles Mental Load?
„Diese Arbeit muss man sichtbar machen“, sagt Cammarata.
Schritt 1: Verantwortungsbereiche und Aufgaben auflisten
Tatsächlich hilft es, einmal aufzuschreiben, was alles zu tun ist und woran gedacht werden muss – Haushalt und Garten, Kind und Kita, Finanzen und Versicherungen. Hinzukommen Geschenke und Geburtstage von Familie und Freunden, aber auch die Beziehung selbst.
Im Internet finden Paare etwa den Equal-Care-Test von Jo Lücke. Den können beide gemeinsam ausfüllen oder auch erstmal für sich.
Wer es weniger grundsätzlich angehen will, schaut sich an, wo der Leidensdruck akut am größten ist, rät Moni Müller. „Die Frage ist, wo muss ich etwas abgeben, weil ich wirklich nicht mehr kann?“
Schritt 2: Zuständigkeiten verteilen
Verantwortung aufzuteilen, heißt nicht, dass jeder seine Bereiche hat und sich um nichts anderes mehr mit dem Partner gemeinsam kümmert.
„Im ungünstigsten Fall kann das zu einer Art Fachlehrerprinzip führen“, sagt Müller. Nach dem Motto: Ich kümmere mich um meine Fächer, alles andere liegt außerhalb meiner Verantwortung. „Das ergibt nicht bei jeder Aufgabe Sinn.“
Wenn man Zuständigkeiten verteile, müsse man im Austausch bleiben und sich rückversichern: Passt das für dich noch? Macht diese Aufteilung für dich weiterhin Sinn?
Es wird auch immer Dinge geben, die beide im Blick haben müssen.

Wäschechaos? Hier helfen klare Zuständigkeiten. Foto: Anna Hirte/dpa-tmn
Schritt 3: Nachjustieren und Routinen entwickeln
Die Vorstellung, dass man den Mental Load ein für alle Mal regelt, ist eher unrealistisch. Allein schon, weil die Veränderung von Gewohnheiten, Abläufen und Routinen Zeit braucht.
Wichtig ist ein regelmäßiger Austausch. Müller rät zu einem festen Termin am Wochenende, ohne die Kinder und ohne müde und überlastet zu sein. „Sonst stehen schlechte Gefühle nicht schon im Raum, bevor man überhaupt anfängt, darüber zu sprechen.“
- Was hat gut funktioniert und was hat nicht?
- Was sollten wir anders machen?
- Was hast du doch wieder übernommen, obwohl wir eigentlich besprochen hatten, dass ich es mache?
- Wo können wir einander noch besser entlasten?
„Das nimmt erst einmal Zeit in Anspruch“, sagt Müller. „Aber mit der Zeit wird es immer selbstverständlicher.“ Auch Cammarata findet diese Metaebene wichtig, „damit man nicht wie an einem Gummi in alte Muster zurückschnellt“. Mit der Zeit kann man bestimmte Bereiche ganz von der Besprechungsliste streichen. Sie laufen von selbst.
Hilfreich ist es, Routinen zu etablieren. „Alles, was ritualisiert ist, braucht keinen Mental Load mehr, weil die Planung schon erledigt ist“, sagt Cammarata. „Dann geht es nur noch um die Umsetzung.“
Wann ist die Aufteilung wirklich fair?
Das ist sehr individuell, 50/50 muss es nicht sein.
„Die Aufteilung muss zu den eigenen Ressourcen und Erwartungen passen“, sagt Cammarata. „Für ein Paar kann eine 30/70-Aufteilung völlig stimmig sein, für ein anderes nicht.“
Außerdem kommt es auf die Lebensphase an. Was vor einem Jahr gepasst hat, passt heute eventuell nicht mehr. Vielleicht fängt der Partner oder die Partnerin einen neuen Job an, der viel Einsatz erfordert. Für andere Dinge bleibt weniger Energie. „Dann kann man vereinbaren: In sechs Monaten sprechen wir noch einmal darüber.“
Ob die Aufteilung gerecht ist, hängt auch davon ab, wie umfangreich die Aufgaben sind – und ob beide den Aufwand gleich beurteilen. Das ist längst nicht immer so. Ist das Bad nun sauber oder nicht?
Cammarata rät, eine Definition of Done festzulegen. Also: Wann gilt eine Aufgabe als erfüllt? Zu kleinteilig werden sollte es aber nicht.
Beispiel Schuhkauf für die Kinder: „Man einigt sich darauf, dass die Schuhe zur Jahreszeit passen müssen, nicht drücken und ein bestimmtes Budget nicht überschreiten dürfen. Die Frau kann sagen: Wenn du diese drei Dinge einhältst, halte ich mich ansonsten komplett raus.“
Ob dann Delfine oder Dinos auf den Schuhen sind, entscheidet der Mann. Wenn die Frau das Motiv hässlich findet, ist das so.
Warum es schwer ist, Verantwortung abzugeben
Das Beispiel mit den Schuhen mag etwas albern klingen. Doch Moni Müller beobachtet häufig genau solche Streitfälle, die sich um Kleinigkeiten drehen. „Die Frau sieht, dass das T-Shirt nicht gut zum Rock passt, und ärgert sich, dass sie das Kind nicht selbst angezogen hat. Damit macht man sich das Leben natürlich schwer.“
Damit der Mann Verantwortung übernehmen kann, muss die Frau ein Stück weit Verantwortung abgeben. „Das heißt, ich sollte nicht mehr erinnern oder nachkontrollieren“, sagt Müller. „Und ich muss meinen Perfektionismus in bestimmten Bereichen herunterschrauben.“
- Bringt der Mann das Kind rechtzeitig zum Fußball?
- Denkt er an die Sonnencreme und Schienbeinschoner?
- Weiß er, dass er noch den einen Freund mitnehmen muss?
„Solange man all das noch selbst mitdenkt, liegt der Mental Load weiterhin voll auf den eigenen Schultern“, sagt Müller.

Denkt er wohl daran, die Kappe für den Kleinen mitzunehmen? Foto: Anna Hirte/dpa-tmn
Verantwortung abzugeben, braucht Zeit. „Frauen tun sich manchmal schwer damit, wenn sie über lange Zeit eine Kompetenz aufgebaut haben: planen, umsetzen, Feuerwehrdienst leisten. Genau das muss man dem Partner aber zutrauen“, sagt Cammarata. „Man muss sagen können: Der kann auch mal etwas verbaseln oder vergessen. Vielleicht läuft es nicht ganz so, wie man es sich vorgestellt hat. Aber der kriegt das hin.“ Das Schöne ist: Mit der Zeit wächst das Vertrauen.
„Ist doch nicht so wichtig“ – was machen wir jetzt?
Er findet es nervig, wenn Sachen in der Wohnung herumliegen – sie stört das nicht. Sie nimmt sich Zeit für Geburtstagskarten und Geschenke – er schreibt eine WhatsApp-Nachricht. Viele Paare haben unterschiedliche Prioritäten und Empfindungen. Trotzdem müssen viele Dinge gemeinschaftlich entschieden und erledigt werden.
Hier zählt ein verlässlicher Erwartungshorizont, sagt Cammarata.
Beispiel 1: Urlaubsplanung
Hier müssen Paare verbindlich klären, wann die Aufgabe überhaupt beginnt, sagt die Autorin. Manche planen lieber früh, andere lassen sich Zeit. „Wenn der Partner verlässlich sagt, diese Woche schaffe ich es nicht, aber ich habe es auf dem Schirm und bringe am Wochenende Vorschläge mit, entsteht Vertrauen.“
Beispiel 2: Care-Arbeit
Manche Dinge haben einfach oberste Priorität. „Ein Kind kann man nicht einfach morgen abholen, weil es heute stressig ist“, sagt Cammarata. Anders, als etwa den Reifendruck zu überprüfen.
Und es gibt immer Themen, bei denen einer keine Abweichungen wünscht. „Da ist mir wichtig, dass es auf eine bestimmte Art gemacht wird. Wenn zum Beispiel das Kind Logopädie hat, kann man sagen, ich möchte wirklich, dass die Übungen jeden Abend gemacht werden.“ Dagegen muss das Pausenbrot für die Schule nicht jeden Tag perfekt sein.

Ob Geschenk oder Kuchen: Auch schöne Dinge brauchen Planung. Foto: Anna Hirte/dpa-tmn
Warum es sich lohnt, das Mental-Load-Thema anzugehen
Paare beugen damit Frustration vor. Sie entwickeln das Gefühl: Wir sitzen in einem Boot. Wenn die Zeiten mal schwierig sind, kommen wir gemeinsam durch. „Das stärkt die Beziehung“, sagt Müller. Man sei nie fertig mit dem Thema. „Aber irgendwann wird es weniger anstrengend.“
Patricia Cammarata plädiert dafür, den Mental Load nicht nur auf praktische Alltagsdinge zu beziehen. Sondern auch auf etwas, dass sie „Magic“ nennt. „Gemeint ist alles, was das Leben schöner, gemütlicher und liebevoller macht. Und alle Dinge, die die Beziehung lebendig und liebevoll halten.“ Gemeinsame freie Tage gestalten, die Wohnung schöner machen, liebevolle Gesten, kleine Aufmerksamkeiten.
„Das trägt unsichtbar ganz viel zum Wohlbefinden bei.“