Diakonische Einrichtungen in Goslar ziehen jetzt an einem Strang
Benedikt Kappler von der Grotjahn-Stiftung, Abendfrieden-Leiter Martin Voges und Andreas Jensen als Vorstand des Kirchlichen Verein. Foto: Hohaus
Sind kleine Alten- und Pflegeheime auf Dauer nicht mehr konkurrenzfähig auf dem Markt? Wer sich gemeinsam auf den Weg macht, ist vielleicht besser dran. Ein Weg, den das Haus Abendfrieden und die Grotjahn-Stiftung zusammen gehen wollen.
Goslar. Kürzlich feierte das Goslarer Haus Abendfrieden seinen 70. Geburtstag (die GZ berichtete). Eine stattliche Zahl an Jahren. Aber auch im „Seniorenalter“ ist niemand vor Veränderungen gefeit – und hinter den Kulissen tut sich einiges. Ziel ist es, zukunftsfähig zu sein und zu bleiben. „Wir wollen die diakonische Altenpflege neu aufstellen“, lautet die Information beim Pressegespräch, an dem neben Abendfrieden-Leiter Martin Voges auch Andreas Jensen als Vorstand des Kirchlichen Vereins und Benedikt Kappler von der Grotjahn-Stiftung in Schladen teilnahmen.
Die Teilnehmer weisen schon in die Richtung, in die es geht: Grotjahn-Stiftung und Abendfrieden wollen sich gemeinsam auf den Weg in die Zukunft machen. Ein komplexes Vorhaben, denn es geht um viele Themen von Personalfragen über Managementaufgaben, Orga-Entwicklung bis hin zur rechtlichen Vertretung – und letzten Endes auch um Kirchensteuermittel.
Zusammen wetterfester
„Wie kriegen wir uns wetterfest? Und: Wo sind wir zusammen wetterfester?“ sind Fragen, die den Gesprächen laut Jensen zugrunde liegen. Im Miteinander zweier Partner sei alles leichter, sind die Protagonisten überzeugt – und so gab und gibt es einen regen Austausch mit wöchentlichen Treffen (der „Jour fixe“ wird freitags im Wechsel in Goslar und Schladen abgehalten) zwischen Abendfrieden und Grotjahn-Stiftung, die laut Homepage das gesamte Spektrum von der ambulanten bis zur vollstationären Pflege als auch der Palliativpflege und seelsorgerischen Unterstützung abdeckt. Zur Stiftung gehören ein Altenheim, eine Seniorenwohnanlage und ambulante Angebote.
In Schwung kam das Gedankenkarussell mit dem Ruhestand von Abendfrieden-Heimleiterin Cornelia Tiefenbach, die in Doppelfunktion tätig war und auch den Vorsitz des Kirchlichen Vereins als Trägerverein bekleidete. Eine Konstruktion, die künftig vermieden werden soll: Heimleitung und Vorstand in Personalunion kam für Tiefenbachs Nachfolger Martin Voges nicht infrage. Für Jensen eine gute Gelegenheit und der richtige Zeitpunkt, innezuhalten und zu gucken: „Sind wir eigentlich konkurrenzfähig?“ Die wenigsten Altenheime in Deutschland seien als Verein organisiert, sagt der Verwaltungsratsvorsitzende, der für ein Jahr lang auch ehrenamtlicher Vorstand ist. Er wisse nur von zwei Einrichtungen in Niedersachsen.
Dem Menschen verpflichtet
Beide Partner sind diakonische Einrichtungen und wollen es auch bleiben; das eint sie. Ansonsten sind sie unabhängig. „Wir sind Teil der diakonischen Altenpflege in dieser Stadt“, sagt Jensen für den Abendfrieden. Diakonie stellt den Menschen in den Mittelpunkt; unter dem Begriff versteht man „alle Aspekte des Dienstes am Menschen im kirchlichen Rahmen“ (Wikipedia). Nicht auf den Profit, sondern auf die christliche Nächstenliebe kommt es an, so die Theorie, die jeden Tag aufs Neue die Praxis bestimmen soll.
„Wir liegen nicht weit auseinander“, hat Jensen bei der gegenseitigen Annäherung festgestellt. Die Partner nahmen einen Experten für Steuerfragen mit an Bord – und konnten schnell erste Synergieeffekte ausmachen. So müsse man das System der elektronischen Patientenakte nicht für jedes Haus separat einführen; einmal reicht. Bereits vorhandene unterschiedliche Systeme werden angeglichen, eine gemeinsame Software genutzt. „Das zahlt ein auf die Qualität der Häuser“, ist sich Jensen sicher.
Neue Gesellschaftsform
Der Zusammenschluss ist in Form einer neuen gGmbH geplant, eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung unter der Fahne der Gemeinnützigkeit. Die Grotjahn-Stiftung bildet das Dach, Benedikt Kappler ist ihr Geschäftsführer. Damit Goslar nicht einfach in Grotjahn aufgeht, wurde statt des Kirchlichen Vereins ein neuer Verein aus der Taufe gehoben; der „Verein für evangelische Altenhilfe und Seelsorge in Goslar“ befindet sich derzeit in Gründung und wird zweiter Gesellschafter mit Aufsichts- und Beratungsfunktion. Ende August soll alles stehen, dann können die Macher noch einmal ausführen, wie sie künftig voneinander profitieren. „Das Attraktive daran ist, dass wir gegenseitig voneinander lernen“, sagt Kappler, der für die Stiftung die Chance sieht, zu wachsen, ohne Anonymität zu schaffen.
„Wir werden nicht geschluckt und es ist auch keine Fusion“, machen dagegen die Goslarer deutlich; jeder behalte sein eigenes Gesicht vor Ort und Goslar bestimme die Strategie mit. An der Pflege soll nicht gespart werden, an anderen Dingen schon. Kappler, Jensen und Voges sind zuversichtlich, dass die neue gGmbH eine Größe hat, die man gut „steuern und lenken“ könne. „Das vereinfacht vieles und macht uns etwas robuster“, sagt Jensen. Er verweist auf die notwendige Erfüllung gesetzlicher Anforderungen, und gestalten wolle man ja auch noch. „Wir haben mehr Möglichkeiten, Aufgaben zu verteilen; die Belastungen reduzieren sich“, glaubt Voges, der die Herausforderungen im Pflegealltag weiter wachsen sieht. „Kleine Häuser schaffen das einfach nicht mehr“, meint er. Im Verbund sieht das anders aus, so die Hoffnung: „Wir sind eine diakonische Familie“, sagt Jensen. Für die Mitarbeiter ändere sich nichts, die Arbeitsverträge bleiben, die Entlohnung nach Tarif. „Formwechsel“ laute das Zauberwort.
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