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Nach der Wolfsattacke in Hamburg

GZ Plus IconGefahr im Harz? So schätzen Experten die Situation ein

Ein Wolf läuftdurch ein Gehege.

Ein Wolf läuft durch ein Gehege in einem Tierpark. Nach der Wolfsattacke in Hamburg stellt sich die Frage, ob künftig häufiger mit brenzligen Situationen gerechnet werden muss. Foto: picture alliance/dpa

Nach der Wolfsattacke in Hamburg ist offen, wie mit dem Tier umgegangen wird. Im Harz, wo mehrere Rudel leben, stellt sich zudem die Frage nach der Gefahr durch den Wolf.

Von Oliver Stade Mittwoch, 01.04.2026, 16:00 Uhr

Harz. Wie geht es mit dem Wolf weiter, der in Hamburg in einem Einkaufszentrum eine Frau gebissen hat? Raoul Reding, Wolfsbeauftragter der Landesjägerschaft Niedersachsen, hat dazu eine klare Meinung. Die GZ hat ihn und weitere Experten außerdem dazu befragt, für wie wahrscheinlich sie Wolfsbegegnungen im Harz halten, in einer Region, in der sich mehrere Rudel aufhalten.

Reding sagt, es gebe grundsätzlich drei Optionen im Umgang mit dem Wolf aus Hamburg: ihn dauerhaft in einem Gehege unterzubringen, ihn mit einem Sender auszustatten und frei zu lassen oder ihn zu töten. Reding rät zur letztgenannten Alternative. Denn der Wolf habe nun die Erfahrung gemacht, dass er sich erfolgreich gegen den Menschen wehren kann. Dadurch habe er künftig weniger Respekt.

„Nichts wäre peinlicher“

Das Tier mit einem Sender auszustatten und freizulassen, hält Raoul Reding für „nicht weit genug gedacht“. Denn die Technik funktioniere nicht immer zuverlässig. Falle sie aus und in der Öffentlichkeit werde ein Wolf mit Halsband gesichtet, entstehe Panik. „Nichts wäre peinlicher, wenn das Tier nicht mehr zu orten ist“, sagt Reding. Eine solche Situation schade zudem „der Akzeptanz des Wolfes“ und des Wildtiermanagements, erklärt der Wolfsbeauftragte Reding.

Den Wolf aus Hamburg, bei dem es sich offenbar um ein junges Tier handelt, dauerhaft in einem Gehege einzusperren, hält Raoul Reding aus Tierschutzgründen nicht für angebracht. Er kritisiert die Behörden zudem dafür, dass das Tier, nachdem es eingefangen wurde und in das Wildgehege Klövensteen bei Hamburg kam, von dort in eine Auffangstation bei Sachsenhagen nach Niedersachsen gebracht wurde. So sei der Wolf „wieder unter Stress gebracht worden“. Reding findet deutliche Worte. Das sei „schon fast skandalös“. Aufgrund der hohen Emotionalität bei dem Thema sei das zwar zu erklären, aber „mit Sachlichkeit hat das nichts zu tun“, sagt der Wolfsbeauftragte.

Ohnehin sei noch einiges unklar, sagte Reding am Mittwochvormittag auf GZ-Anfrage. Ein junger Wolf auf Wanderschaft sei in die Stadt geraten und habe eine Frau gebissen oder gekratzt, von der er sich offenbar in die Enge getrieben gefühlt habe. Diese Situation habe die Verletzung durch das Tier verursacht. Weil der Wolf sich zunehmend ausbreite, müsse die Gesellschaft damit rechnen, dass so etwas in Zukunft wieder passiere, wenngleich die Wahrscheinlichkeit „sehr gering“ sei.

„Keine Risikosituation“

Soweit bekannt, ist der Vorfall in Hamburg der erste Wolfsangriff auf einen Menschen hierzulande, seit die Tiere sich vor rund 25 Jahren nach ihrer Ausrottung wieder in Deutschland angesiedelt haben. Wie groß ist also die Gefahr im Harz? In der Region sind Rudel im Eckertal und in Braunlage bekannt sowie umherstreifende Wölfe im Huy und ein Rudel, das sich vermehrt und im Raum Ilfeld in Thüringen aufhält. Anfang Februar wurden nahe Suderode im Harzkreis mehrere Schafe von einem oder mehreren Wölfen gerissen.

Ole Anders ist Luchs- und Wolfsbeauftragter des Nationalparks Harz, er kennt sich mit Raubtieren sehr gut aus. Aus der Entfernung könne er zu diesem Fall nur schwer eine Einschätzung abgeben. Anders verweist darauf, dass es in den vergangenen Jahren, „seit es Wölfe im Harz gibt“, keine Situationen wie aus Hamburg bekannt sind. Mit Blick auf Hamburg spricht er von einem „besonderen Ereignis“, für das im Harz keine Anzeichen zu erkennen seien. „Ich sehe keine Risikosituation“, sagt Anders.

Ohnehin lobt er „alle Beteiligten“ im Harz. „Die Hysterie wie anderswo findet hier nicht statt.“ Dem Thema müsse „ruhig und besonnen“ begegnet werden, „ohne die Probleme zu ignorieren“. Wer sich nach dem Vorfall in Hamburg angesichts der Ausbreitung des Wolfes um seine Sicherheit sorge, dem empfiehlt er, um das Thema besser einzuordnen, im Internet zu googeln, wie häufig sich Wildschweine in Berliner Supermärkte verirren.

Gelassen reagiert auch Mechthild Wenke, Vorsitzende der Jägerschaft Goslar. Bei dem Tier aus Hamburg handele es sich offenbar um einen Jungwolf, der sein Rudel verlassen musste. Es sei jetzt aber nicht damit zu rechnen, dass demnächst in Braunlage ein Wolf vor dem Eisstadion stehe.

Immer anleinen

Hundehaltern legt Wenke indes ans Herz, ihre Vierbeiner anzuleinen und mit dem Tier auf öffentlichen Wegen zu bleiben. „Dann sehe ich kein Risiko.“ So könne vermieden werden, auf einen Wolf mit einem Riss zu stoßen, für den eine Konkurrenzsituation entstehe, die gefährlich werden könne. Grundsätzlich würden „Wölfe so heimlich leben, dass sie dem Menschen aus dem Weg gehen“. Wenke sagt: „Es ist nicht damit zu rechnen, dass sie aggressiv werden, solange man sie nicht bedrängt.“ Das sei bei Wildschweinen ähnlich.

Und wenn es doch zu einer als gefährlich eingeschätzten Begegnung mit einem Wolf oder einem Luchs kommt? Experten raten meist dazu, Abstand zu halten, sich dem Tier nicht zu nähern, aber auch nicht wegzurennen und möglicherweise zu versuchen, das Tier mit Armbewegungen und lauten Rufen zu vertreiben. Ole Anders sagt dazu, er halte nicht viel von „Verhaltensmaßregeln“. Die Menschen würden in solchen Situationen instinktiv richtig reagieren. Wichtig sei, dem Tier „seinen Raum zu lassen“ und Abstand zu halten.

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