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Tierische Frühlingsgefühle

GZ Plus IconWildkatze Clarence geht auf Liebestour durchs Harzburger Gehege

Wildkatze Clarence ist seit 2017 im Gehege bei Bad Harzburg zuhause und wird im April zehn Jahre alt. Ihr besonderes Merkmal: sie schielt.

Wildkatze Clarence ist seit 2017 im Gehege bei Bad Harzburg zuhause und wird im April zehn Jahre alt. Ihr besonderes Merkmal: sie schielt. Foto: Exner

Seit Januar büxt Wildkatze Clarence regelmäßig aus ihrem Gehege bei Bad Harzburg aus, sucht aber nicht das Weite, sondern ihre Artgenossen nebenan. Das steckt dahinter.

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Von Christoph Exner
Montag, 16.03.2026, 19:45 Uhr

Bad Harzburg. Ganz oben auf dem Zaun ihres Geheges angekommen, hält Wildkatze Clarence kurz inne und lässt den Blick unter sich schweifen. Wem ihrer Artgenossen im Erlebniszentrum an der Marienteichbaude soll sie heute einen Besuch abstatten? Ihrem Bruder Fritzi vielleicht? Oder doch lieber Kuder Karlo? Clarence dreht sich geschickt um – und klettert rückwärts wieder hinunter. Eine Technik, die das neunjährige Weibchen in den vergangenen Wochen perfektioniert hat.

Warum sie aus ihrem Gehege ausbüxt? An einem plötzlich aufgetretenen Freiheitsdrang kann es nicht liegen. Schließlich sucht Clarence, obwohl sie es jederzeit könnte, nicht das Weite. Das hat sie noch nie getan, nicht einmal 2017, als im Sturm umgestürzte Bäume einen Teil ihres Geheges einrissen. Anstatt in die Wildnis zu entfliehen, blieb sie damals brav in ihrem Gehege sitzen und wartete auf die Tierpfleger des Nabu und deren Fütterung. Nein, Clarence klettert über den Zaun, um anschließend durch die anderen Gehege zu pirschen. Manchmal läuft sie dazu auch ein Stück auf der Zaunkrone entlang.

Vor der Nase weg

Getrieben werden dürfte sie dabei vor allem durch ihre Hormone. Zwischen Januar und März ist bei den Wildkatzen nämlich Paarungszeit, in der Fachsprache auch Ranzzeit genannt.

Clarence ist laut ihrer Pfleger zwar sterilisiert. Das hindert sie jedoch nicht daran, sich bei ihren Runden durchs Gehege mit den Kudern zu vergnügen. Auch legt sie sich in die Hütten ihrer Artgenossen oder frisst ihnen das Futter vor der Nase weg. Das tut sie sogar bei Karlo. Und der kennt normalerweise keine Freunde, wenn es ums Essen geht.
Seit Januar – hier eine Aufnahme von Anfang des Jahres – büxt Clarence regelmäßig aus und läuft über die Zaunkrone in die Gehege ihrer Artgenossen.

Seit Januar – hier eine Aufnahme von Anfang des Jahres – büxt Clarence regelmäßig aus und läuft über die Zaunkrone in die Gehege ihrer Artgenossen. Foto: Privat

Doch im Augenblick ist das alles anders. Im Augenblick sei Karlo tiefenentspannt, berichtet Joachim Jerke von der Nabu-Kreisgruppe Goslar. Denn auch bei den Kudern würden die Hormone aufgrund der Paarungszeit verrückt spielen.

Dass Clarence regelmäßig ausbricht, überrascht das Team des Wildkatzengeheges deshalb nicht, man wolle – und könne – es auch gar nicht verhindern. „Selbst wenn wir sie zurückscheuchen würden, würde sie fünf Minuten später wieder am Zaun hochklettern“, glaubt Jerke. „Wenn die Katzen erst einmal wissen, wie sie rauskommen, dann haben sie es in Fleisch und Blut.“

Von klein auf Zäune gewöhnt

Mit Ausnahme hin und wieder vorübergehend aufgenommener Findelkinder sind die Wildkatzen an der Marienteichbaude Gehegetiere, die in ihrem Leben bislang nie auf freiem Fuß gewesen sind. Auch Clarence kam einst aus dem Tierpark Anholter Schweiz nach Bad Harzburg. Trotzdem behalten die Tiere ihr Leben lang ihr wildes Gemüt. Bei einigen ist dieses besonders ausgeprägt. Zuletzt etwa bei Kuder Findus, der immer wieder versuchte, aus seinem Gehege auszubrechen, Anfang 2025 dann auch entkam und seitdem das Gebiet zwischen Marienteichbaude und Okertalsperre durchstreift.
Das sogenannte Hobbithaus am Eingang des Wildkatzengeheges wird derzeit abgerissen. Hier sollen drei neue Hütten entstehen.

Das sogenannte Hobbithaus am Eingang des Wildkatzengeheges wird derzeit abgerissen. Hier sollen drei neue Hütten entstehen. Foto: Exner

Sollte auch Clarence mit einem Mal einen Sinneswandel bekommen, das Wildkatzengehege tatsächlich verlassen und durch den Wald streifen wollen – Jerke ist überzeugt, dass sie spätestens zur Fütterungszeit wieder zurück wäre. „Und falls nicht, dann ist das so. So ist die Natur.“

EXPANSION FÜR DEN NACHWUCHS

Jedes Jahr nach der Ranzzeit werden kleine Wildkatzenbabys ohne ihre Mutter gefunden – geschwächt und meist ohne Überlebenschance in der Natur. Diese Findelkinder brauchen Hilfe, Pflege und medizinische Versorgung, damit sie eines Tages wieder in die Wildnis zurückkehren können. Bevor es soweit ist, kommen solche Tiere in Auffangstationen oder eben in Gehegen wie dem bei Bad Harzburg unter. So wie zuletzt beispielsweise vergangenes Jahr, als man gleich drei gefundene Wildkatzenkinder aufnahm, von denen zwei vor Kurzem wieder ausgewildert wurden (die GZ berichtete). Um dies auch weiterhin tun zu können, möchte das Bad Harzburger Wildkatzengehege expandieren und drei zusätzliche Gehege bauen. Den größten Teil der Finanzierung übernehme die Heinz-Sielmann-Stiftung, berichtet Gehege-Leiterin Annett Jerke. Allerdings reiche dieses Geld nicht aus. Deshalb bittet sie nun um Spenden, möglich über die Internetseite gofundme.com unter Eingabe der Suchworte „Gehegebau Wildkatze“.

Auch sonst wird im Wildkatzengehege derzeit umgebaut: Das sogenannte Hobbithaus am Eingang wird aktuell abgerissen. In ihm waren früher mal Kaninchen und Feuersalamander untergebracht, zuletzt diente es als Lagerhaus. An gleiche Stelle kommen laut Jerke drei neue Hütten; ein Kassenhaus, ein Futterhaus sowie eine Hütte für die Hauskatzen Karli und Stewart. exe

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