Rätsel um Goslars „Villa Romana“ neu beleuchtet
Historikerin Dr. Christina Wötzel hält beim Geschichtsverein Goslar einen Vortrag. Foto: Privat
Gab es vor dem Kloster Neuwerk eine römische Anlage? Ein Vortrag präsentiert neue Funde, alte Urkunden und spannende Spuren in Goslars früher Geschichte.
Goslar. Der Bereich des ehemaligen Benediktiner-Frauenstiftes Neuwerk mit der Kirche „Maria in horto“ trägt neben dem Namen „Novum Opus“ auch die rätselhafte Bezeichnung „Villa Romana“. Was es damit auf sich haben könnte, war Gegenstand eines Vortrages der Historikerin Dr. Christina Wötzel beim Geschichtsverein. Ausweislich der im Urkundenbuch der Stadt aufgeführten Urkunde vom 16. Oktober 1186 wurde das Kloster mit Zustimmung des Bischofes von Hildesheim vom kaiserlichen Voigt Volkmar von Wildenstein und seiner Gattin außerhalb des Rosentores gegründet. Zwei weitere Urkunden belegen die Klostergründung: Ein kaiserlicher Schutzbrief aus dem Jahre 1188 und eine päpstliche Bestätigungsurkunde von 1199. Das Grundstück des Klosters soll sich von der heutigen Rosentorstraße im Osten bis zur Bäringerstraße im Westen und vom heutigen Vititorwall bis zur Schilderstraße erstreckt haben.
War das „Novum opus“ eine christliche Einrichtung, wie man sie auch anderenorts an Stellen mit zuvor heidnischer Bedeutung findet? War die Fläche also bereits seit Jahrhunderten in Nutzung? Wötzel kann und will diese Frage nicht beantworten. Grabungen seien erforderlich. Aber leider werde die Archäologie in Goslar meist nur dann tätig, wenn Baumaßnahmen geschichtliche Verluste befürchten lassen. Der Grabungsumfang wird in Ausdehnung und Tiefe von den Neubaumaßnahmen bestimmt, nicht aber vom Forschungsinteresse geleitet. Auch lasse die Berichterstattung über Grabungen zu wünschen übrig.
Legendäre Erzählungen
Unbestreitbar ist, dass bisher nur legendäre Erzählungen, nicht aber Urkunden oder archäologische Funde für Goslar in die Zeit vor 1005 zurückweisen. Aber es ist wissenschaftlich gesichert, dass am Rammelsberg schon vor mindestens 2000 Jahre Bergbau erfolgte und eine zugehörige Ansiedlung, in welcher Form auch immer, entsprechend lange bestanden haben müsste. Wötzel möchte nicht ausschließen, dass die „Villa Romana“ nicht erst unter den Saliern auf der „Grünen Wiese“ errichtet wurde, sondern bereits durch die Römer oder die Franken oder später die Ottonen.
Die frühere Schulmeinung, mit der Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus seien die Römer aus Germanien vertrieben worden und nicht zurückgekehrt, ist lange widerlegt. „Roms vergessener Feldzug“ mit der Schlacht am Harzhorn unter dem Soldatenkaiser Maximinus Thrax im Jahr 235, aber auch das nahezu zeitgleich 2009 entdeckte Römerlager aus dem ersten bis dritten Jahrhundert nach Christus im Kyffhäusergebirge bei Hachelbich, sprechen eine andere Sprache. Im Januar 2026 wurden Forschungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt bekannt, wonach die bislang nordöstlichsten römischen Lager im freien Germanien entdeckt worden waren - eine archäologische Sensation. Unter den entdeckten Marschlagern befindet sich auch eins im Nachbarlandkreis Harz.
Was wussten die Römer?
Die Römer trieben mit Germanen Handel, insbesondere um Metalle. Wenn seit 300 nach Christus Kupfer aus Rammelsberger Erzen in Düna bei Osterode gewonnen wurde, dürften die Römer davon gewußt haben. Könnten sie nicht auch den Fundort aufgesucht haben?
Auch wenn sich Römerfunde rund um Goslar „verdichten“: Belege für eine Stipvisite der Römer zum Rammelsberg oder ein längerfristig angelegtes Römerkastell mit integrierter „Villa Romana“ als Vorläufer des späteren „Novum Opus“ fehlen. Wötzel spricht von Indizien.
Da die Franken römische Begriffe übernommen hatten, könnte die „Villa Romana“ auch aus fränkischer Zeit stammen. Für ihre Feldzüge gegen die Sachsen benötigten sie Stützpunkte. Da die Heide mit ihren gefährlichen Mooren gemieden wurde, dürfte ihnen das Harzvorland für ihre Durchzügen gedient haben. Geschichtsschreiber der Neuzeit wie Heineccius spekulieren über die Franken als Gründer der Villa Romana.
Einige Indizien sprächen aber auch für Heinrich I., der während des mit den Ungarn ausgehandelten Waffenstillstandes nach der Überlieferung am Fuße des Kattenberges Soldaten ausgebildet und im Schimmerwald Kampfpferde gezüchtet haben soll.
Was bleibt: Indizien und viele Fragen. Und der Reiz, die Frühgeschichte Goslars weiter zu durchdringen. red
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