Wegfall der Schulgrenzen: Goslarer Schulleitungen schlagen Alarm
Ausgangspunkt des Streits sind letztlich Veränderungen im Einzugsbereich der Goetheschule. Foto: Epping (Archiv)
Warum nicht bei den Grundschulen einführen, was bei den weiterführenden Schulen im Landkreis seit Jahren gang und gäbe ist? Aus Sicht der Schulleitungen sprechen jede Menge Gründe dagegen. Sie positionieren sich in einem Papier, das der GZ vorliegt.
Goslar. Sollen die festen Einzugsbereiche künftig auch für die Goslarer Grundschulen fallen? Was im Landkreis Goslar unter der Maxime des freien Elternwillens bei den weiterführenden Schulen leidlich klappt – inzwischen haben vier von fünf Instituten im Goslarer Stadtgebiet Obergrenzen eingezogen –, dient als Vorbild für einen Ratsantrag, der hinter den Kulissen für mächtigen Wirbel sorgt und wie berichtet Ende Mai auf die Tagesordnung des Schulausschusses rücken soll. Seit Anfang der Woche existiert ein ratsoffener Brief aller Grundschulleitungen, die sich vehement gegen einen Wegfall der Schulgrenzen aussprechen.
In dem Papier, das der GZ vorliegt, nehmen die Leitungen Bezug auf ein Gespräch vom 6. März auf Einladung jener Fraktionen, die den Antrag gestellt haben. Zu ihnen zählen neben den Linken und dem fraktionslosen Niklas Prause im Fortgang auch die CDU, Grüne Partei 42 und die Bürgerliste. In diesem Gespräch ist es aus Sicht der Rektorinnen zu „wenig wertschätzenden“ Äußerungen zur Arbeit an den Schulen gekommen. Die Politik habe die Leitungen „massiv und ohne Sachkenntnis, einzig mit dem Blick von außen auf Schule, meinungsbezogen bewertet“, heißt es weiter. Als Beleg ist ein Zitat von Rüdiger Wohltmann (Linke) angeführt, der gesagt habe: „Manche Schulleitungen arbeiten, gut, andere besser, aus Sicht der Eltern arbeiten alle schlecht“.
„Nicht beachtet und abgetan“
Ihre Expertisen hätten die Ratsvertreter „grundsätzlich vom Tisch gewischt, nicht beachtet und abgetan“, schreiben die Schulleitungen. Darüber hinaus ignorierten die Politiker in ihren Ideen bestehende Rechtslagen. Zum Beispiel sei die mögliche Deckelung der Schülerzahlen seitens des Schulträgers pro Jahrgang auf unter 26 Kinder je Klasse wirkungslos, weil sie nicht die vom Land zugewiesenen Lehrkräftestunden und verfügbaren Raumgrößen in den einzelnen Schulen berücksichtige.
Es werde ein „vollkommen unnötiger Konkurrenzdruck geschaffen“, der in Zeiten von Lehrermangel, schwieriger Haushaltslagen und nicht vergleichbarer Ausstattungen die Arbeit in den Schulen mit den anvertrauten Kindern in einem erheblichen Maß erschwere. Einvernehmlicher Tenor: „Schulen sollten grundsätzlich von Seiten der Politik und Verwaltung gestärkt und entlastet werden, mit diesem Antrag ist das Gegenteil der Fall.“ Eine Not, die Grenzen abzuschaffen, sei auch aus Sicht der Eltern „faktisch nicht vorhanden“ und stehe „in keinem Verhältnis zum Nutzen“. Franziska Posselt habe den Schulleitungen als Vorsitzende des Stadtelternrates selbst mitgeteilt, dass sie zu dem Thema nur wenige Rückmeldungen von den Elternräten der einzelnen Schulen bekommen habe. Wo sei also der Nutzen für alle Kinder?
Schwache fallen hinten runter
Sollten die Schulbezirksgrenzen fallen, befürchten die Schulleitungen ein anderes Szenario: Dies sei nämlich eine Regelung ausschließlich für die Familien, die sich grundsätzlich bereits jetzt viele Gedanken um die Beschulung ihrer Kinder machten. „Elternhäuser aus sozialen Brennpunkten, mit Migrationshintergrund oder mit bildungsfernem Hintergrund, werden massiv überfordert und könnten leicht durchs Raster fallen“, heißt es weiter. Die pädagogische Sichtweise der Leitungen auf alle Kinder und Familien finde von Seiten der Antragsteller keine Beachtung. Auf bestehende Freundschaften aus der Kita-Zeit könnte bei der Klassenbildung künftig keine Rücksicht mehr genommen werden. Beim Entscheidungsprozess zum Antrag sollte zudem „kein Wissensvorsprung einzelner Beteiligter bestehen“.
Im Schreiben sind ebenfalls die Vorteile aufgeführt, die aus Sicht der Antragsteller bestehen. Laut Schulleitungen soll die Änderung der Schulbezirksgrenzen die Schulen auffordern, ihre Profile zu schärfen und eine gegenseitige Konkurrenzsituation entstehen zu lassen. Mit den folgenden Schülerströmen werde sichtbar, welche Schulen im Zuge des Rückgangs der Schülerzahlen perspektivisch überflüssig würden. Und: Eltern sollen die Wunschschule frei wählen können.