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Geschichte im Harzvorland

GZ Plus IconLost Place: Hoffnung für denkmalgeschützte Gebäude in Schladen

Verfallendes Gebäude, eine Hausecke ist abgebrolchen, durch den Boden fällt der Blick nach unten.

Wird sich diese Ecke des Gebäudes noch retten lassen? Im südlichen Bauwerk ist ein Teil der Wand bereits weggebrochen, durch den zerstörten Fußboden fällt der Blick in die untere Etage. Foto: Gereke

Sie prägen das Schladener Ortsbild seit Jahrzehnten, doch ihnen droht völliger Verfall. Jetzt aber gibt es für den Lost Place Hoffnung, doch noch eine Zukunft zu haben.

Von Andreas Gereke Sonntag, 22.02.2026, 18:00 Uhr

Schladen. Sie prägen das Schladener Ortsbild wie die beiden Kirchen und die Zuckerfabrik. Aber wenn nicht jetzt spätestens etwas für ihren Erhalt getan wird, ist das Schicksal der Denkmale besiegelt. Doch es gibt Hoffnung für die „Schladener Speicherstadt“ – die beiden noch existierenden Speicher des ehemaligen Saatgutbetriebs Breustedt.

Ein Mann steht vor einem alten Gebäude.

Kevin Rumphorst steht vor dem denkmalgeschützten westlichen Speichergebäude. Eindringendes Wasser durch ein undichtes Dach sorgt auch dort für Probleme. Foto: Gereke

Diese prägende Ansicht von Schladen – Kevin Rumphorst möchte sie bewahren. Denn vor allem das südliche Speichergebäude ist eine Landmarke. Seit 2018 wohnt er in Wehre – und immer wenn er den Gemeindeverbindungsweg nach Schladen fuhr, fiel ihm eines der monumentalen Gebäude ins Auge. Im vergangenen Jahr bot sich für den in der Immobilienbranche tätigen schließlich die Chance zum Erwerb des Stücks Schladener Geschichte. Über den Kaufpreis möchte er nicht sprechen – nur so viel: Vor Jahren wollten die Besitzer mal 850.000 Euro für den Komplex haben. So viel musste er im vergangenen Jahr aber nicht auf den Tisch legen.

Ein altes Speichergebäude, auf dem Dach ein Giebelauszug, auf dem die Jahreszahl 1911 steht.

Der südliche Speicher: Die Denkmalpflege bezeichnet ihn als ein „Bauwerk von prägendem Einfluss auf das Landschaftsbild“. Foto: Gereke

1985 schloss der einst über Schladen hinaus bekannte Saatgutbetrieb seine Tore – für die Speicher gab es zunächst immer mal wieder sporadische Nutzungen. Proberäume vieler Bands waren dort untergebracht, andere Pächter nutzten Teile als Lagerfläche. Ein Bauunternehmer erwarb in den 1990er Jahre die Speicherstadt samt Scheunen sowie Wohngebäuden – und hatte auch große Pläne. „Den Scheunentrakt wollte er zu einem Reihenhaus umbauen – er hatte dafür sogar schon die Baugenehmigung“, erzählt Rumphorst. Aber zur Realisierung kam das Vorhaben nicht.

Ein Speicher musste bereits abgerissen werden

Auch an den Speichern passierte kaum etwas. Der Zahn der Zeit nagte an ihnen. Ursprünglich waren es mal drei Speichergebäude – an einem war der Verfall so weit fortgeschritten, dass er bereits 2013 auf Veranlassung des Landkreises Wolfenbüttel abgerissen werden musste. „Aufgrund des schlechten Bauzustands bestand Gefahr für Leib und Leben. Aufgrund der Höhe des Nordspeichers wären in unmittelbarer Nähe stehende andere Gebäude des Nachbargrundstücks betroffen gewesen, wenn sich Gebäudeteile gelöst hätten. Es bestand dringender Handlungsbedarf“, erklärt Andree Wilhelm, Sprecher des Landkreises Wolfenbüttel, den Hintergrund der Ersatzvornahme.

„Die gesamte innere Tragkonstruktion aller Etagen bestand aus Holz, das aufgrund des undichten Flachdachs und der eindringenden Feuchtigkeit bis nach unten verrottet war. Die Gesamtstabilität des Gebäudes war nicht mehr gewährleistet“, führt Wilhelm auf GZ-Nachfrage aus. Folge: „Jetzt gibt es nur noch den Speicher Süd und den Speicher West – beide stehen auch unter Denkmalschutz“, erzählt Rumphorst.

Eine eingestürzte Treppe in einem alten Gebäude.

Auch im westlichen Speicher setzt der komplette Verfall ein: Diese Treppe kann niemand mehr benutzen. Foto: Gereke

Nach dem Erwerb des rund 11.500 Quadratmeter großen Areals begann er mit den Aufräumarbeiten und der Sichtung des Zustands. Zunächst musste Bewuchs entfernt werden, anschließend begann das Entrümpeln der Gebäude. Tonnenweise Müll hatte sich über die Jahrzehnte angesammelt – containerweise musste er abgefahren werden. Manches einfach Hinterlassenschaften, anderes Abfall, weil offenbar Ortskundige den Komplex auch als Deponie missbraucht hatten.

Durch eine zerbrochene Scheibe fällt der Blick auf ein Dorf, aus dem sich zwei Kirchtürme erheben.

Die alten Breustedt-Speicher gehören zu den höchsten Schladener Gebäuden. Durch eine zersplitterte Scheibe fällt der Blick auf den alten Ortskern. Foto: Gereke

Mit Fortschreiten der Räumarbeiten kam dann auch immer mehr der tatsächliche bauliche Zustand der Speicher ans Tageslicht. Beide Dächer sind undicht, zum Teil sogar offen. Wasser dringt ins Mauerwerk ein und spült die Fugen aus oder lässt die Bohlen der Etagen faulen. Einige Bereiche können gar nicht mehr betreten werden, weil der Boden die Begeher nicht mehr tragen würde – oder sich einfach nur große Löcher auftun.

In einem verfallenden Fußboden klafft ein großes Loch.

An vielen Stellen in den Speichergebäuden ist der morsche, hölzerne Fußboden bereits eingestürzt. Foto: Gereke

Der West-Speicher befindet sich dabei noch in einem besseren Zustand als sein südliches Pendant. In diesem klafft bereits in einer oberen Ecke ein großes Loch in Dach und Außenmauer. Von der obersten Etage lässt sich dort ins Stockwerk nach unten schauen. „Die Ecke macht uns Kummer, sie könnte herunterfallen, bevor wir drankommen“, sagt Rumphorst. Nach Norden und Süden ragten einst auf dem Dach zwei gemauerte Giebelauszüge empor, in die die Jahreszahl des Baujahrs eingearbeitet war – der südliche ist bereits abgebrochen und ins Gebäude gestürzt, die Trümmer durchschlugen Böden der Etagen.

Ein Mann deutet auf eine neue Decke in einem alten Gebäude.

Seit einigen Monaten läuft im südlichen Speicher die Sanierung der Zwischendecken. Kevin Rumphorst deutet auf einen neuen Teilbereich, der wieder betreten werden kann. Foto: Gereke

Im Süd-Gebäude begann das Rumphorst-Team auch, die schlimmsten Stellen instandzusetzen. „Im Sommer starteten wir mit der Zwischendecken-Sanierung.“ Zu seinem Unternehmen gehört eine Tochtergesellschaft, in der die Handwerkerleistungen gebündelt sind. „Die Jungs, die hier arbeiten, kommen aus der Region und identifizieren sich auch voll mit dem Projekt“, ist der Wehrer stolz. Und er hat das Gefühl, dass die Denkmalpflege froh ist, dass sie sich der historischen Stätte annehmen.

„Sind mindestens zehn Jahre zu spät dran“

Kevin Rumphorst führt weiter durch die Baudenkmale. „Wir sind eigentlich mindestens zehn Jahre zu spät dran“, sagt er immer wieder kopfschüttelnd beim Betrachten der Schäden. Alles versprüht einen ganz speziellen morbiden Charme. Von dem wussten natürlich auch andere: Vandalen, Abenteurer, Sprayer, Fans von Lost Places und auch Menschen, die sich dort wohnlich eingerichtet hatten. Deshalb ist das Areal jetzt auch von einem Zaun umgeben und kameraüberwacht. Alle Zugänge der Gebäude sind mit Schlössern verriegelt, offene Fenster verbrettert. Nach dem Abriegeln des Areals erwischten die Kameras auch einen Einbrecher. „Die Polizei vermutet, dass er noch Dinge aus einem Drogenversteck sichern wollte“, erzählt Rumphorst.

Nach den Innenarbeiten zur Sicherung der Gebäude sollen dann die Dächer an der Reihe sein, um weiteres Eindringen von Regenwasser und Schnee zu verhindern. „Ziel ist, 2027 die Dächer dicht zu bekommen“, sagt der Wehrer, der für die Speicherstadt die Grundbesitz Hopfengarten GmbH gegründet hat. Bislang ist die Herzensangelegenheit für Rumphorst nur ein Minusgeschäft. Aber er hat für den Komplex eine Vision: „Ich betreibe ja keine Liebhaberei. Ich möchte, dass etwas draus wird, das Gesellschaft und Gemeinde etwas bringt.“

In einem alten Gebäude klafft ein großes Loch, eine Wand ist weggebrochen.

Die südwestliche oberste Ecke des südlichen Speichers ist schon ein Opfer des anhaltenden Verfalls und weggebrochen. Eindringendes Wasser hat dort die Fugen ausgespült. Foto: Gereke

Den Wohnhaus- und Scheunentrakt, der das Gelände im Hopfengarten nach Westen und Süden begrenzt, sollen kernsaniert und umgebaut werden, um dort Wohnungen einzurichten. Nicht mehr zu retten ist ein marodes Fachwerkgebäude im nördlichen Bereich, das einst im Schatten des bereits verschwundenen Speichers Nord lag. „Das muss abgerissen werden. Auf dem nördlichen Bereich sollen dann in einem weiteren Schritt ebenfalls Wohnhäuser entstehen –Mehrfamilienhäuser in Holzrahmenbauweise“, verrät Rumphorst. Doch das ist alles Zukunftsmusik. Eine Nutzung für die Speichergebäude hat es übrigens noch nicht – „aber wer weiß, was in ein paar Jahren ist. Die Gebäude würden sich für vieles anbieten“, findet er.

Eine mit rot-weißem Flatterband abgesperrte Fläche mit Müll, an der Wand haften alte Eierpappen.

Reste einer Musikerkarriere: Viele Jahre diente der südliche Speicher Bands als Domizil, die dort Proberäume eingerichtet hatten. Davon zeugen noch die alten Eierpappen, von denen es heißt, dass sie die Akustik etwas verbessern. Foto: Gereke

Hintergrund: Die drei Speichergebäude entstanden einst in den Jahren 1901, 1907 und 1911. Beim westlichen Speicher handelt es sich laut Denkmalpflegeatlas um einen dreigeschossigen Ziegelbau auf rechteckigem Grundriss unter Mansarddach mit Ziegeldeckung – errichtet in „schlichten Formen des Heimatstils“. Die Denkmalpflege attestiert ihm einen „prägendem Einfluss auf das Straßenbild“. Hinzu kommt das 1911 mit neogotischen Stilmerkmalen erbaute monumentale Speichergebäude im Süden des Areals, das von dem großen wirtschaftlichen Erfolg des Saatzuchtbetriebs Otto Breustedt GmbH zeugt, der 1878 in Schladen gegründet wurde, heißt es weiter.

Otto Breustedt (1855-1925) begann mit der Zucht von Zuckerrüben, später kamen Kartoffeln und Getreidesorten hinzu. Für ein Unternehmen der Gründerzeit typisch sei, dass die Betriebsgebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zur Unternehmervilla mit Park stünden, heißt es. „In Ortsrandlage errichtet, wirkt das Speichergebäude weit in die Landschaft hinaus. Seine Erhaltung liegt aufgrund seiner geschichtlichen Bedeutung im Rahmen der Ortsgeschichte, aufgrund seines Zeugnis- und Schauwertes für die Wirtschafts- und Technikgeschichte, als beispielhaftes Zeugnis für den Bautyp eines großen Lagerhauses des frühen 20. Jahrhunderts sowie aufgrund seiner städtebaulichen Bedeutung als Bauwerk von prägendem Einfluss auf das Landschaftsbild im öffentlichen Interesse“, lautet die Erklärung im Denkmalatlas des Landes Niedersachsen.

Ein völlig vermüllter Raum.

Noch nicht alle Bereiche der beiden historischen Speicher sind vom Müll befreit, der sich über Jahrzehnte dort ansammelte. Foto: Gereke

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