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Vortrag von Dr. Riem Hussein

GZ Plus IconHarzburger Fifa-Schiedsrichterin lüftet einige Fußballgeheimnisse

Im vollbesetzten Mehrgenerationenhaus spricht Dr. Riem Hussein (vorn) über das Leben als Fifa-Schiedsrichterin.

Im vollbesetzten Mehrgenerationenhaus spricht Dr. Riem Hussein (vorn) über das Leben als Fifa-Schiedsrichterin. Foto: Schlegel

Mehr als 20 Jahre stand Dr. Riem Hussein als Schiedsrichterin auf den Fußballplätzen der Welt. Im Mehrgenerationenhaus lüftete sie einige Geheimnisse.

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Von Holger Schlegel
Donnerstag, 26.03.2026, 18:00 Uhr

Bad Harzburg. „Sind Sie die Schiedsrichterin?“ Das sei die Frage, die ihr in ihrem „richtigen“ Leben als Apothekerin wohl am häufigsten gestellt wird. Ja, Dr. Riem Hussein, die mit ihrer Familie in Bad Harzburg die Apotheke im Kurzentrum betreibt, ist „die Schiedsrichterin“. Noch. Denn in dieser Saison beendet sie ihre internationale Karriere. Von der erzählte sie zuvor noch einmal einer mächtig großen Besucherschar auf Einladung des Mehrgenerationenhauses.

Es sei eigentlich ihr erster Vortrag in Bad Harzburg, stellte Hussein fest. Und das Interesse war riesig. Der Saal im Haus der Kirche musste erst umgebaut werden, um allen Besuchern Platz zu bieten. Stühle wurden gerückt, Trennwände herausgeschoben. Und, wie Gastgeberin Kerstin Eilers-Kamarys erfreut feststellte, kamen mehr Männer als Frauen. Daran sei man im Mehrgenerationenhaus gar nicht gewohnt. Und wahrscheinlich waren auch Besucher dabei, die zuvor noch nie einen Fuß ins Mehrgenerationenhaus gesetzt hatten. Wie dem auch sei: Alle wollten erleben, wenn „die Schiedsrichterin spricht“.

Und das kann sie richtig gut. Selbst für Menschen, die Fußball nur aus dem Augenwinkel verfolgen, war der Vortrag spannend. Doch auch Fußballexperten dürften einige neue Erkenntnisse und Eindrücke mitgenommen haben. Wann hat man schon die Möglichkeit, ein Spiel eins zu eins aus der Perspektive des Schiedsrichters beziehungsweise der Schiedsrichterin zu sehen? Riem Hussein zeigte Videoausschnitte aus ihrer „RefCam“, einer kleinen Kamera am Headset, die das gesamte Spiel aufzeichnet – mit Ton. Beim Zuschauen werde einem irgendwann schwindelig, gab Hussein zu. Für die meisten Zuschauer aber war diese Perspektive völlig neu und fesselnd.

Mittendrin im Spiel

Plötzlich waren alle mitten im Spiel, erlebten Fußball aus einem völlig anderen Blickwinkel. Wie man da auf dem Platz jede Situation sofort erkennen und Entscheidungen treffen kann? Bei Handball oder Basketball könnte sie das auch nicht, sagte Hussein. Fußball sei etwas anderes. Nicht zuletzt, weil sie selbst jahrelang gespielt habe, bis hinauf in die Bundesliga.

20 Jahre lang steht Dr. Riem Hussein als Schiedsrichterin auf den Fußballplätzen dieser Welt. Nun beendet sie ihre Fifa-Karriere.

20 Jahre lang steht Dr. Riem Hussein als Schiedsrichterin auf den Fußballplätzen dieser Welt. Nun beendet sie ihre Fifa-Karriere. Foto: picture alliance/dpa

Sie zeigte auch, wie aufwendig die Technik und die Arbeit mit dem Videobeweis sind. Szenen aus unterschiedlichen Kameraperspektiven, die Gespräche der Videoschiedsrichter, die Kommunikation mit dem Hauptschiedsrichter – all das wurde sichtbar.

Der Umgang mit Fehlern

Am Ende ist es aber immer der Schiedsrichter beziehungsweise in diesem Fall die Schiedsrichterin, die die Entscheidung trifft. Wie sie mit Fehlern umgeht? „Krasse Fehler tun mir sehr, sehr weh“, sagte sie. Wichtig sei aber, sich beim nächsten Treffen mit den Betroffenen zu entschuldigen. „Damit ist das dann für mich auch abgeschlossen.“ Viele Fehlentscheidungen dürfte sich Riem Hussein allerdings nicht erlaubt haben. Denn die Schiedsrichter werden nach jedem Spiel von offizieller Seite bewertet. Schlechte Noten wirken sich direkt darauf aus, bei welchen Spielen die Unparteiischen eingesetzt werden. Riem Hussein hat im Frauenfußball bereits Champions-League-Finale gepfiffen. So schlecht kann ihr Score also nicht sein.

Auch Männerfußballspiele hat sie schon geleitet. Ob es da Unterschiede gibt? Oh ja. Zunächst einmal spucken die Frauen nicht so oft – eigentlich gar nicht – auf den Platz wie die Männer. Und beim Herrenfußball gehe es schneller zur Sache, „da wird auch mehr geschrien“. Wird eine Spielerin gefoult, schüttelt sie sich, steht auf und spielt weiter – zu sehen auch in den RefCam-Ausschnitten. Bei den Männern bleibt der Gefoulte liegen, alle kommen zusammengelaufen, es gibt Rudelbildung, Meckerei.

Und was kommt jetzt?

Nun neigt sich eine große Schiedsrichterinnenkarriere dem Ende entgegen. Im Sommer pfeift Riem Hussein ihr letztes Spiel auf Fifa-Ebene. Natürlich mache sie das auch traurig, sagte sie. Gleichzeitig dürfte ihr Leben aber auch entspannter werden. Die Schiedsrichterei mit dem Beruf zu vereinbaren, sei kompliziert. Umso wichtiger sei die Unterstützung ihrer Familie, mit der sie gemeinsam die Apotheke betreibt. Denn die Einsätze kommen kurzfristig, am Mittwoch etwa zwei für die Osterfeiertage. Und mit Mitte 40 habe man auch immer häufiger das Problem, dass irgendwo etwas wehtut. Bei neun bis zehn Kilometern, die sie pro Spiel läuft, kein Wunder.

Und ob sie stolz ist? Etwa darauf, mehrfach Schiedsrichterin des Jahres gewesen zu sein? Natürlich freue sie das. Aber eigentlich wisse sie gar nicht mehr genau, ob sie diese Auszeichnung vier- oder fünfmal bekommen habe. Die wahren Schiedsrichterhelden seien für sie ohnehin die, die in den unteren Klassen jedes Wochenende auf dem Platz stehen und sich von den Zuschauern anmaulen lassen müssen. „Vor denen habe ich den größten Respekt.“

Was bleibt nach mehr als 20 Jahren? „Das Wichtigste im Leben ist, Entscheidungen zu treffen.“ Sie sei da schmerzbefreit: „Ich entscheide. Und wenn die Entscheidung falsch ist, dann ist das so. Auch wenn man sich ärgert.“

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