Parfums aus dem Harz: Wie Erinnerungen aus Syrien zu Düften werden
In seiner Halle im Gründungszentrum trägt Emil Alkountar einen Kittel, wenn er die Rohstoffe zu seinem Parfum „Or et Vin“ zusammenmischt. Foto: Knoke
Parfum entsteht nicht nur in den Weltmetropolen. Der Promotionsstudent Emil Alkountar (29) hat im Oberharz eine Parfummarke gegründet – inspiriert von den Düften Syriens.
Clausthal-Zellerfeld. Es gibt 22 Büros im Gründungszentrum in Clausthal-Zellerfeld, dazu kommen noch Hallen und Werkräume. Doch wohl nirgendwo riecht es so gut wie bei Emil Alkountar. Im vergangenen Jahr hat der 29-Jährige hier seine eigene Parfummarke „Or et Vin“ gegründet. Das ist ein ungewöhnlicher Schritt für jemanden, der eigentlich im Maschinenbau an der TU Clausthal promoviert. Solche Kontraste spiegeln sich auch in seinen Düften wider.
Emil Alkountar mietet seit 2025 eine Halle im Gründungszentrum in Clausthal-Zellerfeld für seine eigene Parfummarke „Or et Vin“. Foto: Knoke
Aufgewachsen ist Alkountar in Suweida im Südwesten Syriens, dem Siedlungszentrum der religiösen Minderheit der Drusen. Das ist eine eigenständige Glaubensgemeinschaft, die sich historisch zwischen den Fronten politischer und religiöser Konflikte wiederfand. Mit Beginn des Bürgerkriegs 2011 verschärfte sich die Lage in seiner Heimatregion zunehmend, sodass er 2013 mit seiner Familie nach Katar zog, wo er sein Abitur machte. 2015 kam er nach Deutschland. In seine Heimat kehrte er seitdem nicht mehr zurück. Seine Eltern leben inzwischen in Großbritannien, sein Bruder studiert ebenfalls an der TU Clausthal. Im Oktober 2024 wurde Alkountar in Deutschland eingebürgert, im Januar 2025 meldete er schließlich sein Gewerbe an.
Ein Faible für Düfte seit der Jugend
Schon als Kind war er fasziniert von der Arbeit seines Vaters, der ebenfalls Maschinenbauer ist. Ein Technikstudium lag also nahe. Doch ebenso früh entwickelte sich Alkountars zweite Leidenschaft: Parfum. Er sammelt Düfte seit seiner Jugend „wie in einer Bibliothek“. Er trägt jeden Tag ein Parfum – für das Fitnessstudio etwas Leichtes, Frisches, Sauberes, und abends darf es süß, würzig, holzig sein. Der 29-Jährige beschreibt, wie er mit seinem Duft passend zum Anlass eine Stimmung ausdrücken kann, ja gar ein Stück seiner Persönlichkeit.
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Wenn er sich an seine Kindheit und Jugend erinnert, sind die Gerüche geblieben. Im Nahen Osten gehören intensive Düfte zum Alltag, erzählt er. In Syrien tragen auch Männer Rosendüfte, in Katar dominieren hingegen starke, rauchige, holzige Düfte. Die Europäer empfindet er bei der Parfumwahl als viel zurückhaltender. „Ein Duft hat kein Geschlecht“, sagt er. Die Einteilung in blumig für Frauen und schwer für Männer empfindet Alkountar als reines Marketing.

Der Duft „Rose de Byzance“ verbindet die Frische von Lavendel und Apfel mit einer würzigen Zimtnote. Foto: Privat
Mit seiner eigenen Parfummarke „Or et Vin“ (auf Deutsch: „Gold und Wein“) will er zwei Welten vereinen: die Sinnlichkeit des Orients mit der Präzision des Okzidents. Seine erste Linie „The Silk Route“ ist inspiriert von der historischen Seidenstraße, die Waren, Kulturen und Geschichten miteinander verband. Drei Düfte umfasst sie: „Bordeaux“, „Nuit de Grenade“ und „Rose de Byzance“. Sie richten sich an Frauen und Männer, die eher schwere Düfte mögen, die nach Stunden noch präsent in der Nase sind. Sie entwickeln sich in mehreren Schichten und zeigen immer wieder neue Nuancen. Deswegen empfiehlt Alkountar, das Parfum auf der eigenen Haut auszuprobieren, dort entfaltet es sich noch einmal ganz anders als auf dem Teststreifen aus Papier.
Alkountar hat den Anspruch, dass sein Parfum nicht nur gefällt. Er will damit von seiner Herkunft erzählen. Der 29-Jährige beobachtet, dass der Trend durch soziale Medien zunehmend zu Parfums aus dem Nahen Osten geht. Doch nicht immer sei nachvollziehbar, unter welchen Bedingungen diese Düfte produziert werden. Genau deshalb bezieht er seine Rohstoffe von einem Lieferanten aus Deutschland. Nur so könne er sicherstellen, dass seine Kreationen keine Rückstände auf der Kleidung hinterlassen oder unerwünschte Reaktionen auf der Haut auslösen.
Maschinenbauer mischt Parfum im Gründungszentrum
Die Duftöle selbst stellt Alkountar nicht her, dafür fehlt ihm die entsprechende Ausbildung zum Parfümeur. Stattdessen mischt er die sorgfältig ausgewählten Komponenten in seiner Halle im Gründungszentrum zusammen. Auch hier zählt jedes Detail: exakte Mischungsverhältnisse, präzise Rührzeiten, kontrollierte Reifeprozesse. Präzision ist in beiden Welten von Alkountar entscheidend, wenn er als Maschinenbauer an einer technischen Konstruktion arbeitet oder eben einen Duft komponiert.
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Der Weg dorthin war allerdings steiniger, als er zunächst gedacht hatte. Einen Lieferanten zu finden, der hochwertige Rohstoffe in kleinen Mengen abgibt, sei eine der größten Herausforderungen gewesen, berichtet Alkountar. Viele Unternehmen liefern nur in Chargen über 100 Kilogramm. Diese Mengen könne er weder lagern noch finanzieren. Seine Perfektion treibt den 29-Jährigen an, auch wenn er weiß, dass es wirtschaftlich nicht immer vernünftig sei. Das zeigt sich auch bei der Verpackung, wie er in seiner Werkhalle demonstriert. Rund 30 Prozent der handgefertigten Schachteln sortiert er aus, wenn sie seinen Ansprüchen nicht genügen. Ein Kratzer im Samt, ein unsauber gepresstes Logo, ein Material, das sich nicht wertig genug anfühlt – für ihn reicht das schon. Wer einen seiner Flakons in der Hand hält, soll spüren, dass darin mehr steckt als nur ein Duft.

Die erste Linie „The Silk Route“ mit drei Düften ist inspiriert von der historischen Seidenstraße. Foto: Privat
Seine Produktion will der Gründer bewusst klein halten. Die Düfte sollen exklusiv bleiben, Alkountar will sie ausschließlich im eigenen Online-Shop verkaufen, der in diesem Februar an den Start ging, und in Zukunft womöglich in ausgewählten Geschäften im Harz. Er möchte zeigen, dass Stil nicht nur aus Paris, Berlin oder Hamburg kommt. Auch in einer traditionsreichen Bergbauregion wie Clausthal-Zellerfeld kann Parfum entstehen.
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