Zähl Pixel
120 Teilnehmer am Ostermarsch

GZ Plus IconGoslars scharfer Protest gegen Aufrüstung und Angstmache

Gang durch die Innenstadt: In der Spitze reihen sich rund 120 Teilnehmer in den Goslarer Ostermarsch ein.

Gang durch die Innenstadt: In der Spitze reihen sich rund 120 Teilnehmer in den Goslarer Ostermarsch ein. Foto: Epping

Rund 120 Menschen haben in der Goslarer Innenstadt mit einem Ostermarsch am Samstag zwei Stunden lang gegen Krieg und Aufrüstung protestiert. Das Friedensbündnis übte als Veranstalter harsche Kritik an realen Plänen und verbalem Gehabe der Politik.

author
Von Frank Heine
Samstag, 19.04.2025, 16:00 Uhr

Goslar. Mit einem Ostermarsch hat am Samstag das Friedensbündnis Goslar unter dem Motto „Voller Einsatz für den Frieden“ gegen Krieg, Aufrüstung und unkontrollierbare Gewaltspiralen überall auf der Welt protestiert. An der rund zweistündigen Veranstaltung nahmen in der Spitze rund 200 Menschen teil, die nicht nur aus Goslar selbst kamen, sondern auch aus dem Seesener, Hildesheimer und Halberstädter Raum angereist waren.

Mit Mikro: Veranstaltungsleiter Gerhard Stein begrüßt die Teilnehmer auf dem Jakobikirchhof.

Mit Mikro: Veranstaltungsleiter Gerhard Stein begrüßt die Teilnehmer auf dem Jakobikirchhof. Foto: Epping

„Kommt ein bisschen näher und macht einen schönen Halbkreis“, hatte Versammlungsleiter Gerhard Stein zu Beginn auf dem Jakobikirchhof gebeten, als die Gruppe noch übersichtlicher war und eine Schweigeminute für die Opfer der weltweit aktuell rund 20 kriegerischen Konflikte einlegte. Die Zahl sollte sich im Laufe des Vormittags ändern, auch wenn Stein am liebsten noch zehnmal mehr Menschen auf der Straße gehabt hätte. Immer gleich blieben an diesem Tag dagegen der Protest gegen ungebremst steigende Ausgaben für die Aufrüstung und gebrochene Wahlversprechen, Argwohn gegenüber Argumenten der Mächtigen und die konsequent vertretene Grundüberzeugung, dass sich mit Waffen eben nicht Frieden schaffen lasse.

Die Sprache „wahrhaftig halten“

Aber was tun, um mehr Menschen wachzurütteln? Stein nahm Anleihen bei Albrecht Müller, einst Wahlkampfmanager von Willy Brandt in den 1970ern: „Glaube wenig, hinterfrage alles, denke selbst!“ Es gehe auch darum, Sprache wahrhaftig zu halten und Erzählungen auf ihren Realitätsgehalt zu prüfen. Etwa das „schreckliche Wort von der Kriegstüchtigkeit“: Von Stein befragte künstliche Intelligenz verortet es in alten preußischen Militärschriften, aber auch in einem Leitartikel von NSDAP-Propagandaminister Joseph Goebbels aus dem Juli 1944. Heute sei der Begriff veraltet und werde kaum noch genutzt. „Tja, liebe KI, bei der letzten Einschätzung liegst du aber leider gründlich daneben“, sagte Stein. Er unterstelle hier keine Absicht, „mit Nazi-Sprech zu mobilisieren“, aber er kritisiere doch „mangelnde Achtsamkeit.“

Pause am Schuhhof: Einlagen mit Wort- und Musikbeiträgen unterbrechen den Marsch an mehreren Stellen.

Pause am Schuhhof: Einlagen mit Wort- und Musikbeiträgen unterbrechen den Marsch an mehreren Stellen. Foto: Epping

Stein wünschte sich weiter eine „Immunität gegen Kriegstreiberei“, wandte sich gegen die „Verunglimpfung der Diplomatie als Beschwichtigungspolitik“, verwahrte sich gegen die Lieferung von Taurus-Marschflugkörpern in die Ukraine und gegen die Stationierung neuer Waffensysteme in Deutschland. Einige von ihnen sollen in der Lage sein, erklärte Stein, Raketen des Gegners zu vernichten, bevor diese abgeschossen werden. „Kann man das noch Verteidigung nennen, oder ist das schon die Vorbereitung eines Angriffskrieges von deutschem Boden aus?“, fragte er zugespitzt.
Bernd Krage-Sieber und Erika Hauff-Cramer führen ein Kabarett-Interview.

Bernd Krage-Sieber und Erika Hauff-Cramer führen ein Kabarett-Interview. Foto: Epping

Straßen und Brücken für die Truppen?

Auf dem Marsch durchs Zentrum gab es Pausen mit Programm. Vor dem Pressehaus führte Reporterin Erika Hauff-Cramer ein Kabarett-Interview mit dem Politiker „Dr. Pistazius“ alias Bernd Krage-Sieber. So viele Millionen und Milliarden Euro auf einmal auch für vernünftige Straßen und Brücken – um Truppen gen Osten bringen zu können? Und Russland den „Eisenfuß zeigen“? Ein aserbaidschanisches Friedenslied schloss den Stopp. Mit der Goslarer Marktkirche im Rücken positionierten sich die Kirchenvertreter Michael Pfau aus Kaierde bei Alfeld und Melanie Klawitter aus Gittelde.
Michael Pfau

Michael Pfau Foto: Epping

Er wolle das Feld nicht ohne Widerspruch den Militaristen überlassen, verkündete Pfau. Kirche dürfe nicht noch einmal die Lage geraten, eine Schuldeingeständnis wie die Stuttgarter Erklärung nach dem Zweiten Weltkrieg schreiben zu müssen. Und Jesus spreche in seiner Bergpredigt nicht die Friedfertigen, sondern die Friedensstiftenden selig, monierte Pfau einen Übersetzungsfehler von Martin Luther.

„Kein Krieg kann etwas taugen“

Klawitter sprach ihr persönliches Glaubensbekenntnis, pries die Friedenstauglichkeit, „weil kein Krieg etwas taugen kann“. Der könne stets nur ein Irrweg sein. „Wo bleibt der Aufschrei der Kirche?“, fragte sie.
Melanie Klawitter

Melanie Klawitter Foto: Epping

Ulrike Schmitz aus Astfeld ärgerte sich am Karstadt-Turm über das Schüren von Angst vor kriegslüsternen Russen und ließ auch den Goslarer Ex-Politiker und Rheinmetall-Aufsichtsrat Sigmar Gabriel nicht ungeschoren: „Wie lange lassen wir uns diese Volksverdummung noch gefallen?“ Mit dem Ostermarsch war es wenig später vorbei. Am Rosentor, wo schon die Montagsdemonstranten um Werner Rinn einen Protest-Stand gegen Krieg und Waffengewalt platziert hatten, wurde noch einmal gesungen. Dass das weiche Wasser den Stein bricht, wusste die niederländische Band Bots schon Anfang der 1980er – ein Klassiker der Friedensbewegung. Und, wie Stein festhielt, ein „Chor für die Ewigkeit“.

Ostermarsch in Goslar

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Themen aus der Region