Detlef Vollheyde und sein Leben mit einer neuen Niere
Landwirt aus Leidenschaft: Detlef Vollheyde ist überzeugter Biobauer und liebt es, in Weddingen am Steuer seines Treckers zu sitzen. Foto: Heine
Der Biobauer und Kreistagsabgeordnete Detlef Vollheyde lebt mit der Niere eines anderen Menschen. Wie es zur Transplantation kam, wie das Leben vorher mit Dialyse lief und wie es ihm jetzt geht, verrät er der GZ. Und ja: Er wirbt für Organspenden.
Weddingen. Als das Handy klingelt, drillt Biolandwirt Detlef Vollheyde auf einem Feld an der Straße nach Wehre den Weizen. Es ist schon dunkel gegen 18 Uhr an diesem Samstag, den 30. November 2024. Die Vorwahl verrät: Der Anruf kommt aus Hannover. „Hier ist Eurotransplant, wir haben eine freudige Nachricht für Sie: Sitzen Sie oder stehen Sie?“, fragt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Vollheyde ahnt sofort, was kommt. „Wir haben eine Niere für Sie.“
Aber will er sie auch? „Für mich war das höchstens drei Sekunden lang unklar“, sagt der 65-jährige Weddinger mit dem Abstand eines Dreivierteljahres. Er weiß, es muss schnell gehen. Und er weiß, was passiert ist. „Es hat einen Todesfall mit Organspenderausweis gegeben, es gibt eine besonders hohe Gewebeähnlichkeit, drei Ärzte haben sich unabhängig voneinander für mich als Empfänger entschieden.“ Er zögert nicht, will aber noch schnell vorher seine Frau anrufen. „Sie ist aus allen Wolken gefallen“, erzählt Vollheyde, habe aber auch sofort gesagt: „Das machen wir.“
Noch eine halbe Stunde Arbeit
Aber so schnell schießen die Preußen oder besser pflichtbewussten Bauern in Weddingen nicht. Schließlich war das Feld noch nicht fertig. „Da war schon noch für eine halbe Stunde Arbeit“, schildert Vollheyde seine Gedanken. Seinen Kumpel ruft er an und gibt für die Weiterarbeit schnell noch einige Anweisungen und Tipps. Wie das Schicksal manchmal so spielt: Erst zwei Tage vorher hatte er ihm eine tiefere Einweisung in die Treckertechnik gegeben und gezeigt, wie die Einstellungen genau funktionieren – Hightech ist längst auf Vorharzer Ackerflächen angekommen. Während sein Freund noch acht Hektar drillt, geht es für Vollheyde jetzt mit Volldampf nach Hannover. Um 22 Uhr ist er in der Notaufnahme der Medizinischen Hochschule.
Der Bauer am Computer: Modernes Wirtschaften geht schon lange mit moderner Technik einher. Foto: Heine

Nach der Operation: Detlef Vollheyde bekommt seine neue Niere am ersten Advent 2024. Foto: Privat
Weihnachten wieder zu Hause
Heiligabend ist das erste Ziel erreicht. Er darf nach Hause, nach Weddingen, zu seiner Frau Petra und den beiden Töchtern. Weihnachten. Durchatmen. Aber klar: Es gibt Einschränkungen. Auch Rückschläge. Der Patient ist immunsuprimiert. Heißt: Das körpereigene Abwehrsystem wird heruntergefahren, damit das fremde Organ nicht bekämpft oder gar abgestoßen wird. Wer ein schwächeres Immunsystem hat, ist aber anfälliger für Infektionen. Ein schmaler Grat, auf dem er wandelt – eigentlich bis heute. „Ich nehme 30 Tabletten am Tag“, sagt Vollheyde. Er vertrage sie gut. Aber frisch zu Hause um Weihnachten? „Ein bisschen gelitten habe ich schon“, gesteht er (sich) ein. „Irgendwann“, sagt er, „hören die Schmerzen aber auf“. Am 4. Januar muss er zurück in die Medizinische Hochschule. Der Ruhepuls ist viel zu hoch. Erst im Sommer 2024 hatte er sich einen Herzschrittmacher im Goslarer Krankenhaus einsetzen lassen – ein Direktimplantat, das gegen einen damals niedrigen Ruhepuls helfen sollte. Jetzt arbeiten Niere und Herz anders zusammen. Eine neue Herzklappe soll es sein. Muss es irgendwann sein. Angepeilt ist jetzt eher Ende Oktober, wenn der Landwirt weniger auf dem Acker gebraucht wird. Sogenannte GK-Viren bereiten Probleme. „70 Prozent aller Menschen haben die, normal sind sie harmlos“, sagt Vollheyde. Aber eben nicht bei einem heruntergefahrenen Immunsystem. Sie könnten Organe schädigen. Sechsmal muss er jetzt alle vier Wochen wieder zur Behandlung in die Medizinische Hochschule. Die Viruslast muss sinken. „Das tut sie auch“, sagt Vollheyde und bleibt der Optimist, der er immer gewesen ist. Obwohl seine Nierenwerte derzeit wieder so schlecht sind wie zu jener Zeit, als die Achterbahnfahrt der Gefühle begann.
Schockierende Nachricht
Als er im Jahr 2020 nach dem üblichen Kontrollcheck von seinem aufgeregten Immenröder Hausarzt angerufen wird, der von einer lebensbedrohlichen Lage spricht und zuerst noch an einen Laborfehler glaubt. Der erste Weg führt nach Wolfenbüttel ins Krankenhaus. In Braunschweig stellt ein Experte für Nierenheilkunde fest, dass Vollheydes Nieren schon verkleinert sind und ihre Leistung reduziert haben. Spätestens in zwei bis drei Jahren drohe die Dialyse. Was tun? „Ich denke immer positiv“, versichert Vollheyde noch einmal – selbst damals, als Corona den Alltag und das Denken der Menschen prägt. Er habe Diät gelebt, seine Werte kontrolliert. „Aber bald ist es Schlag auf Schlag gegangen“, erzählt er. Im Juli 2021 wird ihm der Katheter für die Dialyse gelegt. Vorher nimmt er sich noch einmal die Zeit für einen Urlaub mit seiner Petra im Alten Land. Als sie an ihrem Hochzeitstag in Stade essen gehen, ist die Zunge schon geschwollen. Der Geschmack ist weg, er hat den Geruch von Urin in der Nase. „Man will das nicht wahrhaben und verdrängt es immer wieder“, sagt Vollheyde. Und verrät, er habe schon immer Menschen bedauert, die regelmäßig zur Dialyse müssten. Ab jetzt zählt er selbst dazu. Dreieinhalb Jahre lang führt ihn sein Weg jede Woche am Montag, am Mittwoch und am Freitag in die Dialyseklinik am Goslarer Krankenhaus. Immer am späten Nachmittag für vier bis viereinhalb Stunden. Bis 22 Uhr, dann geht es zurück nach Weddingen. „Man ist kaputt, will aber nicht schlafen, denken oder sprechen – der Kopf ist einfach leer.“ Am nächsten Tag sei er aber ab Mittag immer „top drauf“ gewesen, leistungsfähig für den Job. Vollheyde lässt sich nicht runterziehen. Was er von Shunts und Demers-Kathetern, Steckern und aus der Brust hängenden Schläuchen erzählt, verlangt schon dem Zuhörer einiges ab. Wie muss es sein, das alles zu erdulden? Zu ertragen? Auszuhalten? „Die Körperpflege wird zu einer Herausforderung“, schildert Vollheyde heute lächelnd und stapelt tief. Was für eine besch... Zeit.
Griff ins GZ-Archiv: Bio-Landwirt Detlef Vollheyde spaziert auf seinem Roggenfeld bei Weddingen. Links zu sehen ist herkömmlicher Roggen, rechts Lichtkornroggen, eine Rückzüchtung aus alten Sorten mit hellem, mildem Korn, das sich gut für helle Backwaren eignet und eine gute Alternative zu Weizen ist. Foto: Neddermeier (Archiv)
Hoffen auf den Halbbruder
Aber es gibt Hoffnung. Detlef Vollheyde hat einen Halbbruder, der als Spender infrage kommt. Eigentlich ist diese Geschichte eine eigene Story, eine Art Familien-Krimi. Über diesen Bruder wird bei den Vollheydes nämlich nie geredet. Er stammt aus der Zeit vor der Ehe der Eltern. Kontakt gibt es nicht und ist vom Vater auch nicht gewünscht, bis dieser 2006 stirbt. Erst acht, neun Jahre später wird Vollheyde neugierig, hat ein Foto von einem Resthof in Salzwedel. Als er in der Nähe beruflich zu tun hat, klingelt er. Nur die Mutter ist da. Immerhin. Eine Woche später klopft es in Weddingen an der Tür. Die Halbgeschwister stehen sich das erste Mal Auge in Auge gegenüber. Ein Gentest räumt mit letzten Zweifeln auf. Als die Sache mit der Niere losgeht, sagt der Halbbruder beim zweiten oder dritten Treffen: „Du kannst von mir eine Niere haben.“
Vollheyde schaltet in den Behandlungsmodus. Alles wird abgecheckt – von den Augen abwärts. Vollheyde spricht von einem knappen Dutzend Überweisungsträgern. Er lässt sich unter Vollnarkose alle vier Weisheitszähne ziehen, um Entzündungen auszuschließen. Der Körper wird über Monate auf die geplante Transplantation eingestellt. Da zieht der Halbbruder zurück. In seiner Familie habe es Erbstreitigkeiten gegeben, die er geklärt haben und „nicht durch einen dummen Zufall auf dem OP-Tisch sterben“ wollte. Zwei Jahre sind ins Land gegangen. Vollheyde erzählt ohne Groll. Die andere Karte sticht. Als 2024 am 30. November der Anruf kommt und ihn auf dem Feld erreicht.
Neue Freiheit, weitere Pläne
Was hat sich der Landwirt für die Zukunft vorgenommen? Runterschalten? Von wegen. Den Sommerurlaub hat er zwei Wochen lang in Skandinavien verbracht. Ist mit seiner Petra im VW-Bully bis zum Nordkap gefahren. Hat die neue Freiheit genossen. „Das wäre mit Dialyse unmöglich gewesen“, betont er. Wie war das in den Jahren vorher, als Ferienwohnung Pflicht und ein Dialyse-Platz die größte Hürde beim Planen gewesen seien. Ja, er habe eine „gewisse Luftnot“, die „Pumpe“ sei schlecht. „Aber ich habe auch so unheimlich Bock am Leben und Lust zu schaffen und zu machen“, platzt es aus ihm heraus. Schon ganz früher, als er noch bei der Landwirtschaftskammer tätig war, habe sein Chef zu ihm gesagt: „Detlef, du bist ein Macher, aber kein Fertigmacher.“ Dinge anschieben, sie ins Rollen bringen, sei sein Ding. Nicht das Perfektionieren. „Ich denke immer in Projekten.“ Das Haus gebaut. Die Halle gebaut. Auf Biohof umgestellt. Direktvermarktung. Arbeit mit gehandicapten Menschen. „Wir sind ein starkes Team.“ Eines hat er sich auf jeden Fall noch vorgenommen. „Ich will eine Pflegegenossenschaft gründen“, verrät er. Damit nicht Vermögen um Vermögen von Pflegeheimbetreibern aufgebraucht werde. „Wo bleibt all das Geld?“, fragt er.
Nicht auf den Mund gefallen: Zusammen mit der Grünen Anke Berkes treibt der Politiker Vollheyde das Bürgerbegehren zur Stadthallen-Finanzierung im Pfalzquartier voran. Beide sitzen auf dem GZ-Podium. Foto: Epping
„Politik macht noch Spaß“
Also geht es auch weiter in der kommunalen Politik? Sicher. Vollheyde, der gegenwärtig für die Bürgerliste im Goslarer Kreistag sitzt, will bei den Kommunalwahlen im nächsten Jahr nicht aufhören. „Politik macht mir immer noch Spaß“, sagt der Mann, der 2024 noch als Dialyse-Patient das Bürgerbegehren gegen eine finanzielle Beteiligung der Stadt an der Stadthalle im Pfalzquartier vorangetrieben hat. Jetzt sind dort die Pläne ad acta gelegt. Vollheyde plant weiter. Sein Traum ist es, „50 Jahre Ehrenamt vollzumachen“. Begonnen hat die Zeit 1981 im Weddinger Ortsrat. Und obwohl er weiß, dass er „irgendwann an die Dialyse zurückmuss“, lässt er sich vor nichts und von nichts schrecken. Kommt Zeit. Kommt Rat. In Bescheidenheit. In seinem Traumberuf als Landwirt. Und mit Ehefrau Petra, die bald in den Ruhestand wechselt. Hoffnung und Bestätigung bringt ihm die Gewissheit im Alter: „Wir sind schließlich nie aus der Kiepe gehuckt.“
P.S.: Müßig zu erwähnen, dass Detlef Vollheyde einen Organspendeausweis besitzt. Der Familie des Spenders hat er einen Dankesbrief geschrieben. Genauso wie er nur Gutes über das Team seiner Dialysestation sagen kann.
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