Seesener kämpft gegen Kindesmissbrauch und für Verbot von Pädo-Handbuch
Marcel Jeninga fiebert auf den 17. Juni hin. An diesem Tag wird in Straßburg entschieden, ob das Pädophilen-Handbuch, das in vier Aktenordner passt, in ganz Europa verboten wird. Foto: GZ-Archiv
Der Seesener Marcel Jeninga kämpft seit Jahren für eine Gesetzesänderung in ganz Europa, die das Pädophilen-Handbuch verbietet. Am 17. Juni wird eine Entscheidung fallen. Genau 16 Jahre nachdem Jeninga vom Missbrauch an seiner Tochter erfahren hat.
Seesen. Ein einschneidendes Erlebnis prägt bis heute das Leben von Marcel Jeninga. Am 17. Juni 2009, als er noch in Holland lebte, kam er von der Arbeit nach Hause. Seine damals dreijährige Tochter musste auf die Toilette. Kurze Zeit später hörte er Schmerzenschrei aus dem Badezimmer. Als er den Raum betrat, sah er Blut in der Unterhose seiner Tochter. „Das hat Geert gemacht“, verriet sie ihrem Vater unter Tränen. Geert war der Nachbar der Familie. Er misshandelte Jeningas Tochter drei Jahre lang, von der Geburt an, und stellte Bilder und Videos von ihr ins Internet. Immer dann, wenn die Eltern nicht Zuhause waren. Jeningas Mutter öffnete ihm damals zweimal in der Woche die Tür. Seit diesem Tag, den die Familie bis heute schwer belastet, hat sich Jeninga geschworen, alles zu tun, um den Missbrauch an Kindern zu verhindern und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.
Mit der Unterstützung von Carsten Stahl hat Marcel Jeninga das Pädophilen-Handbuch, das ganze vier Aktenordner füllt, 2021 in Deutschland verboten. Foto: Privat
Sein großes Ziel scheint zum Greifen nah zu sein. Vor knapp sieben Jahren wurde Jeninga durch einen holländischen Fernsehsender auf ein Handbuch für Pädophile aufmerksam gemacht. Zu diesem Zeitpunkt hatte er es schon geschafft, einen Pädophilen-Verein in Holland verbieten zu lassen. Das Handbuch für genau diese Leute ist 1000 Seiten lang und umfasst ganze vier Aktenordner. Darin aufgeschrieben sind unter anderem Tipps, wie man das Vertrauen von Kindern gewinnt und später seine Spuren verwischt. Im Internet konnte es sich tatsächlich jeder herunterladen. In drei Ländern – Holland, Belgien und Deutschland – hat Jeninga schon geschafft, es verbieten zu lassen. Sein nächstes Ziel: ganz Europa. Die Entscheidung darüber fällt am 17. Juni in Straßburg. Genau an dem Tag, an dem sein Leben vor 16 Jahren eine Wendung nahm. „Ich sehe das als Zeichen“, sagt Jeninga im Gespräch mit der GZ.
Pädophilen-Verein verboten
Der Weg bis heute war lang und selten einfach für den jetzt in Seesen Lebenden. Nach dem Missbrauch an seiner dreijährigen Tochter war nichts mehr, wie es einmal war. Doch als er von der Justiz erfuhr, dass sein Nachbar Tipps von einem Pädophilen-Verein bekommen hat, wusste er, was er tun muss. „Ich habe mich erstmal eingelesen. Da waren Foren, die genau beschrieben haben, wie man Kinder anlockt“, erklärt er. Jeninga zeigte den Verein an. „Wegen diesen Leuten wurde meine Tochter missbraucht.“ 2014 wurde der Verein in Holland verboten.
Jeninga gründete daraufhin seine Stiftung „Stijd tegen Misbruik“ (auf Deutsch: Kampf gegen Missbrauch). „Seitdem kämpfe ich weltweit.“ Sogar in Deutschland habe er einen Pädophilen-Verein entdeckt, den die Behörden und Jeninga im Auge behalten.
Mit dem Entdecken des 1000 Seiten langen Handbuchs nahm Jeningas Kampf Schwung auf. Ihm war sofort klar, dass Einzelpersonen oder die Vereine sich dieses Wissen zu Nutzen machten, um Kindern schreckliche Dinge anzutun. Er bekam damals einen Einblick in das Buch von dem holländischen Fernsehsender. „Ich musste das dann erstmal verdauen“, gibt Jeninga zu. Und das Unfassbare daran: In ganz Europa gab es kein Gesetz, was das Verbreiten von solchen Informationen verbietet.
Gesetz in drei Ländern geändert
Nachdem der Einzelkämpfer alle Informationen über das Handbuch gesammelt hatte, ging er damit an die Politik. „Ich wollte, dass es verboten wird, damit anderen Kindern nichts passiert“, verdeutlicht Jeninga. In der Niederlande bekam der Beschluss für die Änderung des Gesetztes eine Zustimmung von 100 Prozent. Das Ergebnis hat Jeninga bis heute als Foto auf seinem Handy gespeichert. „Ich bekomme schon wieder Gänsehaut“, zeigt er sich stolz über diesen Erfolg, als er das Foto präsentiert. Offiziell verboten wurde das Handbuch in Deutschland am 20. April 2021, in Belgien am 10. Januar 2023 und in der Niederlande am 1. Juli 2023.
Nun fiebert Jeninga auf den Termin am 17. Juni in Straßburg hin. Dann wird im Europa-Parlament entschieden, ob das Handbuch in ganz Europa per Gesetz verboten wird. „Ich bin schon richtig aufgeregt“, sagt er mit einem Lächeln. Dass die Entscheidung abgelehnt wird, könne er sich eigentlich gar nicht vorstellen. Auf seinem Weg haben ihm Politiker, Polizisten, Europol-Mitarbeiter und viele andern so oft gesagt, dass er durch seinen Kampf Kinder beschütze und rette, dass er eine wunderbare Arbeit leiste. Das Verbot des Handbuchs soll seiner Arbeit nun die Krone aufsetzen.
Will ein Vorbild sein
„Was damals passiert ist mit meiner Tochter, belastet mich und meine Familie immer noch. Anderen soll das nicht passieren. Ich weiß, was das für ein Leid und Schmerz ist. Ich will ein Vorbild sein“, erklärt Jeninga die Hintergründe seines Handelns. Viele würden seinen Kampf nicht verstehen. Manche hätten ihn sogar schon mit dem Tod gedroht. „Ich habe schon so viel durchgestanden. Einige haben gesagt, ich schaffe das eh nicht. Aber die sind mir egal.“
Zu seinen Wegbegleitern zählt zum Beispiel Carsten Stahl, ehemaliger Schauspieler und Mobbing-Coach. Er hat Jeninga damals geholfen, sein Anliegen zu den deutschen Politikern zu bringen.
Doch was kommt, nachdem er sein großes Ziel erreicht hat? „Ich weiß es gar nicht. Aber ich werde auf jeden Fall weiterkämpfen. Das ist meine Arbeit“, sagt der Wahl-Seesener zum Abschluss.
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