Goslarer rufen „vergessenes Juden-Lager“ ins Bewusstsein
Das Lager Wendefurth II bei Blankenburg im Winter 1943 oder 1944. Foto: Stadtarchiv Goslar
Das Zwangsarbeiterlager Wendefurth war lange Zeit vergessen. Ein Goslarer hilft, die Geschichte des Lagers aufzuarbeiten, das bald zum Gedenkort wird.
Harz. Die Rappbodetalsperre gilt als ingenieurtechnische Meisterleistung. Ihre Baugeschichte hat jedoch auch eine dunkle Seite. In unmittelbarer Nähe existierte das Lager Wendefurth II, in dem jüdische Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten. Zu ihnen gehörten die Goslarer Bürger Max und Charley Jacob sowie Louis Meyer, dessen Lebensweg sein Enkel Stephan Gistrichovsky rekonstruierte.
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Der 98-jährige Dietrich Marquort aus Rübeland beobachtete als Jugendlicher insgeheim das streng abgeschirmte Zwangsarbeiterlager Wendefurth. Später begleitete er als Bäckereigehilfe Brotlieferungen dorthin. Foto: Cramer
Ausgemergelte Menschen
Besonders eindrücklich sind die Erinnerungen des heute 98-jährigen Dietrich Marquort aus Rübeland, der als Jugendlicher insgeheim das streng abgeschirmte Lager aus der Ferne beobachtete – und später als Bäckereigehilfe Brotlieferungen dorthin begleitete. Sein erstes Bild von den Häftlingen: Männer, „so ausgemergelt, das kann man sich gar nicht vorstellen.“ Die Geheimhaltung habe die Neugier der Jugendlichen erst recht geweckt. Der Zutritt sei nicht möglich gewesen. „Alles verboten“, berichtet Marquort über das vergessene „Juden-Lager“.
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Die Brotlieferungen brannten sich ihm ein. Brot sei im Lager „die Hauptnahrung“ gewesen, alles andere „Nebensache“ – eine Aussage, die die Unterversorgung ebenso verdeutlicht wie die Ohnmacht eines Jugendlichen, der helfen wollte und doch nur Zeuge blieb. Aus der Höhe sah Marquort, wie die Zwangsarbeiter in Gruppen getrieben wurden. Was sie im Einzelnen leisten mussten, wusste er damals nicht – wohl aber, wie schwach sie wirkten und wie steil die Wege waren, die sie täglich bewältigen mussten.
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Nach dem Krieg erlebte Marquort selbst den Hunger in einem französischen Kriegsgefangenenlager. Seitdem kann er nachvollziehen, was die Zwangsarbeiter im Lager Wendefurth durchmachen mussten. In einem Zeitzeugen-Gespräch in der vergangenen Woche berichtete Marquort in Elbingerode dem Verein „Spurensuche Harzregion“ von seinen Beobachtungen. Mario Hohmann, der neue Geschäftsführer des Talsperrenbetriebs Sachsen-Anhalt (TSA) erläuterte ihm die Pläne für einen Gedenkort.
Gedenkort geplant
Die Goslarsche Zeitung berichtete 2025 über einen Vortrag, der das Thema in die Öffentlichkeit holte. Jetzt steht der nächste Schritt bevor: Der Gedenkort an der Rappbodetalsperre, der an die Zwangsarbeit erinnert, ist nahezu fertig. Er soll in absehbarer Zeit von Sven Schulze, dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, eingeweiht werden. Ergänzend ist am 23. Mai ein Vortrag im Schloss Blankenburg geplant – als Einladung, hinzusehen, zu fragen und Schicksale wie die der Zwangsarbeiter von Wendefurth nicht erneut im Schweigen verschwinden zu lassen.
Der Goslarer Autor Stefan Cramer (74) ist der Neffe von Hans Donald Cramer. Dieser hatte 1986 das Buch „Das Schicksal der Goslarer Juden 1933-45“ veröffentlicht. Sein Neffe nutzte das Buch unter anderem, um für die Initiative Stolpersteine im Verein „Spurensuche Harzregion“ vorzuarbeiten. Zusammen mit Dr. Kurt Fontheim erinnert er zudem an Goslarer Euthanasie-Opfer. Cramer ist Geologe, er war in vielen Ländern als Entwicklungshelfer tätig und arbeitet seit mehreren Jahren die Geschichte der Zwangsarbeit und das Schicksal von Juden im Dritten Reich auf.
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