Lutteranerinnen sind der „Königin der Heilkräuter“ auf der Spur
Auf Kräuterwanderung mit den Lutteraner Landfrauen: Gudrun Langner präsentiert Spitzwegerich und Ackerschachtelhalm. Foto: Gereke
Die Lutteraner Landfrauen laden zu einer Kräuterwanderung. Die Hahäuser Expertin Gudrun Langner vermittelt dabei viel Wissenswertes zum sprießenden Grün am Wegesrand. Welche Königin dabei sogar Superfood-Qualitäten hat.
Hahausen. Auf Wanderschaft mit Lutters Landfrauen – und das mit einem Thema, das offenbar mehr denn je interessiert: Denn es geht ums Wohlbefinden. Die Hahäuserin Gudrun Langner bringt den Teilnehmerinnen heimische Kräuter näher, die Körper und Seele guttun.
Die Sonne scheint am Hahäuser Waldrand, ein leichter Wind lässt die Gerste in der Entfernung im Wind wogen. Gudrun Langner versammelt am Startpunkt erst einmal alle um sich herum, um in das Thema einzuführen. „Ich stamme aus einer Familie mit ganz viel Kräuterwissen“, erzählt sie. Doch das zu schätzen, lernte sie erst später. „Als mein Vater 1999 starb, entdeckten wir auf dem Dachboden eine Sammlung, die 60 oder 70 verschiedene Kräuter umfasste“, berichtet sie. Doch damit anzufangen wussten sie damals noch nichts. Sie schnitten sie ab und entsorgten sie. „Ich habe das damals nicht wertgeschätzt.“ Doch dann war sie später in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt. Monatelang in der Reha – und nur ein Wunsch: sich wieder richtig bewegen können und gesund werden. Da fasste sie den Entschluss: „Du fängst mit den Kräutern wieder an.“
Das also ist Gundermann: Mit dem Smartphone schießt die Wanderin ein Foto, um später das Heilkraut wiedererkennen zu können. Foto: Gereke
Sie befasste sich mit Kräuterwissen aus dem Kloster, studierte die Heilpflanzen aus der Natur. „Den Platz zum Wachsen suchen sie sich selbst.“ Sie müssen sich mit der Sonne und dem Regen, den die Natur zur Verfügung stellt, gegen anderen Bewuchs durchsetzen. „Die Inhaltsstoffe der Kräuter aus der Natur stehen in keinem Vergleich zu denen des Gartengemüses. Ein Löwenzahn enthält zehnmal mehr Eisen als eine Gurke“, erzählt sie und zieht die mit kleinen Körbchen ausgerüsteten Teilnehmerinnen in das Thema hinein. Bei der Wahl der Kräuter solle jeder schauen: „Wo sind seine persönlichen Schwachpunkte?“ Bei ihr komme jeden Tag Grün auf den Tisch – das tue gut.
„Die macht sich sehr gut im Quark“
Und so ging es dann des Weges entlang. Ein Forstweg, bei dem die Kräuterfreundinnen sicher sein konnten: Hier wurde nicht gespritzt. Hier der Spitzwegerich. „In Butter geschwenkt ist das ganz fein auf Salat“, wirbt Gudrun Langner. Da die Knoblauchrauke – „die macht sich sehr gut im Quark“, hat sie einen weiteren Tipp parat. Althergebrachtes Kräuterwissen, seit Generationen überliefert – das ist das eine. Aber in der Klosterküche hält auch die Moderne Einzug: „Die Kräuter für die Salatsoße im Thermomix geschreddert – dann sind alle Inhaltsstoffe im Dressing“, weiß sie.

Mit Körbchen in der Hand geht es für die Teilnehmerinnen der Landfrauen-Veranstaltung bei Hahausen auf Kräuterwanderung. Foto: Gereke
Auch den Waldmeister zählt sie zu den Heilkräutern. Er ist gefäßerweiternd und sollte vor der Blüte geerntet werden. „Bis 1989 durfte der in der ehemaligen DDR nicht genutzt werden“, erzählt sie. Der Grund: Er enthält Cumarin und die Forschung hat den Stoff als krebserregend eingestuft. Ihr Rat: „Mäßig verzehren.“ Ohnehin gilt ja immer die Faustformel: Die Dosis macht das Gift. Oder aber Waldmeistersträuße in den Kleiderschrank hängen: „Ein herrlicher Duft und Mottenschutz.“ Aber die Hahäuser Natur hat noch mehr zu bieten: Da blüht der Weißdorn – gut für den Herz-Kreislauf. Hier wächst Beifuß. „Getrocknet ist das die richtige Beigabe für den Gänsebraten, er macht nämlich fettes Essen bekömmlicher.“ Einige Blätter kommen auch in das Kräutersalz, das sie selbst herstellt. „Früher kaufte ich es – und stellte irgendwann fest: Es bestand zu 82 Prozent aus Salz, aber nur 18 Prozent der Inhaltsstoffe waren Kräuter. Da dachte ich mir mit meinem Bluthochdruck: Das kann ich besser. Nun stelle ich mein eigenes her: 50 Prozent Salz, 50 Prozent Kräuter.“
After Eight vom Wegesrand
Auch Giersch, die für ihr Wuchern und ihre unterirdischen Triebe bekannte Art – immer wieder ein Thema. „Eine Mahlzeit nur mit Giersch ist aber nicht das Richtige, als Beigabe ist er eine Idee.“ Dann stoßen sie noch auf Gundermann: Sein Tee löst den Schleim bei fest sitzendem Husten, er enthält ätherische Öle und Gerbstoffe. „Und weil er minzig, lakritzartig schmeckt, kann man aus ihm selbst gemachtes After Eight herstellen.“ Begeistert ist sie auch von ihrem selbst gemachten Johanniskrautöl. Geerntet in der Blüte, setzt sie es mit gutem Olivenöl an. Es habe eine beruhigende Wirkung und tue der Haut gut. „Es ist das einzige Öl, das in der Sonne stehen kann und nicht ranzig wird.“ Verblüfft reagieren einige Kräuterwanderinnen darauf, was so alles am Wegesrand zu finden ist. „Wir kommen hier oft mit dem Fahrrad durch – ich hätte nie gedacht, dass hier an der Strecke so viele Kräuter stehen.“

Kräuterfee Gudrun Langner auf der Suche: Am Wegesrand hat sie wieder etwas entdeckt. Foto: Gereke
Und schließlich kommt sie zur „Königin der Heilkräuter“, wie sie die Brennnessel nennt, die viele aus dem Garten einfach nur weg haben wollen. „Sie ist ein Superfood“, lobpreist sie. Die Brennnessel sei eisenhaltig, ihr Tee rege den Stoffwechsel an und fördere die Harnausscheidung. Die Blätter ließen sich wie Spinat zubereiten, Samen der weiblichen Pflanze seien ein Vitalstoff. „Sie schmeckt nussig“, sagt sie und gibt einen Tipp, wie man sich an ihr nicht die Finger „verbrennt“: Die Brennnessel mit dem Nudelholz platt rollen. „Beim Pflücken stehen die Härchen, an denen wir uns verbrennen, aufrecht. Nach der Bearbeitung mit dem Nudelholz sind sie platt und wir können sie bedenkenlos anfassen.“
Gudrun Langners Kräuterleidenschaft – sie hat sie in der Familie weitergegeben. „Am Wochenende schickte mir mein Sohn ein Foto: Er hatte den ganzen Löwenzahn aus seinem Rasen ausgestochen. Die Wurzeln hat er geröstet – aus ihnen kann man Kaffee brühen wie aus Bohnen.“

Blick ins Körbchen: Nach der lehrreichen Wanderung wandert so manches Kräutermitbringsel in die Küche nach Hause. Foto: Gereke
Aber sie weiß auch: Es gehört Mut dazu. Sammler müssten mutig sein und sich zutrauen, die Heilkräuter zu sammeln und sie als Zutat in einem Gericht zu verarbeiten. Denn wie so oft sind nicht alle Teile einer Pflanze genießbar, zum Teil sogar giftig. Deshalb beschränkt sie sich bewusst nur auf einen kleinen Kräuterteil, der sich auch gut identifizieren lässt.
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