Umstrittenes Harzer Multi-Talent wird zur Identifikationsfigur
Das Gemälde „Vorfrühling“ von Karl Reinecke-Altenau zeigt die Oberharzer Natur mit zerzausten Fichten und letzten Schneefeldern. Foto: Gurski/Privat
Obwohl Karl Reinecke-Altenau früh den Harz verließ, blieb die Region ein zentrales Motiv seiner Kunst. Ein Blick auf prägende Jahre, ideelle Einflüsse und erste Erfolge.
Altenau. Zum 140. Geburtstag von Karl Reinecke-Altenau hat sich der Historiker Dr. Kai Gurski in der Heimatzeitschrift „Unser Harz“ intensiv mit dem Leben und Werk des Künstlers, Schriftstellers und Heimatschützers befasst. In gekürzter Fassung und loser Folge veröffentlicht die GZ Auszüge aus Gurskis Untersuchung. Dieser Teil der Reihe widmet sich seinen frühen Jahren zwischen Oberharz und Großstadt, kulturreformerischen Einflüssen und seinem publizistischen Durchbruch in den 1920er-Jahren.
Das Leben Karl Reinecke-Altenaus bewegte sich zwischen der Oberharzer Bergwelt und der hannoverschen Industriestadt Linden – genau diese Spannung speiste sein Werk. Am 6. Dezember 1885 kam er als viertes Kind einer Fleischerfamilie in Altenau zur Welt. Das von der Wald- und Weidewirtschaft sowie von der Montanindustrie geprägte Umfeld der Familie in seinen frühen Jahren blieb für sein späteres Schaffen von grundlegender Bedeutung. In seinen Texten und Kunstwerken verklärte er seine Kindheit und Heimat vielfach zu einer idyllischen Sphäre bescheidener, naturverbundener und konfliktfreier Menschen. Eine Perspektive, die soziale Nöte sowie die Prägung des Harzes durch Industrie, insbesondere durch Bergbau und Hüttenwesen, aus der Perspektive seines späteren Hauptwohnsitzes in Linden eher ausblendete.
Heimweh und Nähe zur Kulturreformbewegung
Mit 14 Jahren verließ Reinecke dank eines Stipendiums seine Heimat, um im preußischen Alfeld eine Ausbildung zum Volksschullehrer zu beginnen. Für die nächsten sechs Jahre lebte er dort im Internat der evangelischen Seminar-Präparandenanstalt. Die Nötigung zur hochdeutschen Sprache, die autoritäre und konfessionell ausgerichtete Erziehung sowie das von Industrie geprägte Stadtbild erschienen ihm fremd. Das Gefühl der Entwurzelung und die Sehnsucht nach Geborgenheit und Überschaubarkeit seines Heimatraums wurden zu Leitmotiven seines Denkens und später seines Werks. Eine naturmystische Spiritualität fern kirchlicher Regeln zeigte sich sehr deutlich in sensiblen Naturschilderungen seiner Literatur und Malerei.
Ideell fand er Anschluss an die Lebens- und vor allem die Kulturreformbewegung rund um 1900. Deren Kritik an technokratischem Denken, Industrialisierung und einem rein ökonomisch geformten Landschaftsbild sowie die Hinwendung zu Volkskultur, traditionellem Handwerk und einer mystisch aufgeladenen Natur festigten sich in Reineckes Haltung. In Kunst und Schrift, in botanischen, zoologischen und volkskundlichen Studien sowie in heimatschützerischen und volkstumspflegerischen Maßnahmen im Harz brachte er diese Überzeugungen zum Ausdruck.
Ein neuer Doppelname
Nach einer Station als Volksschullehrer an der evangelischen Bürgermädchenschule in Clausthal begann der 22-Jährige ein Studium zum Kunsterzieher und Zeichenlehrer für höhere Schulen und Lehrerbildungsanstalten an der Königlichen Kunstschule für Lehrkräfte in Berlin.
Zwei Jahre hielt er sich dort bis zu seinem Studienabschluss auf. Die Metropole mit ihren zwei Millionen Einwohnern verstärkte erneut sein Empfinden kultureller Entfremdung. Seine Heimatverbundenheit zeigte er in dieser Zeit, indem er den Doppelnamen „Reinecke-Altenau“ annahm. Zudem veröffentlichte er 1909 erstmals Illustrationen in Form von Federzeichnungen für ein Buch des Schriftstellers Hermann Löns, der damals für seine Naturschilderungen und Erzählungen aus dem Leben in der norddeutschen Provinz bekannt war.
Diesem literarischen Genre blieb Reinecke-Altenau verbunden, sowohl als Illustrator für andere Autoren als auch mit eigenen Texten. Die Zahl seiner Federzeichnungen dürfte im höheren dreistelligen Bereich liegen. Klar geschichtete Bildräume, geschickt ausbalancierte, meist asymmetrische Kompositionen, monumental erfasste Figuren und virtuos eingesetzte Schraffuren und Strukturen sowie eine sehr hohe Detailliertheit kennzeichnen seinen Stil, der Einflüsse des Jugendstils, japanischer Holzschnitte und des hessischen Künstlers Otto Ubbelohde erkennen lässt.
Karl Reinecke-Altenau
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In einem Ölbild auf einer Leinwand stellt Karl Reinecke-Altenau eine italienische Stadt an einem See dar. Foto: Privat
Von dort aus nahm er seine Oberharzer Heimat zunehmend aus der Ferne wahr und imaginierte sie als unberührte Natur und Zufluchtsort gegenüber seinem urbanen Arbeits- und Lebensumfeld. Im Sinne des Heimatschutzes und der Volkstumspflege versuchte er, diese romantisierte Vorstellung nach eigenen ästhetischen Maßstäben zu gestalten und zu konservieren.
1913 äußerte er sich erstmals heimatschützerisch, zunächst bezogen auf das Stadtbild von Linden. Darin kritisierte er das Verschwinden dörflicher Siedlungsstrukturen, von Grünflächen und der vorindustriellen Werteordnung sowie die Ausbreitung von Industriebetrieben. Die damals für die Heimatschutzbewegung bedeutsame Zeitschrift „Niedersachsen“ wurde für ihn Publikationsorgan sowie Kommunikationsplattform zu Gleichgesinnten. Im selben Jahr etablierte er sich über Ausstellungen des Kunstvereins Hannover mit Gemälden und Grafiken in der regionalen Kunstszene. Darin zeigte er vornehmlich Ansichten von friedlich erscheinenden Naturschauplätzen, darunter mehrheitlich Harzbilder, oder Darstellungen von malerischen Orten im europäischen Ausland.
Erster Weltkrieg prägt eine Generation
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach seine Laufbahn allerdings. Reinecke-Altenau musste sein 1914 frisch angetretenes Studium an der Kunstakademie Dresden abbrechen, wurde als Soldat aber stets fern der Front eingesetzt und ging an allen Einsatzorten weiterhin seiner künstlerischen Tätigkeit nach. Er fertigte Porträts von Kriegsgefangenen, Ansichten von Städten oder Darstellungen des volkstümlichen Lebens der Roma. Es wird vermutet, dass Reinecke-Altenau als ethnografischer Dokumentator der sogenannten „Mazedonischen landeskundlichen Kommission“ der deutschen Armee eingesetzt wurde.
Das Grauen und menschliche Elend an den Fronten, die katastrophale Ernährungssituation, Seuchen und Verelendungserscheinungen in den deutschen Großstädten erfuhr er nur aus der Ferne über Kontakte. Auch die Ursachen für den Ausbruch und das Ende des Krieges blieben ihm wie den meisten Zeitgenossen fremd. Deshalb lehnte er nicht nur den Versailler Vertrag ab, sondern unterstellte fortan Frankreich, Deutschland erniedrigen und international diffamieren zu wollen. Eine gleichfalls negative Haltung nahm er gegenüber Großbritannien ein. Eine kritische oder selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg ist in Reinecke-Altenaus Äußerungen zeitlebens nicht erkennbar.
Künstler wird zur Identifikationsfigur
1918 kehrte Reinecke-Altenau aus dem Heeresdienst nach Linden zurück, danach entfaltete er eine rege publizistische Tätigkeit und erreichte damit eine überregionale Bekanntheit. 14 Jahre lang arbeitete er nun wieder als Zeichenlehrer. Nebenberuflich betätigte er sich ab 1921 als Werbegrafiker. Allein in den 1920er-Jahren illustrierte er mindestens 16 Buchpublikationen anderer Autoren, darunter volkskundliche Sachbücher, heimatliche Erzählbände, Schulfibeln, Lieder- und Religionsbücher. Hinzu kamen zahlreiche Text- und Illustrationsbeiträge für niedersächsische Tageszeitungen sowie für Heimatkalender und regionale Monatszeitschriften, in denen bis zu seinem Lebensende Beiträge von ihm erschienen.
In seiner Harzer Heimat feierten ihn zeitgenössische Publikationen in den 1920ern und 1930ern verstärkt als „den Maler und Dichter des Oberharzes“. Damit wurde Reinecke-Altenau spätestens dann als herausgehobene Identifikationsfigur für seine Heimatregion wahrgenommen.
Seine Malerei blieb indes einem vergleichsweise kleinen Publikum vorbehalten, vor allem im Rahmen der Ausstellungen des Kunstvereins Hannover. Eine herausgehobene Bedeutung erlangte Reinecke-Altenau dort aber nicht. Im Harz waren zu seinen Lebzeiten nachweislich insgesamt nur acht Gemälde in Ausstellungen zu sehen. Weitere Verbreitung fanden dagegen seine Holzschnitte, die nicht nur als Einzelabzüge in den Handel gelangten, sondern auch in Zeitschriften oder preisgünstig auf Postkarten reproduziert wurden und dadurch bis heute im Harz und darüber hinaus in relativ hoher Zahl zu finden sind.
Der dritte Teil der GZ-Serie zu Karl Reinecke-Altenau beleuchtet tiefergehend die Charakteristika seiner künstlerischen Arbeiten und geht gesondert auf seine Auslandsreisen sowie auf den Aufbau seines Netzwerks ein.
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