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36 Jahre hinter dem Steuer

GZ Plus IconWarum dieser Bad Harzburger Busfahrer eine Legende ist

Seit 36 Jahren steuert Jörg Schimmepfennig KVG-Busse. Bald ist damit Schluss.

Seit 36 Jahren steuert Jörg Schimmepfennig KVG-Busse. Bald ist damit Schluss. Foto: Schlegel

36 Jahre lang saß Jörg Schimmelpfennig am Steuer eines KVG-Busses. Nun geht Harzburgs dienstältester Busfahrer in Rente. Wie aus „Schimmel“ eine lokale Legende wurde.

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Von Holger Schlegel
Freitag, 13.03.2026, 18:00 Uhr

Bad Harzburg. Am 30. März um 15.45 Uhr wird Jörg Schimmelpfennig noch einmal den Motor starten. Linie 873, KVG-Ringbus durch Bad Harzburg. Danach steigt er aus – und seine 36 Jahre als Busfahrer sind Geschichte. Legende, Urgestein oder einfach nur „Schimmel“: Jörg Schimmelpfennig ist vieles. In erster Linie aber Bad Harzburgs dienstältester Linienbusfahrer.

Wie alles begann

Lokführer werden – das kennt man als Traum vieler kleiner Jungen. Busfahrer ist da nicht so weit weg. Er habe das schon seit seiner Kindheit gewollt, sagt der heute 65-jährige Schimmelpfennig. Damals habe er mal ein Stofftier in einem Bus liegengelassen (und später wiederbekommen). Das taugte dann aber wohl doch noch nicht ganz als Initialzündung. Schimmelpfennig lernte zunächst Autoelektriker und arbeitete Ende der 1980er-Jahre sogar eine Zeit lang bei der Goslarschen Zeitung im Hausmeisterteam des Pressehauses. Heimlich habe er aber dann den Busführerschein bei Wilfried Möller gemacht, erzählt er. Sein Glück: Die deutsch-deutsche Grenze fiel und die Busunternehmen suchten händeringend Fahrer, um dem Strom der DDR-Bürger Herr zu werden. Das war Jörg Schimmelpfennigs Einstieg bei der KVG.

Die ersten Jahre

In den 90er-Jahren stand das Reisebusgeschäft noch größer und bedeutender. Allein die KVG hatte fünf Reisebusse im Fuhrpark. Die Fahrer unternahmen weite Touren, es wurden aber auch Harzrundfahrten angeboten. Als man Jörg Schimmelpfennig in jungen Jahren eine solche Tour anbot, kaufte er sich erst einmal einen Harz-Reiseführer, las ihn sich am Abend vor der Tour durch und war am nächsten Tag nicht nur Fahrer, sondern auch Fremdenführer. Das hat er sein ganzes Berufsleben lang so praktiziert, selbst auf den Stadtrouten kennt er sich aus „ich könnte so vielen Gebäuden etwas erzählen“. Gerade Touristen lieben das.

Die Blütezeit

Den Busfahrerberuf muss man mögen, das Reisebusgeschäft lieben. Und das war bei Jörg Schimmelpfennig der Fall. Wenn er heute aus den goldenen Jahren erzählt, gerät er ins Schwärmen. In der Blütezeit der Ausflugs- und Vereinsfahrten war er als Busfahrer mit so ziemlich jeder Bad Harzburger Gruppe unterwegs: Bund der Vertriebenen, Sozialverband, den Kirchengemeinden, den CDU-Seniorenfahrten, der SPD, Sportvereinen und, und, und. Generationen von Schülern kennen Jörg Schimmelpfennig zudem als den „Herrn Busfahrer mit dem Lockenkopf“, der sie auf Klassenfahrten kutschierte. Manche Schüler von damals sind heute übrigens seine Busfahrerkollegen.

Aus dieser Reisebuszeit stammt auch der Spitzname „Schönwetterfahrer“. Denn meist, so erinnert sich Schimmelpfennig, war auf seinen Touren das Wetter prächtig.

„Schimmel“, wie ihn bald viele nannte, erlebte gerade auf den Busreisen so einiges. Bayern-Star Gerd Müller, der mit der Amateurmannschaft im Harz war, versteckte sich beispielsweise mal in seinem Bus vor Autogrammjägern. Nur eine junge Dame durfte rein, sie lupfte ihr Shirt, Türsteher Schimmelpfennig hielt den Atem an. Aber sie war darunter bekleidet. In einem KVG-Bus geht es züchtig zu.

Schimmelpfennig erinnert sich auch schmunzelnd an die Harzburger Golfdamen. Die wollten alle den besten Platz für ihr jeweiliges Golfbag haben. „Die waren angeblich alle neu und sehr teuer.“ Und Harz-Experte Horst Woick übernahm auf den Fahrten die Moderation persönlich. Bei dem, so Schimmelpfennig, habe er sich nicht ans Mikro getraut, „Horst Woick wusste viel mehr“.

Technik und Unfälle

Alles in allem dürften es Millionen Kilometer gewesen sein, die Jörg Schimmelpfennig mit den KVG-Bussen abgerissen hat. Unfälle? Klar, die gab es auch, zum Glück aber nie mehr als Blechschäden. Nur einmal wurde es dramatisch: Jörg Schimmelpfennig war mit dem Skiklub Oker in Österreich unterwegs, es lag Schnee, der Bus hatte Sommerreifen und rutschte auf einen Steilhang zu. Doch Routine und eine gute Ausbildung halfen Schimmelpfennig den Bus mit einem wilden Manöver unter Kontrolle zu bekommen: Er erinnerte sich, dass ihm sein Werkstattmeister gesagt hatte, das ABS greife erst ab 30 Sachen. Was tat er? Er gab Gas, und die Katastrophe war abgewendet. Schimmelpfennig stockt aber heute noch der Atem, wenn er daran denkt.

Die Jahre im Linienbus

Die Reisebuszeit ist lange vorbei, Schimmel trauert ihr nach. Aber auch der Linienverkehr in der Stadt ist für ihn nach wie vor etwas ganz Besonderes. Gut 50 Prozent der Menschen, die bei ihm einsteigen, sind Stammgäste. Man kennt sich, man duzt sich. Manche Passagiere fahren einfach nur zum Spaß mit, zum Beispiel einmal in der Woche die große Stadtrunde auf der Linie 873. Stress mit Fahrgästen? Klar, ein paar Problemfälle gibt es, meist sind es Betrunkene. Aber sonst? Nein. In Schimmels Bus geht alles friedlich und harmonisch über die Bühne. Dazu ist er auch viel zu freundlich und tiefenentspannt.

Lustige Begebenheiten? Schimmelpfennig fällt sofort das Touristenehepaar ein, das an der Bergbahn in Richtung „Bohnhof“ mitfahren wollte. Einen Bohnenhof gäbe es in Bad Harzburg nicht, musste Schimmelpfennig dem verwirrten Paar mitteilen. Die beiden stiegen verwirrt wieder aus. Erst später fiel dem Busfahrer auf, was da eben passiert war: Die Touristen kamen aus Sachsen. Sie wollten nicht zum Bohnhof. Sondern zum Bahnhof. Nun, ja: So weit dürfte der Weg für die beiden zu Fuß nicht gewesen sein.

Gestern, heute und morgen

Und wie hat sich die Arbeit im Bus über die Jahre sonst verändert? Gewaltig. Schimmelpfennig erinnert sich noch an die ersten Automatik-Busse, die waren eine Sensation. Die Linien-Informationen über der Frontscheibe mussten früher auch noch bei jeder Tour neu per Hand gekurbelt werden. Die Haltestellen sagte der Busfahrer selbst an. Heute: alles vollautomatisch. Schimmelpfennig ist begeistert vom Elektrobus, mit dem er momentan unterwegs ist. Ein halbes Dutzend weiterer Fahrzeuge dieser Machart stehen schon auf dem KVG-Hof bereit.

Die letzte Fahrt und dann?

Jörg Schimmelpfennig könnte noch so viel erzählen, aber in diesen Tagen kreisen die Gespräche gerade mit den Stammfahrgästen eher um den Abschied in gut zwei Wochen. Ja, der Beruf wird ihm fehlen. Sein Angebot, noch halbtags weiterzumachen, nahm der Arbeitgeber leider nicht an, bei der KVG gebe es nur Vollzeitstellen. Vielleicht, so hofft er, findet sich ja noch die eine oder andere Gelegenheit, im Nebenjob als Rentner einen Reisebus zu fahren. „Mal schauen, was kommt“.

Erst einmal wird sich Schimmel nun um seine Hobbys kümmern. Schach zum Beispiel und Fußball. Natürlich Eintracht Braunschweig. Aber er weiß jetzt schon: Ihm wird der Kontakt zu so vielen Menschen fehlen.

Was er indes nicht vermissen wird, ist das frühe Aufstehen bei manchen Schichten. Hat er zum Beispiel die 5.35-Uhr-Tour nach Braunlage, ist um 5.20 Uhr Dienstbeginn. Hat er jemals verschlafen? Nein. Aber er sei bekannt dafür, erst auf den letzten Drücker zu kommen.

Und nun rückt der Tag näher, an dem Schimmel sich zum letzten Mal ans Steuer eines KVG-Busses setzt. Wer sein ganzes Leben nach Fahrplan verbracht hat, kennt natürlich auch die letzte Tour: am 30. März um 15.45 Uhr ab Bahnhof. Noch einmal die 873, Ringbus. Noch einmal die große Stadtrunde. Dann rangiert er den Bus ein letztes Mal auf den KVG-Hof. Und steigt aus.

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