Was kann man gegen den Leerstand tun, Frau Geywitz?
Klara Geywitz (SPD), Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, ist als erste Frau Ehrengast beim 43. Goslarschen Pancket in der Kaiserpfalz. Foto: Michael Bahlo/dpa
Bundesbauministerin Klara Geywitz kommt als Ehrengast zum 42. Goslarer Pancket. Im Interview mit der GZ hat sie vorab über Wohnraumentwicklung, Leerstand, den Denkmalschutz und die Zukunft von Goslar gesprochen.
Was für eine Woche, um eine Spitzenpolitikerin zu interviewen: Beim Gespräch zwischen Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) und GZ-Redakteur Hendrik Roß am Mittwochnachmittag war die US-Wahl zwar schon entschieden, doch die Ampel-Koalition noch nicht zerbrochen. Das passierte einige Stunden später. Das Interview wurde deshalb im Nachhinein noch um zwei Fragen erweitert. Trotz der Turbulenzen in Berlin reist Geywitz am Freitag als Ehrengast zum 43. Goslarschen Pancket in den Harz.
Die Ampel-Koalition liegt in Trümmern. Was bedeutet das Aus für ihre Arbeit?Das ist eine schwierige Situation, aber die Regierung muss handlungsfähig bleiben und notwendige Entscheidungen treffen. Dazu hat Kanzler Olaf Scholz Vorschläge gemacht und wird auch auf Oppositionsführer Friedrich Merz zugehen. Ich setze meine Arbeit fort. Das werden alle verbliebenen Ministerinnen und Minister tun.
Welche geplanten Projekte können Sie nun nicht mehr umsetzen?Wir haben viele Vorhaben der Legislaturperiode bereits umgesetzt. Dazu zählen die neuen Bauförderprogramme unter anderem für Familien, die große Förderung für soziales Wohnen und die Wohngeldreform. Einige wenige, wie die große BauGB-Novelle, mit der Familien auf ihrem Grundstück in zweiter Reihe bauen können zum Beispiel und der Gebäudetyp E, der unkompliziertes Bauen möglich macht, sind im Parlament und werden dort beraten. Ich hoffe natürlich, dass man hier sachorientiert gute Kompromisse findet. Und wir stellen bald noch die Leerstandstrategie und die deutschlandweit regionalisierte Wohnungsmarktanalyse vor.
Mit welchen Botschaften reisen Sie in den Harz?Besonders als Bundesministerin für Wohnen und Stadtentwicklung weiß ich, wie unterschiedlich Deutschland ist. Wir konzentrieren uns eben nicht nur auf die Wohnungsnot in Großstädten wie Hamburg, Berlin oder Köln. Gerade in Städten, die wie Goslar historisch geprägt sind, kostet die Unterhaltung der historischen Bausubstanz sehr viel Geld. Durch Städtebauförderung, die nicht gekürzt werden darf, müssen wir dauerhaft in diese Substanz investieren.
Und wir müssen uns den Regionen besonders zuwenden, die aufgrund von Strukturbrüchen unter Abwanderung leiden. Deswegen arbeiten wir gerade an einer Leerstandsstrategie. Es gibt in Deutschland zwei Millionen leerstehende Wohnungen, ein Potenzial, das wir besser nutzen können.
Kannten Sie das Goslarsche Pancket schon vor ihrer diesjährigen Einladung?Es gibt ja eine ganze Reihe von Traditionsmahlen in Deutschland. Das Pancket in Goslar ist aber erst mit der Anfrage in mein Leben getreten.
Sie sind trotzdem ein ganz besonderer Gast. Sie sind nämlich beim 43. Pancket der erste weibliche Ehrengast. Was sagt das über diese Veranstaltung aus?Das zeigt vor allem, dass wir in vielen Bereichen des Lebens und insbesondere in der Politik und in der Wirtschaft immer noch mehr Männer als Frauen haben, die in Verantwortung sind. Bei der Auswahl des Ehrenredners fällt die Wahl dann oft ohne böse Absicht auf Männer. Klaus fragt eher Klaus als Stephanie. Das ist etwas, was wir ändern können. Ich freue mich jetzt jedenfalls, dass es beim Pancket zum ersten Mal eine Frau als Ehrengast gibt. Ich habe auch gehört, dass es dieses Jahr weniger zu essen geben soll als früher. Ich hoffe, da gibt es keinen Zusammenhang . . .
Gab es für Sie schon Berührungspunkte mit der Stadt Goslar?Ich war schon da und habe mit meinen Kindern Urlaub im Harz gemacht. Und ich sehe natürlich als Bundesministerin für Stadtentwicklung beide Seiten: die Schönheit der Stadt und damit verbunden die Unterhaltungsnotwendigkeiten. Goslar hat sehr viel mit Abwanderung und Leerstand zu kämpfen gehabt, aber auch mit dem Verlust von Sozialwohnungen. Wir müssen auch in Goslar dringend investieren, damit wir wieder mehr bezahlbares Wohnen bekommen – wie in ganz Deutschland.
Sie haben vor einigen Monaten den Vorschlag gemacht, dass Menschen, wenn die Mieten in den Städten zu hoch sind, aufs Land ziehen und im Homeoffice arbeiten können. Ist es wirklich so einfach?Nein, ich schreibe niemandem vor, wo er wohnen soll. Wir schauen jetzt, wie wir die zwei Millionen leerstehenden Wohnungen in Deutschland wieder auf den Wohnungsmarkt bringen. Dazu ist vieles nötig. Etwa die Anbindung an ein Schienennetz, damit Menschen gut pendeln können. Wir machen nach Corona die Erfahrung, dass viele Menschen sich vorstellen können, in kleine und mittlere Städte zu ziehen. Das wollen wir durch eine Kleinstadtakademie unterstützen, mit der wir diese Kommunen vernetzen und ihnen bei der Bewältigung ihrer Aufgaben helfen. Erst diese Woche habe ich mich bei G7 auf internationaler Ebene zur Stadt- und Landentwicklung ausgetauscht. Wir sehen weltweit eine wachsende Urbanisierung, und gleichzeitig werden ganze Regionen in Italien, Kanada, Japan oder den USA immer leerer. Es gehört zur Aufgabe meines Ministeriums, gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Land zu stärken.
Sie haben ihre Leerstandsstrategie angesprochen. Mit Leerständen und Schrottimmobilien haben viele kleine Orte zu kämpfen. Was genau steckt hinter ihrer Strategie?Zum einen geht es darum, dass wir Gelder zur Verfügung stellen. Die Mittel des sozialen Wohnungsbaus können auch für die Modernisierung von Wohnraum eingesetzt werden. Aber wir untersuchen auch, welche Städte es geschafft haben, erfolgreich wieder Bevölkerung zu gewinnen.
Ich komme aus Brandenburg, wo es nach der Wende eine wahnsinnige Abwanderung gab. Jetzt gibt es wieder genauso viele Brandenburger wie 1990. Das war möglich durch eine gute Regionalplanung und zum Beispiel durch einen sehr guten Anschluss an das Bahnsystem. Es braucht aber noch mehr, wie beispielsweise eine gute ärztliche Versorgung in der Fläche. Wir haben im September ein Programm für junge Familien aufgelegt, die alte Häuser kaufen wollen. Sie unterstützen wir dabei, den Kaufpreis gut finanzieren zu können. Für die Sanierung gibt es dann noch Gelder obendrauf. Unsere Leerstandsstrategie wird Ende des Jahres vorgestellt.
Ist denn absehbar, wann so etwas greift und eine Trendwende kommt? In Goslar hat der Zensus 2022 ergeben, dass die Stadt plötzlich 2000 Einwohner weniger haben soll, als gemeldet waren. Vorher blieben die Zahlen vor allem durch den Zuzug von Geflüchteten stabil.Es gibt jetzt schon einen Trend, dass die Menschen in jene mittleren und kleineren Städte ziehen, die sich in der Nähe von großen Metropolen befinden. Dabei ist die Frage der Pendelzeiten entscheidend, also der Ausbau und Anschluss des ÖPNV, aber auch die Verlässlichkeit der Bahn. Deswegen planen wir, die Milliarden in die Bahn zu investieren. Ich bin froh, dass Volker Wissing diese wichtige Aufgabe fortführen wird. Viele sind vor 20 Jahren aus ihren Heimatregionen weg und der Arbeit hinterhergezogen. Diese Situation hat sich jetzt umgedreht, es gibt überall Fachkräftemangel.
Inwiefern ist sozialer Wohnungsbau für kleinere Städte interessant? Oder brauchen das nur die Großstädte mit hohen Mieten?Ganz entschieden nein. Dieser bezahlbare Wohnraum wird genauso in der Fläche gebraucht. Wir haben vielleicht nicht überall Neubaubedarf, aber viele Menschen haben eine Wohnung mit einer niedrigen Miete, die dann irgendwann mal modernisiert werden muss, sei es grundsätzlich, energetisch oder altersgerecht. Wenn sie eine Bestandsmiete von fünf Euro haben, ist klar, dass der private oder öffentliche Eigentümer das Ganze nicht kostendeckend modernisieren könnte, ohne die Mieten deutlich zu erhöhen. Dafür ist der soziale Wohnungsbau goldrichtig, denn mit den Mitteln können sie auch Wohnungen modernisieren, ohne die Mieten danach drastisch zu erhöhen. Den Bedarf gibt es auch in Goslar.
Goslar ist nicht nur relativ klein, sondern auch ziemlich alt. Die Altstadt ist Unesco-Welterbe. Wie hält man in Zukunft diese historischen und denkmalgeschützten Zentren als Wohnort am Leben, in denen man sich nicht einfach eine Wärmepumpe vor das Haus oder Solarzellen aufs Dach packen kann?Die Frage der Wärmeversorgung ist natürlich sehr wichtig. Da gibt es auch Quartierslösungen, die mit historischer Bausubstanz funktionieren. Zum Beispiel gibt es große Wärmepumpen, die aus dem Abwasser die Wärmeenergie ziehen. Welche Wärmeversorgung sich für das historische Zentrum von Goslar eignet, wird die Stadt über ihre kommunale Wärmeplanung regeln. Zum Thema Erhalt der Substanz: Dafür ist die Städtebauförderung ganz wichtig. Und, wir brauchen auch in Innenstädten Klimaanpassungsmaßnahmen, die der Bund über Projekte aus meinem Haus finanziert. Dabei geht es etwa um das Thema Wasserspeicherung in der historischen Bausubstanz. Wir müssen davon ausgehen, dass es in Zukunft mehr Starkregenereignisse geben wird und das Wasser schnell abfließen oder gespeichert werden muss.
Muss der Denkmalschutz reformiert werden, um es Hausbesitzern einfacher zu machen? Denkmalschutz ist Ländersache und dort in guten Händen. Ich denke, es muss auch auf denkmalgeschützten Gebäuden möglich sein, Solaranlagen zu errichten. Der Denkmalschutz an sich ist gelernte Nachhaltigkeit. Die CO -Bilanz eines Fachwerkhauses aus dem 16. Jahrhundert ist deutlich besser als die eines Hauses, das nach 60 Jahren abgerissen wird. Es geht nicht darum, dass diese alten Häuser den höchsten Standard bei der Energieeffizienz erreichen. Das ist nicht zu schaffen. Aber sie haben an sich schon einen Beitrag zur Nachhaltigkeit geleistet, weil seit 300 oder 400 Jahren Menschen in ihnen gewohnt haben. Wie wird das Wohnen in einer Stadt wie Goslar in 30 bis 40 Jahren aussehen? Zieht es die Menschen auch hier mehr in die Randgebiete?Es gab in den vergangenen Jahrzehnten die starke Entwicklung, einzelne Funktionen in den Städten zu trennen. Es wurden reine Gewerbegebiete und Einkaufszentren vor die Tore der Stadt gebaut. Menschen haben in ruhigen Gegenden gelebt, sie mussten aber immer mit dem Auto fahren. Wir wollen heute hin zur 15-Minuten-Stadt, in der man fußläufig oder mit dem Fahrrad schnell Arbeit, Versorgung und die Wohnung erreicht. Das führt zu weniger Verkehr und im besten Fall dazu, dass die Innenstädte wieder belebter sind, weil sich auch kleinere Gewerbe dort ansiedeln.
Ein großer Trend der Zeit ist die Kreislaufwirtschaft, also das Wegkommen von der Wegwerfgesellschaft. Es war historisch schon immer eine Aufgabe der Innenstädte, dass Menschen dort hingehen, um etwas reparieren zu lassen. Ein weiteres Beispiel ist die Sharing-Economy, also der Grundgedanke, mehr zu teilen und zu leihen. Wir gehen davon aus, dass solche Dinge künftig in Innenstädten ihren Platz haben werden.
Auch in kleineren Innenstädten?Ja. Wir analysieren gerade, was die neuen Frequenzbringer in Innenstädten sind. Das Einkaufen ist es nicht ausschließlich, sondern es kann der Bürgerservice oder Schulen und Kindergärten in direkter Nähe zu Kultur- und Einkaufsbereichen sein. Übrigens, junges Wohnen belebt auch die Innenstädte. Wir geben mit dem Programm „Junges Wohnen“ 500 Millionen Euro jährlich für Azubi- und Studi-Wohnen hinzu.
Zum Abschluss noch eine ganz persönliche Pancket-Frage. Aus der genauen Menü-Folge wird ja immer ein großes Geheimnis gemacht. Über was würden sie sich denn am Freitag auf dem Teller freuen?Also, ein ordentlicher Braten wäre schon was Feines.