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Nahost-Experte zu Gast in Goslar

GZ Plus IconFrankenberger Winterabend über Israel und Gaza

Ist Frieden in Gaza möglich? Andreas Reinicke gab beim Frankenberger Winterabend Einblicke in die Hintergründe des Konflikts und sprach über Möglichkeiten, Frieden zu schaffen.

Ist Frieden in Gaza möglich? Andreas Reinicke gab beim Frankenberger Winterabend Einblicke in die Hintergründe des Konflikts und sprach über Möglichkeiten, Frieden zu schaffen. Foto: Hartmann

Ist ein Frieden zwischen Israel und den Palästinensern möglich? In Goslar plädierte Nahost-Experte Andreas Reinicke für eine Zwei-Staaten-Lösung. Und lobte Trumps Plan.

Von Petra Hartmann Samstag, 31.01.2026, 13:00 Uhr

Goslar. „Der Gaza-Konflikt – Lösungsansätze und strategische Auswirkungen“, so lautete das Thema beim Frankenberger Winterabend: Dr. Andreas Reinicke, Direktor des Deutschen Orientinstituts in Berlin, sprach am Donnerstagabend in der Frankenberger Kirche vor rund 100 Zuhörern über die Geschichte des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern, über die Interessen der einzelnen Länder im nahen Osten, aber auch über die Rolle der USA, Russlands und der EU.

Reinicke gehörte von 1984 bis 2020 dem deutschen Auswärtigen Dienst an, arbeitete an der deutschen Botschaft in Tel Aviv und leitete von 2001 bis 2004 das deutsche Vertretungsbüro in den Palästinensischen Gebieten in Ramallah, war Botschafter in Syrien und Tunesien sowie Sonderbeauftragter der EU für den Nahost-Friedensprozess. „Es gibt in Deutschland also wohl kaum einen anderen Experten, der sich so lange, intensiv und aus verschiedenen Perspektiven mit Fragen des Nahen und Mittleren Ostens befasst hat und noch immer befasst“, stellte Rolf Schütte vom Winterabende-Team den Referenten vor.

Es war ein weites Feld, das Reinicke als Thema für den Abend abgesteckt hatte. Für einen Vortrag zwei Tage nach Übergabe des letzten Leichnams der am 7. Oktober 2023 nach Gaza verschleppten 255 Geiseln an Israel. „Damit könnte die zweite Phase der Waffenruhe beginnen“, meinte Schütte hoffnungsvoll.

Konflikt mit langer Vorgeschichte

Einen großen Teil des Vortrags widmete Reinicke der Geschichte. Er erzählte von der Gründung des Staates Israel, von den Schriften Theodor Herzls und der Bedeutung des Holocaust, der zahlreiche Juden zur Flucht in das Land zwang. Aber er beleuchtete auch die Position der auf diesem zum zerfallenden Osmanischen Reich gehörenden Gebiet lebten. Er erinnerte daran, wie die Briten als „Mandatsmacht“ wirkten, an die Rolle des Völkerbunds und an Ben Gurions Ausrufung des jüdischen Staates. Durchaus verständlich, dass „die Araber das Gefühl hatten, ihnen wird das Land weggenommen“, sagte Reinicke. Zumal sie sich für den Holocaust, als einem europäischen beziehungsweise deutschen Phänomen, nicht verantwortlich und zuständig fühlten. Reinicke erinnerte daran, dass sich die Juden vom ersten Tage an verteidigen mussten – und dies durchaus erfolgreich, sodass die Araber nach Gaza und in die Westbank fliehen mussten. „Diese Vertreibung, die Nakba, ist das große Drama der Araber aus ihrer Sicht“, betonte Reinicke.

„Erlebniswelten“ statt „Narrative“

Der Nahost-Experte wollte bei dieser Darstellung am liebsten nicht das inzwischen gebräuchliche Wort „Narrativ“ verwenden. Stattdessen sei es angemessen, von „Erlebniswelten“ zu sprechen, von zwei eigenen Erlebnissen der beiden Konfliktparteien, aber nicht von der Frage nach der Schuld.

Der Sechstagekrieg und der Jom-Kippur-Krieg folgten, aber es gab auch das Camp-David-Abkommen von 1978 zwischen Israel und Ägypten. „Sadat hat es mit seinem Leben bezahlt“, erinnerte Reinicke. Trotzdem: Auch ein Frieden mit Jordanien wurde möglich. Das Oslo-Abkommen mit dem Händedruck von Arafat und Rabin: „Diesmal bezahlte Rabin den Frieden mit seinem Leben.“ Ein wenig bekannter Versuch, Frieden zu schaffen, war die so genannte „Genfer Initiative“, in der 100 israelische und palästinensische Privatleute zusammen einen Friedensplan ausarbeiteten, der aber scheiterte.

Die Rolle der Religionen

Letzten Endes gehe es nicht nur um eine klassische Territorialfrage, sondern es gehe immer auch um das Thema Religion, stellte Reinicke klar. Und zwar sowohl um jüdische und islamische, als auch um die christliche. Dass die Hamas und die Konkurrenz von der Fatach ideologisch und religiös weit auseinander liegen, machte Reinicke gleichfalls klar. Und kann man nun einen Anspruch der Juden auf das Land begründen, weil in der Bibel (Genesis 15, 19) Gott es dem Abraham und seinen Nachkommen zugesprochen hat? Dies würde ein Areal von Ägypten bis zum Euphrat umfassen, machte Reinicke deutlich.

Die Quadratur des Kreises

Der Referent arbeitete drei Staatsziele Israels heraus, die sich jedoch nicht gleichzeitig zu 100 Prozent verwirklichen lassen. Da ist zum einen die Idee eines „Groß-Israel“, eines Reiches in seiner alten, biblischen Ausdehnung. Das zweite Ziel sei ein demokratisches, das dritte ein jüdisches Israel. Alle drei gleichzeitig aber seien nicht umsetzbar: Ein Groß-Israel, das jüdisch sei, könne nicht demokratisch sein. Ein demokratisches und jüdisches Israel werde nicht groß. Ein demokratisches Groß-Israel sei nicht mehr jüdisch. „Es ist die Quadratur des Kreises“, sagte Reinicke.

Wie ein mögliches Ende des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern aussehen könnte? Reinicke könnte sich drei Szenarios vorstellen. Ganz oben: die Zwei-Staaten-Lösung. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg“, kommentierte der Diplomat salomonisch. Seit 1996 verhindere der israelische Ministerpräsident Netanjahu eine solche Lösung, aber auch die Hamas sei entschieden dagegen aufgetreten.

Was wäre die Alternative zur Zwei-Staaten-Lösung? Eine vollständige Vertreibung der Palästinenser könnte eine Option Israels sein oder eine Annexion des Gebietes durch Israel, wobei die Palästinenser in bestimmten Gebieten konzentriert würden. Beides „Lösungen“, für die Reinicke sich nicht erwärmen kann. Er plädierte demnach trotz aller Widerstände und Schwierigkeiten für die Zwei-Staaten-Lösung.

Lob für Trump

Für einiges Erstaunen sorgte Reinickes Lob an Donald Trump für sein Agieren in diesem Konflikt und für seinen Friedensplan. Und bei allen Machthebeln und Einflussmöglichkeiten, mit denen die Großmächte auf die Konfliktparteien einwirken könnten: Auch die EU und vor allem Deutschland seien nicht ohne Einfluss in der Region, sagte der Nahost-Experte und erinnerte an Netanjahus heftige Reaktion, als Deutschland einen Stopp von Waffenlieferungen androhte.

Grundsätzlich halte er mehr Engagement der Bundesrepublik dort für sinnvoll : „Wir sprechen immer davon, dass mit dem globalen Süden reden müssen. Wir reden mir Indien, mit Afrika und Südamerika, aber keiner redet mit den arabischen Staaten“, sagte er. Allenfalls ginge es um Erdöl und Erdgas, aber der arabische Raum hätte durchaus mehr zu bieten, etwa Expertise im Bereich alternative Ideen, aber auch viele Ärzte und IT-Fachleute kämen von dort.

Nächstes Thema bei den Frankenberger Winterabenden ist die Telefonseelsorge. Am Donnerstag, 26. Februar, ab 19 Uhr spricht Frank Ertel über die gesellschaftliche Entwicklung dieser Institution.

Rund 100 Besucher kamen zum Winterabend in die Frankenberger Kirche.

Rund 100 Besucher kamen zum Winterabend in die Frankenberger Kirche. Foto: Hartmann

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