Diese Pferde prägten die „goldene Ära“ des Harzburger Gestüts
Das Nationalgestüt in Ungarn widmet dem Epsom-Derby-Sieger Kisbér eine eigene Statue. Foto: Privat
Kisbér, Emilius und Gouverneur gehörten zur „goldenen Ära“ des Harzburger Gestüts. Teil zwei der GZ-Serie erzählt von Glücksgriffen und vom Ende eines Erfolgskapitels.
Bad Harzburg. Im Schlosspark in Bündheim erinnern zwölf Granitsteine mit eingravierten Namen an Hengste des Harzburger Gestüts, die Geschichte schrieben. Diese jüngst erneuerten Denkmäler nennt der Gestütsexperte Egon Knof den „Ring der Legenden“. In Teil 1 der GZ-Serie „Galopp-Legenden“ beleuchtete er bereits einige der Geschichten hinter den Namen. In Teil 2 geht es um einen Glücksgriff, Derby-Sieger und das Ende einer Ära.
Der Glücksgriff Kisbér
Das ausgehende 19. Jahrhundert bezeichnet Knof als „goldene Ära“ des Gestüts. Neben dem schon aus Teil eins der GZ-Serie bekannten Savernake trug dazu unter anderem Kisbér bei, ein weiterer Glücksgriff des damaligen Gestütsleiters von Girsewald. Das Talent lag Kisbér gewissermaßen im Blut: Seine Mutter Mineral brachte mehrere erfolgreiche Renn- und Zuchtpferde zur Welt. Kisbér selbst legte sowohl auf der Rennbahn als auch in der Zucht eine so außergewöhnliche Karriere hin, dass ihm heute sogar ein eigener Wikipedia-Eintrag gewidmet ist.
GZ-Serie „Galopp-Legenden“ Teil 1
Diese Bad Harzburger Gestütspferde schrieben Geschichte
Der Hengst wurde 1873 im königlich-ungarischen Staatsgestüt Kisbér geboren und entwickelte sich zum echten Globetrotter. Geboren in Ungarn, trainiert in England, Rennen in England und Frankreich, später Deckhengst in Böhmen und Deutschland. 1876 gewann er mit Leichtigkeit das Epsom-Derby in England, der nach wie vor wichtigste Derby Europas, wie Knof in seinem Buch „Gestüt Harzburg“ schreibt. Nach Gladiateur war Kisbér das zweite ausländische Pferd, dem dieser Triumph gelang.
Trotz dieses Erfolgs stieß er in England als Deckhengst auf wenig Interesse. 1887 wechselte er daher für verhältnismäßig günstige 80.000 Mark nach Harzburg. Und erst dort entfaltete er sein volles Potenzial. Kisbér zeugte die Derbysieger Hardenberg (1893), Sperber (1894) und Trollhetta (1896) und wurde von 1894 bis 1896 dreimal in Folge Deutscher Deckhengst-Champion. Ein weiterer Kisbér-Sohn war der 1890 geborene Realist, der ebenfalls in jener „goldenen Ära“ als Beschäler am Bündheimer Schlosspark vollblütigen Nachwuchs zeugte. An die Erfolge seines Vaters kam er zwar nicht heran, doch auch ihm ist im Schlosspark ein Gedenkstein gewidmet. Allein alle Kisbér-Nachkommen aus Harzburger Stuten brachten eine Gewinnsumme von etwa 990.000 Mark.

Auch Kisbér-Sohn Realist ist ein Gedenkstein im Schlosspark gewidmet. Foto: Raksch
Wie Savernake, Hymenaeus und Emilius wurde auch Kisbér unter einem Gedenkstein im Bündheimer Schlosspark beigesetzt. Und nicht nur das: Im ungarischen Nationalgestüt erhielt er eine eigene Statue. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod würdigten Fachzeitschriften seinen Einfluss. 1926 schrieb etwa die „Sport-Welt“: „International wie nur wenige Hengste der englischen Vollblutzucht ist Kisbér.“
Emilius: Rennkarriere mit frühem Ende
Auch Emilius, 1875 geboren, gehörte zu den bedeutenden Deckhengsten des Harzburger Gestüts. Seine Mutter kam damals tragend aus Schottland in den Harz. Als Jährling wurde Emilius laut Knof für stattliche 19.420 Mark verkauft. Auf der Rennbahn zeigte er zunächst großes Potenzial: Im Middle Park Plate, damals eines der größten Rennen der Welt für Zweijährige, belegte er den zweiten Platz.
Durchwachsene Bilanz
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Doch zahlreiche Zwischenfälle und ein hartes Rennen setzten dem Hengst so zu, dass seine Rennkarriere direkt nach seinem Debüt endete. Im Tausch gegen seinen Halbbruder Waldmannsheil kehrte Emilius als Deckhengst nach Harzburg zurück. „Leider erhielt der Hengst sowohl von Harzburg als auch von fremden Gestüten nicht die Unterstützung, die er verdient gehabt hätte“, resümiert Knof. Dennoch brachte Emilius 44 Rennsieger hervor, die insgesamt 208 Rennen und 49 Ehrenpreise gewannen. 1893 musste er aufgrund von Körperschwäche und Unfruchtbarkeit erlöst und unter seinem Gedenkstein beigesetzt werden.
Gouverneur, der teure Nachfolger
Der 1888 geborene Gouverneur galt seinerzeit als einer der besten Deckhengste Frankreichs. Entsprechend hoch war sein Preis: 250.000 Goldfrancs zahlte das Gestüt, eine gigantische Summe. Er sollte 1893 den erkrankten Emilius ersetzen. Der Fuchshengst war für die Zucht geradezu prädestiniert: neun Siege aus 23 Rennen hatte er geholt, sowie sechs zweite und vier dritte Plätze. Optisch galt er laut einer zeitgenössischen Chronik als „mustergültig“.

Deckhengst Gouverneur gilt seinerzeit als „mustergültiges“ Pferd. Das Bild zeigt ihn zusammen mit Gestütsmitarbeiter Willgeroth. Foto: Privat
Unter anderem brachte er den Derby-Sieger Tuki hervor. Im Jahr dessen Triumphs, 1901, wurde Gouverneur Deutscher Deckhengst-Champion. Eine gegen ihn gerichtete Propaganda-Kampagne gegen ihn führte laut Knof jedoch dazu, dass er zeitweise in ein Gestüt in Warschau ausgewiesen wurde. Nach seiner Rückkehr blieb er bis zu seinem Tod 1917 in Harzburg.
Das Ende einer Ära
Über drei Generationen hinweg hatte bis dahin die Familie von Girsewald als Oberstallmeister die Geschicke des Gestüts gelenkt. Mit dem Ruhestand von Wilhelm von Girsewald 1920 und dem verhängnisvollen Ende des Ersten Weltkriegs endete jedoch diese „goldene Ära“ der Harzburger Vollblutzucht. Die verbliebenen Tiere wurden verkauft, die Zucht kam zum Erliegen. Vorerst.
Die Geschichte der Galopp-Legenden war damit noch nicht vorbei. In späteren Jahren kamen erneut außergewöhnliche Hengste ins Gestüt. Teil drei der GZ-Serie beleuchtet unter anderem die Geschichte des legendären Rennpferds Luciano, sowie die eines weiteren Tiers, das völlig aus der Reihe fällt: Holger lief weder Rennen, noch war er Deckhengst. Trotz dessen war er für die Gestütsleitung so bedeutend, dass sie ihm einen Gedenkstein im Schlosspark setzte.
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