China-Metropole klopft in Goslar für Städte-Partnerschaft an
Eine Delegation aus dem chinesischen Foshan mit Vize-Bürgermeister Shaowen Huang (vorn rechts) an der Spitze besucht Goslar und wird im Rathaus vom Ersten Stadtrat Dirk Becker (vorn links) empfangen. Ganz rechts an dem Treppengeländer steht Heinz-Otto Nagorny. Foto: Stadt Goslar
Sicherlich eine ungewöhnliche Anbahnung, aber eine große (wirtschaftliche) Chance? Durch private Kontakte ist die chinesische Millionen-Metropole Foshan auf der Suche nach einem zweiten deutschen Städtepartner auf Goslar gestoßen. Passt das?
Goslar. Was kann daraus werden? Einen eher ungewöhnlichen Werdegang hat das Vorhaben der chinesischen Millionen-Metropole Foshan genommen, sich in Deutschland neben dem Audi-Sitz Ingolstadt eine zweite Städtepartnerschaft aufzubauen – möglichst in der Nähe eines VW-Werks. Mehr zufällig stießen sie auf das beschauliche Goslar mit seiner langen Historie, reichen Kultur und Namen wie Siemens in der Stadtgeschichte. Eine sechsköpfige Delegation aus Foshan – viertgrößte Stadt im Reich der Mitte – weilte nun mit Vize-Bürgermeister Shaowen Huang an der Spitze in dieser Woche in Goslar, besuchte Firmen und nahm Kontakt zur Verwaltungsspitze auf, die sich in Person des Ersten Stadtrats Dirk Becker zumindest neugierig und interessiert zeigt.
Seniorchef Christian Rehse (i.) empfängt die Delegation aus Foshan bei Siladent in Jerstedt. Foto: Privat
„Wir haben über eine Städtepartnerschaft nicht gesprochen, haben aber eine Einladung nach Foshan erhalten und wären natürlich über eine Intensivierung wirtschaftlicher Kontakte mit Goslarer Firmen sehr froh“, sagte Becker am Tag nach dem Empfang auf der Rathausdiele. Angesichts der Dimensionen will sich Goslar – fast zehn Millionen Einwohner in einer chinesischen Boom-Region und knapp 50.000 in einem der ältesten Landkreise Niedersachsens – das Land für alle weiteren Schritte an die Seite holen. Am Mittwoch habe es am Rande eines weiteren Treffens bereits den ersten Kontakt zum Wirtschaftsministerium gegeben. „Da kann sich etwas draus entwickeln“, ist Becker selbst gespannt, was geht.
Kontakt nach Hahndorf
Und wie ist es bis hierhin gegangen? Über einen Landsmann der Chinesen, den sie auf ihrer Partner-Suche angesprochen haben und der in Hahndorf wohnt. Xingyu Tao ist Unternehmensberater und wiederum gut mit dem früheren Krankenhaus-Manager Heinz-Otto Nagorny bekannt. „Wir haben früher schon zusammen Pflegekräfte aus China nach Goslar geholt“, erinnert sich der Diplom-Kaufmann, der 1993 von Bosch aus Salzgitter als Controller zu den damaligen Landkreis-Krankenhäusern, 2001 Geschäftsführer wurde und unter privater Asklepios-Ägide im Herbst 2009 seinen Abschied nahm.

Austausch zwischen Gästen und Gastgeber bei Siladent: Die Wirtschaft spielt eine große Rolle beim Besuch der Chinesen aus Foshan. Foto: Privat
Nagorny skizziert, was Foshan an Goslar reizt. Die Stadt liegt in der Provinz Guangdong in der Nähe von Hongkong und ist ein Wirtschafts- und Handelszentrum im Westflügel der Perlflussdelta-Region sowie ein großer Verkehrsknotenpunkt. Aktuell belaufe sich die Einwohnerzahl auf etwa 9,6 Millionen Einwohner. Es gibt dort ein VW-Werk. 2023 habe Foshans regionales Bruttoinlandsprodukt zirka 170 Milliarden Euro betragen. Foshan sei zudem einer der Geburtsorte der Guangfu-Kultur sowie bekannt als Heimatstadt der Töpferkunst, der Kampfkunst und der kantonesischen Oper.
Seit 2014 verbunden
Seit 2014 bestehe eine Partnerschaft mit Ingolstadt, der eine weitere folgen soll. Die Delegation will bei ihrem Besuch in Deutschland die duale Ausbildung und die Systematik der deutschen Sozialversicherung näher kennenlernen. Tao und er hätten im Vorfeld vieles über Goslar präsentiert – so, dass vor über 750 Jahren in Goslar die Knappschaft gegründet worden sei – immerhin die älteste Krankenversicherung der Welt. Außerdem habe das Duo auf einige unternehmerische „Hidden Champions“ in der Region und auf Goslars Welterbestatus aufmerksam gemacht. „Wir hoffen, dass unsere Wirtschaftsregion durch den Aufbau von Beziehungen profitieren wird“, erklärt Nagorny.
China-Delegation in Goslar
Siemens und Gabriel
Wo waren die Chinesen überall? Eine erste Tour führte zur Kaiserpfalz, Siemenshaus, Lohmühle und Marktplatz „Gerade der Name Siemens hat in China einen großen Klang, deshalb war das Siemenshaus beim Rundgang unbedingt wichtig“, verrät Nagorny. Anschließend stand Goslars Ehrenbürger und Ex-Vize-Kanzler Sigmar Gabriel für ein Gespräch bereit, der im April 2002 noch als Niedersachsens Ministerpräsident den damaligen chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin in Goslar empfangen hatte. Er sei sehr angetan und habe seine weitere Unterstützung angeboten, betont Nagorny.

Blick nach Foshan: Im September 2013 präsentieren Arbeiter und Geschäftsführung den ersten produzierten neuen Golf im neu eröffneten VW-Werk in der südchinesischen Metropole Foto: picture alliance / dpa
Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten seien die Besuche bei der Goslarer IHK-Außenstelle, bei der Firma Stöbich samt Produktionsbesichtigung und Brandschutzdemonstration am Container sowie im Showroom der Elektro-Firma Olbrich in der Baßgeige zu sehen. Kreishandwerksmeister Bernhard Olbrich erläuterte dort nicht nur die duale Ausbildung im deutschen Handwerk, sondern bot mit Testfahrten auf einem E-Motorroller und in einem 1020 PS-starken Tesla echte Highlights. Für Donnerstag waren noch Besuche bei der Firma Siladent in Jerstedt und im Energie-Forschungszentrum geplant, ehe ein Abstecher zum Rammelsberger Welterbe führen sollte.