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Zoff um AfD-“Ehrenmann“ aus Seesen

GZ Plus IconLandesvorstand will Kreisvorsitzenden Müller aus der Partei werfen

Ein Mann spricht in ein Mikrofon.

Main Müller, bisher Vorsitzender des AfD-Kreisverbandes Goslar, soll aus der Partei ausgeschlossen werden. Seine Mitgliedsrechte wurden ihm laut Landesvorstand bereits entzogen. Foto: Privat

Der AfD-Kreisvorsitzende Main Müller aus Seesen sieht sich gerne als „Ehrenmann“. Doch sein Landesvorstand in Hannover will ihn jetzt aus der Partei werfen.

Von Oliver Stade Donnerstag, 22.01.2026, 16:00 Uhr

Seesen/Hannover. Der AfD-Landesvorstand Niedersachsen will Main Müller, den umstrittenen AfD-Vorsitzenden des Kreisverbandes Goslar, aus der Partei werfen. Der Vorstand hat nach GZ-Informationen einstimmig beschlossen, ein entsprechendes Verfahren beim Landesschiedsgericht gegen Müller zu beantragen. Außerdem sollen ihm die Mitgliedsrechte entzogen werden, dies sei bereits erfolgt.

Den sofortigen Entzug der Mitgliedsrechte begründet Niedersachsens AfD-Generalsekretärin Sonja Nilz mit „ungeordneten Finanzen“. Es sei wichtig, dass kein weiterer Schaden entstehe. Über den Parteiausschluss hat der Landesvorstand am Montag beschlossen und daraufhin Müller sowie das Landesschiedsgericht informiert. Das Verfahren kann sich einige Wochen hinziehen, heißt es aus der AfD in Hannover. Aber selbst nach einem Schiedsspruch könnte der Streit weitergehen. Main Müller erklärt auf Nachfrage, er halte die Beschlüsse für „unhaltbar“, daher lasse er sich von einem Anwalt vertreten. Müller erklärt außerdem: „Ich bin Parteimitglied und habe es auch vor zu bleiben.“

Treffen am Samstag im Oberharz

Derweil lädt die AfD für diesen Samstag nach Clausthal-Zellerfeld ein, um die Mitglieder über den geplanten Ausschluss Müllers zu informieren. Im Kreisverband kursiert in diesen Tagen eine E-Mail an „liebe Parteifreunde“, in der der Parteiausschluss Müllers und der Samstags-Termin angekündigt werden, Absender soll einer der Beisitzer aus dem bisherigen Kreisvorstand sein. Für den Termin im Oberharz hat sich auch Generalsekretärin Nilz angekündigt. Es gehe auch darum, wie sich die Partei auf die Kommunalwahlen im September vorbereitet und Kandidaten aufstellt, erklärt sie.

Der Landesvorstand begründet den angestrebten Parteiausschluss von Müller mit einer Reihe von Verfehlungen und Satzungsverstößen. So habe Müller eine zeitlang neben dem Amt des Kreisvorsitzenden auch den des Schatzmeisters ausgeübt. Ihm wird zudem vorgeworfen, „Gelder ausgegeben zu haben, die nicht hätten ausgegeben werden dürfen“, heißt es aus Hannover. Es lägen „sehr, sehr viele Dinge im Argen“. Der beantragte Parteiausschluss werde auf 25 Seiten begründet.

Vorwürfe gegen Main Müller gibt es seit längerer Zeit, so überrascht weniger der beabsichtigte Rauswurf als vielmehr der Zeitpunkt. Darauf angesprochen, warum dieser Schritt erst jetzt erfolgt, teilt der Landesvorstand mit, er habe sich die Entscheidung nicht leichtgemacht, seit dem Sommer seien aber „weitere Umstände hinzugekommen“. Der Vorstand habe jetzt handeln müssen, „um weiteren Schaden abzuwenden“.

Tumultartige Sitzung

In Müllers Amtszeit fallen mehrere Merkwürdigkeiten. Nach einer denkwürdigen und tumultartigen Bürgerversammlung im September im Jacobson-Haus in Seesen war er mit seinem gesamten Vorstand auf Empfehlung des Landesvorstands zurückgetreten. Er wurde mit seiner Lebensgefährtin Olga Grabo als 2. Stellvertreterin aber schließlich während eines Kreisparteitags Mitte Dezember unter Ausschluss der Presse in Seesen wiedergewählt. Einen Gegenkandidaten gab es nicht.

Bereits Ende August war allerdings bekanntgeworden, dass damalige Mitglieder des Kreisvorstands einen umfangreichen Beschwerdekatalog an den Landesvorstand geschickt hatten. Müller und seine Stellvertreterin Grabo seien nicht mehr tragbar, sie hätten „seit Oktober 2024 wiederholt und vorsätzlich gegen die Satzung des Kreisverbandes Goslar, die Geschäftsordnung des Kreisvorstands und gegen die Grundsätze und die Ordnung der Partei verstoßen“ und der Partei geschadet, heißt es in der umfangreichen Beschwerde.

Berichtet hatte die GZ beispielsweise über ein Abendessen von Müller und Olga Grabo sowie zwei weiteren Personen, die mit Grabo verwandt oder verschwägert sind, mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten Maximilian Krah im November 2024 bei einem Italiener in Osterode. Offenbar damit die Rechnung, die laut einer Kopie 553 Euro beträgt, nicht so hoch ausfällt, war auf dem Bewirtungsbeleg eine sechste Person genannt worden, die nach eigener Aussage aber nicht mitgespeist hat. Der Bewirtungsbeleg wird in dem Beschwerdeschreiben ebenso wie mehrere Anzeigen in Tageszeitungen als „unrechtmäßig getätigte Ausgabe“ bezeichnet, weil Müller dafür nicht die erforderlichen Genehmigungen eingeholt habe.

Eher skurril erscheinen jeweils zwei Anzeigen in der Goslarschen Zeitung und im Seesener Beobachter, in der sich die AfD bei Main Müller wegen der Attacken gegen ihn während der Krawallsitzung im Jacobson-Haus in Seesen wortreich entschuldigt und ihn gar als „Ehrenmann“ bezeichnet. Mehrere Beteiligte seien von Vorstandsmitgliedern gegen ihn „aufgehetzt“ worden, hieß es in den großformatigen Annoncen. Nach GZ-Informationen hatte weder der Bundes- noch der Landesvorstand die Anzeigen aufgegeben. Müller wich seinerzeit einer Antwort auf die Frage aus, ob er die Anzeigen beauftragt hat.

Vorgeworfen werden ihm außerdem unbewiesene Beschuldigungen gegen AfD-Mitglieder und deren Ausschluss aus internen Whatsapp-Gruppen. Müller hatte mehreren Kreisvorstandsmitgliedern unterstellt, Fotos aus einer internen AfD-Gruppe an die Presse weitergeleitet zu haben, die ihn und seine Lebensgefährtin mit dem Thüringer AfD-Rechtsextremisten Björn Höcke zeigen. Höcke hatte Müller und Grabo im Sommer 2025 in Seesen besucht.

Müller verbreitete daraufhin Fotos in einer Whatsapp-Gruppe, die ihn und seine Lebensgefährtin mit Höcke in privater Atmosphäre zeigen. Von dem unabgestimmten Treffen zeigte sich der Landesvorstand in Hannover irritiert und verärgert, Müller soll daraufhin aus einer Gruppe der niedersächsischen AfD-Kreisvorsitzenden ausgeschlossen worden sein.

Dachdeckermeister Main Müller war im Herbst 2024 zum AfD-Kreisvorsitzenden gewählt worden. Er war bis dahin kommunalpolitisch nicht engagiert. Es heißt, er sei mit dem Landesvorsitzenden Ansgar Schledde befreundet, dieser war vor seiner Wahl in den Landtag von Hannover als Bauunternehmer tätig. Schledde hatte den früheren Kreisvorstand um Dirk Straten und Oliver Hachmeister im Sommer 2024 handstreichartig und ohne Vorwarnung abgesetzt. Ihnen wurden Verstöße bei der Aufnahme von Mitgliedern vorgeworfen, weil diesen zunächst eine Art Probemitgliedschaft angeboten wurde. Das AfD-Landesschiedsgericht sah in der Absetzung kein Problem, das Bundesschiedsgericht der Rechtsaußenpartei bezeichnete die Absetzung des früheren Vorstands hingegen als „rechtswidrig“.

Vorwürfe gegen den Landesvorstand

Die Vorgänge um Main Müller werden parteiintern kritisch beäugt. Das Bad Harzburger AfD-Mitglied Joachim Wedler hatte Müller nach dessen Wiederwahl im Dezember vorgeworfen, den AfD-Kreisverband zu „schrotten“, also gegen die Wand zu fahren. Dem Landesvorstand warf er vor, über die Absetzung des alten Vorstands und die erste Wahl Müllers sowie zu den Vorwürfen gegen Müller zu schweigen. Wedler kündigte seinerzeit rechtliche Schritte an. Er wolle mögliche Abhängigkeiten offenlegen, die es ermöglicht hätten, dass Müller zur Wiederwahl habe antreten können. Müller sah sich indes durch seine erneute Wahl zum Kreisvorsitzenden im Dezember rehabilitiert, sagte er der GZ.

Eine Gruppe von Menschen steht nebeneinander.

Der AfD-Kreisvorstand mit Main Müller (3.v.l.) und seiner 2. Stellvertreterin Olga Grabo nach der Wahl unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Dezember in Seesen. Foto: Privat

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