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Interner Zoff in der AfD

GZ Plus IconSeesener Ex-Kreischef und Abgeordnete attackieren AfD-Landeschef

Ein Mann steht an einem Rednerpult und spricht in ein Mikro.

Ansgar Schledde, Landesvorsitzender der AfD Niedersachsen, steht im Mittelpunkt von Vorwürfen, die der Goslarer AfD-Kreisvorsitzende Main Müller, gegen den ein Ausschlussverfahren läuft, und die AfD-Europaabgeordnete Anja Arndt erheben. Foto: Focke Strangmann/dpa

In der AfD in Niedersachsen kehrt keine Ruhe ein. Mittendrin im jüngsten Streit, bei dem es um Vorwürfe gegen den Landeschef geht, ist Kreisvorsitzender Müller aus Seesen.

Von Oliver Stade Mittwoch, 11.02.2026, 04:00 Uhr

Goslar/Hannover. Der Dauerstreit im AfD-Landesverband Niedersachsen, in den der kaltgestellte AfD-Kreisvorsitzende Main Müller (50) aus Seesen involviert ist, eskaliert. Mit Anja Arndt (60), Europaabgeordnete und Vorsitzende des Kreisverbandes Ostfriesland, hat Müller sich bei den Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla über Landeschef Ansgar Schledde beschwert. Es geht um angebliche schwarze Kassen, Veruntreuung und Parallelstrukturen.

Ein Vorwurf, über den die „Bild“-Zeitung in dieser Woche berichtete, lautet, die AfD in Niedersachsen werde von einer korrupten Organisation namens „Allianz“ geführt. Diese „Parallelorganisation“, so steht es in dem umfangreichen Schreiben an die AfD-Spitze „terrorisiere“ Mitglieder und beeinflusse Kreisverbände massiv.

„Einsatzkommando“ in Seesen

Als ein Beispiel für eine solche Intervention wird der für die AfD peinliche Bürgerdialog Ende September in Seesen genannt. In der Versammlung kam es zum tumultartigen Streit zwischen den Bundestagsabgeordneten Dirk Brandes und Micha Fehre sowie dem Landtagsabgeordneten Omid Najafi auf der einen Seite mit Müller auf der anderen. Der Abend sei „ein typischer Fall für einen Einsatz der Parallelstruktur“ gewesen, heißt es in dem Brandbrief.

Wie ein „Einsatzkommando“ habe Schledde das Trio aus dem Raum Hannover nach Seesen geschickt, um Müller zu attackieren. Der Streit auf offener Bühne war von einem AfD-Filmer aufgenommen, ins Internet gestellt und dort zigtausendfach aufgerufen worden.

Zum besseren Verständnis: Für das angespannte Verhältnis von Anja Arndt und Main Müller zum Landesvorstand gibt es jeweils eigene Vorgeschichten. Wie berichtet, hat der Landesvorstand um Schledde im Januar den Parteiausschluss von Müller beantragt und ihm die Mitgliedsrechte entzogen, er ist aktuell Kreisvorsitzender ohne Befugnisse. Das Verfahren vor dem Landesschiedsgericht läuft. Zuvor hatten einige seiner früheren Mitstreiter einen umfangreichen Beschwerdekatalog über ihn nach Hannover geschickt. Der Parteiausschluss-Antrag und der Entzug der Mitgliedsrechte wird mit zahlreichen Verstößen und „ungeordneten Finanzen“ begründet.

In Ostfriesland, der Heimat von Anja Arndt, streitet die AfD derweil um eine neue Kreisstruktur. Vorsitzende Arndt versuchte vergeblich, die Gründung des Kreisverbandes Aurich/Emden mit Mitgliedern aus dem ursprünglichen Verband zu stoppen. Es heißt, der Kreisvorstand Ostfriesland habe Widerspruch beim Bundesschiedsgericht eingelegt.

Bundesvorstand soll einschreiten

Der Landesvorstand begründet die Teilung des ostfriesischen Kreisverbandes mit dem Parteiengesetz und der entsprechenden Mitgliederstärke, die eine Teilung erlaubt oder sogar erfordert hätte.

Aus Sicht von Arndt gibt es einen weiteren Konflikt: Gegen ihren Sohn Simon lief wie gegen Müller ein Parteiausschlussverfahren. Das Bundesschiedsgericht hob im Juli 2025 dazu ein Urteil des Landesschiedsgerichts auf und sprach Arndt seine Mitgliedsrechte wieder zu, er erhielt aber eine Abmahnung.

Wie geht es im aktuellen Streit weiter? „Ohne Ihr zügiges und beherztes Eingreifen ist unsere Partei der Alternative für Deutschland in Niedersachsen verloren“, schreiben Anja Arndt und Main Müller. Die AfD-Pressestelle der Bundespartei hat eine Anfrage von Montagabend am Dienstag dazu nicht beantwortet. Zuvor hatte ein AfD-Sprecher der „Bild“ berichtet, Alice Weidel habe sich noch keinen „objektiven Überblick“ über das Schreiben verschaffen können, das 15 Seiten plus 78 Seiten Anhang umfasst.

Über die „Allianz“-Gruppe gibt es unterschiedliche Erzählungen. Sie sei nicht geheim gewesen, heißt es aus Hannover. Und während Main Müller berichtet, er habe der Gruppe ebenfalls angehört und sei freiwillig ausgeschieden, wird aus dem Landesvorstand mitgeteilt, er sei ausgetreten, als eine Abstimmung über seinen Ausschluss anstand. Das Vorgehen gegen ihn habe seinen Grund in dem unabgestimmten Besuch des Thüringer AfD-Rechtsaußen Björn Höcke bei Müller in Seesen gehabt.

Über ein „erneutes“ Ermittlungsverfahren gegen Schledde, wie in dem Brief behauptet, ist unterdessen nichts bekannt. Kathrin Söfker, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover, berichtet, derzeit laufe weiterhin das Ermittlungsverfahren von 2023 wegen Verstoßes gegen das Parteiengesetz. Der Abschlussbericht des Landeskriminalamtes werde „demnächst“ erwartet, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden.

„Immer absurder“

Derweil kündigen Arndt und Müller weitere Mitteilungen an, die Fehlverhalten des Landesvorstands anprangern sollen. Landesvorsitzender Schledde bezeichnet Arndt und Müller unterdessen als „enorm ambitionierte, aber schwierige Charaktere“. Seit beide sich zusammengetan hätten, werde es „immer absurder“. Er wünsche beiden „ein gesundes und erfolgreiches Leben, doch vielleicht außerhalb unserer Partei“.

Landesvorstandsmitglied Vanessa Behrendt wird in einer Mitteilung mit den Worten zitiert, sie habe noch nie eine „derartig absurde und völlig frei erfundene Geschichte gelesen“. Der aus Hannover stammende Bundestagsabgeordnete Micha Fehre erklärt demnach: „Main Müller fällt nicht das erste Mal durch einen politischen Amoklauf auf.“

Ein Mann spricht in ein Mikro.

Main Müller aus Seesen ist Kreisvorsitzender, aber aktuell ohne Befugnisse, weil ihm die Mitgliedsrechte entzogen wurden. Foto: Privat

Eine Frau spricht in ein Mikro.

Anja Arndt, Europaabgeordnete und Kreisvorsitzende in Ostfriesland, attackiert ihren Landesvorstand. Foto: picture alliance/dpa

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