Zähl Pixel
Kritische Worte aus der Kultur

Wahl in Israel: Dirigent Shani fordert Verantwortung

Der Dirigent Lahav Shani äußert sich kritisch zur Zukunft Israels. (Archivbild)

Der Dirigent Lahav Shani äußert sich kritisch zur Zukunft Israels. (Archivbild) Foto: Peter Kneffel/dpa

Vor der Wahl in Israel meldet sich der Dirigent Shani mahnend zu Wort und geht mit den Regierenden in seiner Heimat ins Gericht. Den Boykott einer Zusammenarbeit mit arabischen Parteien verurteilt er.

Von dpa 22.10.2026, 13:50 Uhr

München. Der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Lahav Shani, hat sich im Vorfeld der Wahl in seiner israelischen Heimat mit kritischen Worten an seine Landleute gewandt. In einem ungewöhnlichen persönlichen Statement rief er die Verantwortlichen auf, für die Versäumnisse im Zusammenhang mit dem Hamas-Massaker am 7. Oktober Verantwortung zu übernehmen, und sprach sich für die Gleichberechtigung der arabischen Bürger Israels bei den Wahlen aus. Shanis Text wurde auch auf Hebräisch in der Tageszeitung „Haaretz“ veröffentlicht. 

Boykott arabischer Parteien „rassistisch motiviert“

Jeder, der das Land führen wolle, müsse sich verpflichten, dessen gesamte Bevölkerung zu vertreten, schreibt Shani. „Das bedeutet, arabische Israelis als in jeder Hinsicht gleichberechtigte Bürger anzuerkennen. Ich halte den pauschalen Boykott arabischer politischer Parteien für beschämend und rassistisch motiviert.“ 

Ein Fünftel der rund zehn Millionen Israelis sind arabische Staatsbürger. Laut Umfragen zeichnet sich bei der Parlamentswahl am Dienstag ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und dem seiner Gegner ab. Die arabischen Parteien könnten zum Zünglein an der Waage werden. Netanjahu und seine politischen Verbündeten haben aber wiederholt die Beteiligung arabischer Parteien an politischen Bündnissen in Israel infrage gestellt. Auch Teile der jüdischen Opposition schließen eine Koalition mit arabischen Parteien aus.

Die Ablehnung wird unter anderem mit Sicherheitsbedenken und dem Vorwurf begründet, einzelne arabische Abgeordnete distanzierten sich nicht ausreichend von palästinensischen Organisationen. Zudem verweisen Kritiker auf die Ablehnung der Definition Israels als jüdischen Staat durch einzelne arabische Parteien, die diese als diskriminierend gegenüber der arabischen Minderheit ansehen.

Forderung nach gegenseitigem Mitgefühl 

Weiter spricht sich Shani für mehr Empathie und Mitgefühl mit den vom Konflikt betroffenen Israelis und Palästinensern gleichermaßen aus. „Ohne gegenseitiges Mitgefühl wird es niemals eine Lösung für den Konflikt geben.“

Zu den politischen und nachrichtendienstlichen Versäumnissen in Bezug auf den 7. Oktober schrieb Shani: „Es ist schlichtweg inakzeptabel, dass sich jemand, der an der Macht bleiben will, der öffentlichen Rechenschaftspflicht entzieht.“ Angesichts der „ausufernden Gewalt“ von Siedlern im Westjordanland seien eine unmissverständliche Verurteilung und ein Eingreifen erforderlich.

Am 7. Oktober 2023 hatten Hamas-Terroristen rund 1.200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 weitere als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Der beispiellose Überfall löste den Gaza-Krieg aus. Seitdem wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen mehr als 74.000 Palästinenser getötet. Die humanitäre Lage im Gazastreifen ist weiterhin äußerst prekär. 

Shani kritisiert auch Äußerungen israelischer Politiker, die etwa einen Atombombenabwurf auf den Gazastreifen als Option bezeichnet hätten. „Wir haben Freunde auf der ganzen Welt, doch selbst ihnen fällt es angesichts der schockierenden Äußerungen unserer eigenen gewählten Volksvertreter schwer, Israel zu verteidigen.“

Druck auf Israel – und auf israelische Künstler

Der Druck auf Israel nehme von Tag zu Tag zu – das treffe auch israelische Künstlerinnen und Künstler. „Ein Beispiel dafür haben wir vor etwa einem Jahr erlebt, als bei einem Auftritt des Israel Philharmonic Orchestra und mir in Paris Randalierer im Saal Feuer zündeten und uns mit Gegenständen bewarfen.“ Eine Meinung zu äußern sei legitim – andere einzuschüchtern oder Gewalt anzuwenden, sei es nicht. 

Shani ist Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra und Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Die Redaktion empfiehlt
Diskutieren Sie mit!