„Fürs Überleben zentral“ – Was die Weltnaturkonferenz vorhat
Auf der 17. UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt (COP17) wollen zahlreiche Staaten zwei Wochen lang über die Umsetzung ihrer selbst gesteckten Ziele bis 2030 sprechen. (Illustration) Foto: Patrick Pleul/dpa
Vor vier Jahren einigte sich die Staatengemeinschaft auf ein Rahmenabkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt. Aber es läuft schleppend. Ab Montag will die Weltnaturkonferenz dazu verhandeln.
Eriwan. Wie steht es um den Schutz der Natur? Vier Jahre nach einer internationalen Einigung auf ein Rahmenabkommen ziehen auf der 17. UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt (COP17) fast 200 Länder eine Zwischenbilanz. Zwei Wochen lang soll es ab Montag in der armenischen Hauptstadt Eriwan darum gehen, wie sich die selbst gesteckten Ziele bis 2030 noch erreichen lassen – trotz aller Hürden und Rückschläge. Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Konferenz.
Worauf haben sich die Länder geeinigt?
Im Weltnaturvertrag haben sich die Staaten im Jahr 2022 unter anderem darauf geeinigt, mindestens 30 Prozent der weltweiten Land- und Meeresflächen unter Schutz zu stellen. Zur Halbzeit geht es nun um die erste Zwischenbilanz.
Wo steht die Welt beim Schutz von Natur und Artenvielfalt?
Vor der Konferenz haben die UN einen Zwischenbericht veröffentlicht, der aufzeigt, wo die Welt bei der Umsetzung des Abkommens steht. Daraus geht hervor, dass die Ziele bis 2030 nicht erreicht werden, wenn das Tempo nicht anzieht. Es werde zu wenig und zu langsam umgesetzt.
UN-Generalsekretär António Guterres hob positiv hervor, fast 90 Prozent der Vertragsstaaten hätten eigene nationale Ziele zum Schutz der Artenvielfalt eingeführt. „Aber der Bericht zeigt eine Lücke zwischen Ambitionen und Maßnahmen“, sagte er. „Diese schlechten Nachrichten bedeuten, dass der Krieg gegen die Natur noch nicht beendet ist.“ Ein Knackpunkt ist die Finanzierung. Guterres rief zu stärkerer finanzieller und technischer Unterstützung, insbesondere für Entwicklungsländer, auf sowie zur stärkeren Einbeziehung biologischer Vielfalt in alle Bereiche der Politik und Haushaltsplanung.
Was sagen Naturschützer dazu?
Umweltschützer sehen Fortschritte, beklagen aber, dass es zu langsam geht. Umsetzungslücken müssten geschlossen, die Finanzierung gesichert und ausgebaut, Flächen effektiv geschützt sowie Klima- und Biodiversitätsschutz verzahnt werden, fordert etwa Greenpeace Deutschland.
Der Präsident des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), Jörg-Andreas Krüger, sagte, Deutschland und Europa müssten bei der Konferenz vorangehen, und zeigen, dass sie Maßnahmen zur Wiederherstellung der biologischen Vielfalt ergreifen. Der WWF fordert, Natur- und Artenschutz sollten stärker in mehr verschiedene Politikbereiche integriert und auch dort umgesetzt werden.
Wie steht die Bundesregierung dazu?
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) sagte vor der Konferenz ebenfalls: „Die Weltgemeinschaft hat Fortschritte gemacht, aber bei der Umsetzung gibt es noch große Lücken.“ Es gelte, schneller zu werden, um die gemeinsamen Ziele noch zu erreichen. Der SPD-Politiker reist in der zweiten Woche zur Konferenz und leitet die deutsche Delegation. „Wir haben in Deutschland noch Hausaufgaben zu machen“, räumte er ein. „Aber wichtig ist auch die internationale Zusammenarbeit, damit die Natur in anderen Teilen der Welt überleben kann.“
Wie geht es denn der Natur in Deutschland?
Die Bilanz für viele Schutzgebiete in Deutschland fällt Experten zufolge schlecht aus – so das Fazit einer kürzlichen Bestandsaufnahme. Nach einer umfassenden wissenschaftlichen Analyse von Schutzgebieten nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) seien nur sechs Prozent der Lebensräume und vier Prozent der Arten in einem günstigen Zustand, heißt es in einem Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Halle. Die FFH-Schutzgebiete sollen besonders wertvolle oder gefährdete Tier- und Pflanzenarten sowie Lebensräume schützen.
Als zentrale Ursachen für den schlechten Zustand vieler Schutzgebiete nennt das Autorenteam intensive Landwirtschaft, Entwässerung, forstliche Nutzung und menschliche Störungen. Hinzu kämen Belastungen von außen wie Pflanzenschutzmittel, Nährstoffeinträge, Bebauung und Klimawandel.
Besonderen Handlungsbedarf sehen die Experten bei Wäldern und Meeresschutzgebieten. Ziel sollte es demnach sein, zehn Prozent der Wälder im öffentlichen Eigentum und zehn Prozent der Meeresschutzgebiete als streng geschützte Bereiche ohne sogenannte stoffliche Nutzung – vor allem ohne Fischerei und ohne Bauwerke – auszuweisen. Derzeit sei in deutschen Meeresgebieten nur etwa ein Prozent der Fläche von jeglicher Nutzung ausgenommen.
Warum ist Schutz der Artenvielfalt überhaupt nötig?
Die Artenvielfalt geht seit Jahrzehnten drastisch zurück. Der Living Planet Report 2026 der Umweltstiftung WWF zeigte zuletzt eine Abnahme von Wildtierbeständen. Von 1970 bis 2022 schrumpften die mehr als 35.000 im Bericht erfassten Wirbeltierpopulationen im Durchschnitt um 73 Prozent.
„Der Schutz der Natur ist für das Überleben der Menschheit absolut zentral“, sagte Jannes Stoppel von Greenpeace Deutschland. „Die Basis für unser gesellschaftliches Leben, unsere Wirtschaft und unsere Lebensgrundlage sind intakte Ökosysteme.“ Das mache sich im Alltag bemerkbar. Nabu-Präsident Krüger sieht das ähnlich. „Waldbrände, Niedrigwasser, ausgetrocknete Landschaften - in diesem Sommer haben wir auch in Deutschland erlebt, wie sehr wir auf intakte Natur als Lebens-und Wirtschaftsgrundlage angewiesen sind“, sagte er.