Ex-Narkosearzt: „Ich habe Menschen ins Verderben gestürzt“
Die Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Anästhesisten elf Fälle vor. Nach der Anklage soll er die Betäubung junger Patientinnen ausgenutzt haben, um intime Fotos zu machen. (Symbolbild) Foto: Marijan Murat/dpa
Er soll intime Fotos von betäubten Patientinnen gemacht haben: Der Angeklagte spricht unerklärlichen „Impulsen“. Zentrale Vorwürfe räumt er ein.
Hannover. Ein wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern angeklagter früherer Narkosearzt hat vor dem Landgericht Hannover mehrere zentrale Vorwürfe eingeräumt. „Ich habe eine ganze Menge Menschen ins Verderben gestürzt“, ließ der 52-Jährige über seinen Verteidiger erklären. In einer 14-seitigen Erklärung gab der Anwalt des Mannes am zweiten Prozesstag an, sein Mandant räume die ersten acht Anklagepunkte ein. Sie beziehen sich auf Aufnahmen von narkotisierten Patientinnen im Regionsklinikum Neustadt am Rübenberge bei Hannover.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Anästhesisten insgesamt elf Fälle vor. Laut Anklage soll er die Betäubung junger Patientinnen ausgenutzt haben, um intime Fotos zu machen. In einigen Fällen soll er Mädchen für die Aufnahmen auch berührt haben. Die Opfer waren nach früheren Angaben fast alle minderjährig, das jüngste Mädchen war acht Jahre alt.
Der Angeklagte habe von 2001 bis 2024 als Anästhesist gearbeitet, sagte sein Verteidiger. Die Taten im Krankenhaus waren nach Darstellung der Verteidigung nicht geplant oder vorbereitet gewesen. Der Mann sei in Warte- und Überwachungsphasen einem Impuls gefolgt. Es habe sich um „Zufallsbegegnungen im Krankenhausbetrieb“ gehandelt, hieß es in der Erklärung.
Verteidiger: „Er kann diesen Impuls nicht sinnvoll erklären“
Der frühere Arzt schäme sich sehr für sein Verhalten. Die Aufnahmen habe er nach eigener Darstellung niemals anderen Menschen gezeigt. Nach Angaben des Verteidigers beschrieb der Angeklagte es als Machtgefühl, solche Fotos zu besitzen. „Er hat im Alltag von diesen Aufnahmen gezehrt“, sagte der Anwalt. Sexuell befriedigt habe sich der Mann daran nach eigener Aussage nicht. „Er kann diesen Impuls nicht sinnvoll erklären“, sagte der Verteidiger.
Auch zu einem weiteren Anklagepunkt aus dem persönlichen Umfeld äußerte sich der Angeklagte über seinen Verteidiger. Dabei geht es um Fotos aus dem Sommer 2014. Der Mann habe damals seine Tochter und die Tochter einer befreundeten Familie fotografiert, als die Mädchen nach seiner Darstellung aus eigenem Wunsch nackt eine Show gezeigt hätten. Auch dabei habe er sich nach eigener Darstellung nicht sexuell befriedigt, sondern sich „stark und überlegen“ gefühlt.
Anklage umfasst auch Besitz von Kinder- und Jugendpornografie
Die Staatsanwaltschaft befragte den Angeklagten im Anschluss zu Widersprüchen. Dabei ging es unter anderem darum, dass der Mann ausschließlich weibliche Menschen im Intimbereich fotografiert habe. Beim Angeklagten seien zudem inkriminierte Dateien gefunden worden. Die Anklage umfasst auch den Besitz kinder- und jugendpornografischer Aufnahmen.
Zu seiner persönlichen Vorgeschichte ließ der Angeklagte erklären, er habe seit früher Jugend ein problematisches Verhältnis zu Pornografie. Bereits 2004 habe er an einer Sexualtherapie teilgenommen. Pornografie habe für ihn eine starke Faszination gehabt, zugleich sei sie ein Fluchtverhalten vor Alltagsproblemen gewesen. Der Mann fühle sich den meisten Frauen unterlegen.
Am Strand in Kroatien aufgefallen
Im Sommer 2024 war der Ex-Arzt nach früheren Angaben der Anklagebehörde in Kroatien aufgefallen, weil er an einem FKK-Strand Aufnahmen gemacht haben soll. Nach Angaben der Verteidigung wurde er dort verhaftet. In der Haft sei er geschlagen und bespuckt worden, habe Toiletten putzen müssen und keine Möglichkeit gehabt zu duschen, hieß es in der Erklärung. Nach seiner Rückkehr habe er sich in eine Fachklinik einweisen lassen und sei vier Monate stationär behandelt worden. Der Angeklagte befinde sich weiter in Therapie.
Klinikum Region Hannover fordert mehr als halbe Million Euro
Nach Darstellung der Verteidigung übt der Angeklagte seinen Beruf nicht mehr aus. Sein früherer Arbeitgeber – das Klinikum Region Hannover – fordere mehr als eine halbe Million Euro von dem Mann. Im Internet habe es Aufrufe gegeben, den Angeklagten zu schädigen. Der Angeklagte habe den Geschädigten seiner Taten Schmerzensgeld zugesagt.
Das Klinikum hatte sich nach früheren Angaben von dem Mann getrennt. Der Fall habe bei Belegschaft und Klinikleitung große Betroffenheit und tiefe Bestürzung ausgelöst, hatte das Krankenhaus mitgeteilt. Für den Prozess sind mehrere Fortsetzungstermine angesetzt.