Erziehung: Das sollen Eltern von ADHS-Kindern vermeiden
Spielen an der frischen Luft ist immer eine gute Idee. Foto: Oleksandr Pidvalnyi
Entgegen vieler Klischees ist eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern kein Resultat eines Eltern-Fehlers.
Dennoch brauchen Kinder mit ADHS eine auf sie zugeschnittene Erziehung: Denn die neurobiologische Entwicklungsstörung macht sich durch eine Dysregulation des Nervensystems bemerkbar, die zu Konzentrationsstörungen, Impulsivität und Reizüberflutungen führen kann.
Für Eltern ist die Erziehung von ADHS-Kindern oft anstrengend: In einer repräsentativen Umfrage des Sinus-Instituts vermutete 2021 jedes zehnte Elternteil die Störung bei seinem Kind, doch nur die Hälfte aller befragten Eltern fühlte sich ausreichend über ADHS informiert. Das kann kurz- und langfristige Folgen für das Kind haben: Passt die Erziehung nicht zu seinen Bedürfnissen, drohen stärkere Symptome und ungesunde Gewohnheiten bis ins Erwachsenenalter.
Nicht gleichgültig, sondern oft überfordert
Lisa Zimmermann, Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin aus Berlin, sieht frühe Beziehungsstörungen als zentrales Problem bei der Erziehung von Kindern mit ADHS. Oft gäben die Erwachsenen nicht genug Resonanz, sagt sie: Die Eltern seien zwar körperlich anwesend, aber nicht wirklich da. Dahinter stecke keine Gleichgültigkeit, sondern schlichtweg Überforderung. Manche Eltern zeigten sogar selbst Anzeichen innerer Unruhe oder sogar ADHS-Symptome.
Allerdings warnt die Psychologin: Diese „subtile Form von emotionaler Vernachlässigung“ könne ADHS-Symptome verstärken. Als Beispiele nennt sie kleine Versäumnisse, wie fehlende Blicke, Berührungen oder Antworten gegenüber den scheinbar rastlosen Kindern. Zudem übernehmen häufig Bildschirme die Rolle des Babysitters: „Viele Kinder mit ADHS wurden früh durch Fernseher und Videos beruhigt“, sagt Zimmermann.
Nervensystem schaltet in den Modus der Anspannung
Auch mit Süßigkeiten versuchten viele Eltern, ihre Kinder zu trösten. Doch solche Methoden seien kontraproduktiv: „Das führt zu einer Art frühzeitiger Reizüberflutung des Gehirns und zu einer Überlastung mit elektromagnetischen Strahlungen und Zucker, die erwiesenermaßen zu den ADHS-Symptomen beitragen“, erklärt die Diplom-Psychologin.
Tatsächlich stellen mehrere Studien einen Zusammenhang zwischen ADHS und einer erhöhten Bildschirmzeit her. Obwohl Smartphones und Fernseher die genetische Störung nicht verursachen, zeigten in einer japanischen Kohortenstudie schon Kleinkinder mit ADHS einen viel höheren Medienkonsum als andere Gleichaltrige. Zucker, der schon bei Kindern ohne Störungen zu einer erhöhten Aktivität beiträgt, belastet die Konzentrationsprobleme von ADHS-Kindern kurzzeitig zusätzlich.
Besonders die exzessive Bildschirmnutzung kann langfristige Folgen mit sich bringen: Das kindliche Nervensystem registriert die Reizüberflutung und den Mangel an Aufmerksamkeit und schaltet in einen Modus der Anspannung. Das Kind lernt vor dem Bildschirm nicht, wie echte Beruhigung funktioniert. Das führt zu einem Leben im Dauerstress und dazu, dass auch im Erwachsenenalter alternative Strategien zur Beruhigung fehlen.
Lieber Basteln, Spielen oder Freunde treffen
ADHS-Experten und Expertinnen empfehlen daher, die Bildschirmzeit zu regulieren und nicht als Belohnung oder Bestrafung einzusetzen. Zudem raten sie dazu, das Kind mit anderen Methoden zu beschäftigen. Dazu zählen kreative Hobbys wie Malen, Basteln oder Backen, gemeinsames Puzzeln oder Brettspielen, Vorlesen, Aktivitäten an der frischen Luft sowie Treffen mit Freunden und Familie.
Doch auch die Eltern selbst können ihre Kinder überfordern. Das ist das andere Extrem: „Eltern von ADHS-Kindern sind oft bemüht, ihren Kindern zu helfen, und verstricken sich dabei häufig im Aktionismus“, sagt Lisa Zimmermann. „Aber was diese Kinder vor allem brauchen, ist keine Lösung, sondern Beziehung.“ Die Psychologin empfiehlt eine elterliche Zugewandtheit ohne Bewertung, die auch dann bleibt, wenn das Kind laut, wütend oder überfordert handelt. Offene Fragen wie „Was war heute mit dir los?“ oder „Was hast du wirklich gebraucht?“ könnten solche Momente schaffen, so Zimmermann.
Scham in Vertrauen verwandeln
Im Unterschied zu Kindern mit anderen Störungen spürten ADHS-Kinder ihre Andersartigkeit sehr deutlich, erklärt sie: „Sie leiden auch darunter.“ Zeigten Eltern in diesen Momenten Geduld und echtes Interesse, könne sich Scham in Vertrauen verwandeln, so die Expertin. Auch im Alltag verstärke diese Einstellung die Nähe zum Kind, etwa bei den Hausaufgaben oder beim Spazieren.
„Je aktiver Eltern in die Beziehung investieren, desto stabiler wird sie“, so Zimmermann. „Das Kind lernt: Da ist jemand, auf den ich zählen kann.“ Eine medikamentöse Behandlung sei bei ADHS in Situationen mit extremem Leistungsdruck, wie beispielsweise Prüfungen, hilfreich, könne die Zuwendung aber nicht ersetzen. „Vertrauen“, sagt die Psychologin, „ist das stärkste Gegengewicht zur inneren Unruhe.“
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