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Zahnarztrechnung angefochten

GZ Plus IconAnwalt verpasst wichtigen Termin: Wolfshäger verliert Hauskredit

Mehrere weiße Aufkleber mit dem schwarzen Schriftzug 'schufa' auf gelbem Hintergrund

Weil sein Anwalt einen Termin verpasst, bekommt der Wolfshäger Wilfried Hagedorn einen Schufa-Eintrag. Foto: Franziska Gabbert/dpa-tmn/dpa

Ein Zahnarztbesuch und eine strittige Rechnung: Für Wilfried Hagedorn eskaliert ein Fall über wenige hundert Euro. Der Grund: Sein Anwalt verpasst einen wichtigen Termin.

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Von Ronja Heinemann
Montag, 23.03.2026, 18:00 Uhr

Wolfshagen. Es begann alles unspektakulär mit einem Zahnarztbesuch im August 2024. Routine für den 77-jährigen Wilfried Hagedorn aus Wolfshagen, pensionierter Marinebeamter. Doch was danach folgte, entwickelte sich zu einer monatelangen Belastungsprobe – mit Folgen, die heute weit über eine einfache Rechnung hinausgehen.

Nach der Behandlung erhielt Hagedorn Post von der zahnärztlichen Abrechnungsstelle. Die Rechnung lag bei mehr als 2000 Euro. Wie üblich reichte er die Unterlagen bei seiner Beihilfe ein. Statt der erwarteten 70 prozentigen Erstattung kam jedoch die erste Überraschung: Die Beihilfe kürzte den Betrag um zehn Prozent. Begründung: Es sei nicht nach der Gebührenordnung abgerechnet worden. „Vom Zahnarzt hieß es aber, alles sei korrekt“, erinnert sich Hagedorn.

Auch seine private Krankenversicherung, bei der er voll für Zahnbehandlungen abgesichert ist, prüfte den Fall – mit dem gleichen Ergebnis wie die Beihilfe. Nach den Kürzungen blieben von ursprünglich mehr als 2000 Euro noch rund 600 Euro übrig.

Für Hagedorn war klar, dass er diesen Widerspruch weitergeben muss. Er wandte sich an die Abrechnungsstelle und wies auf die Unstimmigkeiten hin. Dort blieb man jedoch bei der Darstellung der Zahnarztpraxis, die Abrechnung sei ordnungsgemäß erfolgt.

Ein Anwalt, der alles verschlimmerte

Um sich zu wehren, suchte sich Hagedorn rechtlichen Beistand in Goslar – eine Entscheidung, die er heute bereut. Ein – unzuverlässiger – Anwalt sollte Widerspruch einlegen.

Als Mahnungen eintrafen, riet der Jurist seinem Mandanten, die Forderung zunächst nicht zu begleichen. „Ich wollte eigentlich zahlen, aber ich habe mich auf den Rat verlassen“, sagt Hagedorn.

Im Januar 2025 meldeten sich schließlich die Anwälte der Abrechnungsgesellschaft mit einer erneuten Zahlungsaufforderung. Wieder sollte sein Anwalt reagieren – doch Hagedorn erhielt keine Unterlagen, keine Nachweise, keine Rückmeldung. Zwar schien ein Widerspruch eingereicht worden zu sein, doch Klarheit darüber hatte er nicht. Im März und Mai folgten Vollstreckungsbescheide.
Holzhaus mit Satteldach, mehreren Fenstern und einer großen Glastür, daneben ein großer Kieshaufen

Die Arbeiten an seinem Haus hat Wilfried Hagedorn noch nicht abgeschlossen. Doch seinen benötigten Kredit kündigt die Bank ihm fristlos. Ursache ist eine einfache Zahnarztrechnung. Foto: Heinemann

Der Fall landete schließlich vor dem Amtsgericht Seesen mit Hagedorn als Beklagten. Ein erster Termin wurde verschoben, weil Hagedorns Anwalt aus terminlichen Gründen keine Zeit hatte. Beim nächsten Termin im Oktober 2025 fehlte die Gegenseite.

Mitte Dezember wurde ein weiterer Termin angesetzt. Doch weder Hagedorn noch sein Anwalt waren an diesem Tag vor Gericht. Der Grund: Hagedorn wusste nichts von dem Termin.

Was er zu diesem Zeitpunkt ebenfalls nicht wusste: Sein Anwalt hätte ohnehin nicht erscheinen können. Gegen ihn war bereits am 4. Dezember 2025 ein Tätigkeitsverbot verhängt worden. Darüber informierte er seinen Mandanten nicht. In einem Gespräch mit der GZ im Januar räumte der Jurist selbst ein, es seien „Sachen liegengeblieben, die nicht hätten liegenbleiben dürfen“.

Urteil ohne Wissen des Betroffenen

Im Januar 2026 folgte der nächste Schock für den 77-Jährigen: Post vom Amtsgericht. Zu diesem Zeitpunkt habe er noch nichts von dem vergangenen Amtsgerichtstermin gewusst. Der Brief enthielt das Versäumnisurteil. Darin heißt es, für den Beklagten habe im Termin niemand verhandelt. Hagedorn sei geladen worden, habe jedoch nicht reagiert. „Ich habe von dem Ganzen nichts gewusst. Ich bin aus allen Wolken gefallen“, sagt der 77-Jährige. Von seinem Anwalt hörte er nichts mehr. Damit wurde der Vollstreckungsbescheid rechtskräftig. „Ich hatte gar keine Chance mehr, mich zu wehren.“

Auf der Suche nach Unterstützung wandte sich Hagedorn an weitere Anwälte in Goslar. Vergeblich. Niemand wollte sich mit den „Hinterlassenschaften“ des Kollegen befassen.

Auch seine Rechtsschutzversicherung konnte ihm zunächst nicht helfen. Eine von der Anwaltskammer beauftragte Kanzlei erklärte schließlich, man könne nichts mehr tun. Selbst der Kontakt zu Anwälten, die mögliche Ansprüche gegen die Haftpflichtversicherung des Juristen prüfen, brachte keine Lösung.

„Ich bin von einem zum nächsten gegangen“, beschreibt Hagedorn die Situation.

Die Auswirkungen reichen inzwischen weit über die ursprüngliche Forderung hinaus. Hagedorn hatte noch eine Resthypothek von rund 7000 Euro, mit der er Arbeiten an seinem Haus abschließen wollte – mit dem Ziel, es anschließend zu verkaufen. Doch es kam anders: Die Bank kündigte den Kredit fristlos. Der Fall war bei der Schufa gelandet.

„Das trifft mich schwer“, sagt Hagedorn. „Ich habe mich überhaupt gefreut, den Kredit in meinem Alter noch zu bekommen.“ Das Geld, das er nun dringend bräuchte, fehlt.

Zwischen Reue und Resthoffnung

Inzwischen hat sich Hagedorn einen neuen Anwalt aus Laatzen genommen. Dieser will zumindest versuchen, den Schufa-Eintrag anzufechten. Große Hoffnungen mache sich der 77-Jährige jedoch nicht mehr. „Ach, hätte ich doch bloß erstmal gezahlt“, sagt er rückblickend. „Dann hätte ich den ganzen Ärger nicht.“ Doch ganz aufgegeben hat er nicht. „Die Zuversicht stirbt zuletzt.“

Der Fall zeigt, wie aus einer zunächst überschaubaren Forderung von rund 600 Euro eine existenzielle Belastung werden kann – wenn Fehler im System und anwaltliches Versagen zusammenkommen.

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