Vier Aufführungen mit vielen Überraschungen vom CvD-Gymnasium
Die Proben des CvD-Theaterstücks "Tod auf Christie Island" laufen. Foto: Kaspert
Im CvD-Stück „Tod auf Christie Island“ gibt es kein Superhirn, das alle geheimen Zusammenhänge erkennt und den Fall am Ende ebenso präzise wie glamourös löst. Die GZ hat bei den Proben vorbeigeschaut.
Goslar. Die Welt kennt viele große Klassiker der Kriminalliteratur. Raffinierte Krimis stoßen immer auf großes Interesse, vom Mord im Orientexpress bis zum Luxusliner auf dem Nil als schillernder Tatort. Agatha Christie hat mit Hercule Poirot einen Meisterdetektiv erfunden, der im ewigen Wettstreit liegt mit Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle: Wer ist das größte Superhirn aller Zeiten?
Die Gattung Whodunit, also wer hat es getan, erhält durch das Theater-Ensemble des Christian-von-Dohm-Gymnasiums eine neue Facette. Unter der Leitung von Tanja Woitinas haben 17 junge Leute ein eigenes Stück entwickelt. Es greift zwar die klassische Struktur auf und zeigt die üblichen Verdächtigen mit ihren versteckten Geheimnissen rund um einen Mord in reizvoller Kulisse, aber danach modernisieren sie das Genre ziemlich radikal.
Das Ensemble des CvD-Theaters. Foto: Kaspert
Im CvD-Stück „Tod auf Christie Island“ gibt es kein Superhirn, das alle geheimen Zusammenhänge erkennt und den Fall am Ende ebenso präzise wie glamourös löst. Die Handlung bricht mit der Tradition, wie sie auf der Kinoleinwand präsentiert wird von Peter Ustinov und neuerdings von Kenneth Branagh als Hercule Poirot. Tanja Woitinas erklärt es unserer Zeitung: „Das berühmte Genre gaukelt den Zuschauern eine klar strukturierte Welt vor – die es heute so nicht mehr gibt. Die Welt fliegt uns gerade chaotisch um die Ohren. Alles Gewohnte fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus. In diese Zeit passt ein neuer Whodunit-Krimi nur, wenn wir mit dem Genre spielen, statt es nur zu übernehmen.“
Im Glamour-Hotel auf der Insel bildet sich nach einer mysteriösen Mordnacht ein Ermittler-Team unter den Hotelgästen. Darunter könnte sich auch der Mörder befinden, um alle Anderen zu täuschen. Geschickt wird das Publikum eingespannt, um den Krimi-Spaß um schräge Vögel mit ihren kleinen Ticks auf eine zweite Ebene zu heben: Denkt an die Klassiker und ihre festen Regeln – und werft sie alle über Bord.
Der Erfolgsmensch
Niklass Lewandowski spielt seine nächste große Hauptrolle: ein Hollywood-Regisseur, geprägt vom Selbstbewusstsein, ein großer Filmemacher zu sein. Vom Publikum verehrt, von den Schauspielerinnen geliebt, bei den Produzenten hoch im Kurs – mehr Erfolg geht nicht. Heraus kommt allerdings „ein unmöglicher Bursche“, der sich alles herausnimmt, erst recht gegenüber Zimmermädchen. Im Luxus-Hotel beansprucht der Filmgigant den Mittelpunkt für sich: „Die Menschen hier sind verrückt nach der amerikanischen Lockerheit.“ Er hält sich für unwiderstehlich und boxt alle anderen spielend leicht aus dem Ring.
Die strahlende Diva
Das Bild vom Supermann beginnt zu bröckeln, als eine echte Film-Diva im Hotel zur Sommerfrische erscheint. Sie gibt ihm sofort Kontra. Beide haben erfolgreiche Filme zusammen gedreht, dann zog sich die blonde Schönheit zurück. Offenbar verbindet sie mehr, als öffentlich bekannt wurde. Aber was ist es genau? Es knistert und knallt zwischen den beiden in vielen schönen Szenen. Nora Schönborn, bekannt auch von den Bühnenreif-Musicals, hat das passende Format, um einen echten Gegenpol zur männlichen Dominanz zu schaffen. Die Dialoge zwischen diesen beiden funkeln schon im Scheinwerferlicht, obwohl während der Proben noch mit wenig Bühnentechnik ausgekommen werden muss.
Der Architekt des neuen Schulzentrums Goldene Aue war ganz gewiss kein Theaterkenner, denn die neue Bühne steht mitten in der riesigen Empfangshalle. „Den Zuschauerraum müssen wir uns erst noch schaffen“, seufzt Woitinas. Das geht hier nur mit schwarz verhängten Stellwänden. Weil das zulasten der Akustik geht, wird so sehr wie nie zuvor an lauter und deutlicher Sprache gearbeitet. Auch die technische Infrastruktur für ein Theater auf so hohem Niveau muss erst noch installiert werden. Scheinwerfer gibt es bislang nur direkt über der Bühne und keinen einzigen von vorn. Würde man das so belassen, ständen die Schauspieler in ihrem eigenen Schatten – das Gegenteil vom Rampenlicht.
Mit Variationen
Das CvD-Theater stellt sich mit diesem ersten eigenen Stück neuen Herausforderungen. An den vier Abenden läuft die Handlung nicht in jedem Detail gleich ab. Das gehört zum Konzept, um keinen Krimi-Klassiker aufzuführen, sondern einen durchaus bissigen Kommentar auf Agatha Christie und Co. Im Kino erfahren die alten großen Geschichten gerade eine Wiederentdeckung durch aufwendige Neuverfilmungen. Auf dieser Theaterbühne wird das Genre aber nicht nur zelebriert, sondern auch kritisch kommentiert und seziert. „Verlassen Sie sich nicht allzu sehr auf das, was Sie zu sehen bekommen. Sie sehen nur das, was Sie sehen sollen.“ Getragen von zwei starken Hauptrollen versammeln sich 15 Rollen. Sie alle tummeln sich in einem kleinen, exklusiven Hotel. Das Ensemble ist von 13 bis 29 Jahren breit aufgestellt. Neben den Alternativ-Besetzungen mit Annika Bischoff, Linda Quidde und Liesa Weber gibt es auch inhaltliche Gründe, um sich „Tod auf Christie Island“ mehrmals anzusehen. Ein Probenbericht darf natürlich nicht alles verraten – schon gar nicht bei einem Krimi, bei dem die Suche nach dem Mörder zum Spaß des Publikums gehört.
Die Regie führen wie gewohnt Tanja Woitinas und Axel Dücker. Die Regie-Assistenz macht erstmals Lehrkraft Jonas Hennig. „Das ist für mich die beste Gelegenheit, um zu sehen, wie echtes Theater funktioniert“, sagt er.
Das Stück „Tod auf Christie Island“ wird jeweils um 19 Uhr am 29. April, 1., 2., 3. Mai im neuen Schulzentrum Goldene Aue aufgeführt. Karten für acht Euro, ermäßigt fünf Euro, gibt es bei Opus 57 in der Petersilienstraße sowie nach den Osterferien im Christian-von-Dohm-Gymnasium.