Zwischen Atemnot und Hoffnung auf dem Goslarer Königsberg
Szene aus dem Jahr 1925: Das Ziel der Behandlung im Sanatorium Königsberg war die vollständige Genesung der Patienten, um sie wieder erwerbsfähig zu machen. Foto: Stadtarchiv
1895 entsteht über Goslar eine Lungenheilstätte für Arbeiter und Angestellte. Alte Berichte zeigen, wie Männer dort zwischen Disziplin, Heimweh und Zuversicht lebten.
Goslar. Der Weg auf den Königsberg beginnt für die Patienten meist am Bahnhof. Ein Pferdewagen holt die Lungenkranken ab. Dann geht es 3,5 Kilometer bergauf – bis auf 450 Meter Höhe. Dort liegt das Sanatorium Königsberg, umgeben von 18 Morgen Bergwiesen und Wald.
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1895 öffnete die weltweit erste Lungenheilstätte für Sozialversicherte in der umgebauten Unternehmervilla Jäger inmitten „ozonreicher Luft des Harzrandes“, wie es der leitende Arzt Dr. Andrae in seinem Jahresbericht 1896 beschreibt, der in der GZ veröffentlicht wurde und viele Einblicke aus dem Alltag der damaligen Patienten ermöglicht.

Kegeln im Sanatorium:In der Abgeschiedenheit des Königsbergs sollte auch die Unterhaltung nicht zu kurz kommen. Manche Patienten trieb es auch ins Goslarer Nachtleben, was zu Rausschmiss führen konnte. Foto: Stadtarchiv
Wer um die Jahrhundertwende auf dem Königsberg aufgenommen wird, ist krank, oft schwer krank: Tuberkulose, Lungenschwäche, Kräfteverfall. Hoffnungslose Fälle sollen hier eigentlich nicht landen. Das Sanatorium ist nicht als Sterbeort gedacht, sondern als Ort der Hoffnung.
Dass im ersten Betriebsjahr trotzdem sieben Menschen an der damaligen Volkskrankheit Tuberkulose im Sanatorium sterben, wird im Bericht des Chefarztes einer anfänglichen medizinischen Sorglosigkeit des Personals bei den Aufnahmeuntersuchungen zugeschrieben.

Die Behandlungsmethoden im Sanatorium wurden stets weiterentwickelt, hier ein Aufnahme aus dem Jahr 1957. Als Lungenheilanstalt diente die Einrichtung bis 1971. Foto: Stadtarchiv
Aufnahme nur mit Aussicht auf Genesung
Bevor ein Mann – für Frauen gab es damals keinen Zugang zur Heilstätte – seine Kur beginnen konnte, wurde er gründlich begutachtet. Aufgenommen wurde (eigentlich) nur, wer Aussicht auf „völlige oder doch baldige Genesung“ hatte. Wer an hochgradiger Tuberkulose litt, stark fieberte, zu Bluthusten neigte oder bereits schwere Höhlenbildungen in der Lunge zeigte, galt als ungeeignet. Mehrfach wurden Patienten wieder fortgeschickt. Die Versicherungsanstalt, die das Sanatorium finanzierte, band ihre Fürsorge gesetzlich an die Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit der Behandelten, es ging also in erster Linie gar nicht um Nächstenliebe.
Strenge Hausordnung im Dienst der Gesundheit
Wer bleiben durfte, unterwarf sich einer klaren Hausordnung. Der Alltag auf dem Königsberg war durchgetaktet. Im Sommer endete die Nacht um 7 Uhr, im Winter um 8 Uhr. Abends hieß es um 21.30 Uhr beziehungsweise 21 Uhr: Licht aus. Die Kranken sollten sich „in ihren Schlafzimmern äußerst wenig aufhalten“ und möglichst viel Zeit im Freien verbringen, so die damalige medizinische Ausrichtung.

Der Speisesaal im Jahr 1957. Foto: Stadtarchiv
Frische Luft galt als zentrales Heilmittel. Selbst im Winter wurden Aufenthalte draußen empfohlen. Dazu kamen gezielte Atemübungen, häufig unter Anleitung. In besonderen Fällen ordnete der leitende Arzt Inhalationen mit Terpentindämpfen an. Die Terpentinpfeifen, seien einfach zu handhaben, schriebt der Chefarzt in seinen Bericht. Wer Bluthusten hatte, durfte das Gelände zunächst nicht verlassen und musste seine Atemübungen ruhig liegend oder sitzend ausführen.
Ob Bäder, Duschen oder Prießnitz‘sche Einwickelungen (eine Art „Wadenwickel“): Die Therapie war vielfältig. Gleichzeitig wurde Disziplin von den Patienten erwartet. Wer sich nicht an die Regeln hielt, flog raus.
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Heimweh, Wirtshaus und harte Konsequenzen
Elf „Pfleglinge“ wurden im Jahr 1902 in einem anderen Haus der Anstalt wegen „schlechten Betragens“ entlassen, heißt es in einem damaligen GZ-Bericht. Einer verließ die Einrichtung aus Heimweh. Auch über Besuche von Goslarer Wirtshäusern und Tanzlokalen wurde berichtet. Nicht jeder hielt die Abgeschiedenheit und die strengen Regeln aus des Königsberg-Sanatoriums aus.
Hygiene als Überlebensfrage
Tuberkulose ist ansteckend – das wussten die Verantwortlichen der Heilstätte. Entsprechend streng waren die Hygienevorschriften. Auswurfkranke mussten beim Zubettgehen in mit Sublimatwasser gefüllte Spucknäpfe spucken, beim Spaziergang kleine Fläschchen mit Schraubverschluss bei sich tragen. Der Auswurf war zu desinfizieren oder möglichst zu verbrennen. Ein größerer Desinfektionsapparat stand bereit, um Wäsche zu behandeln.
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Fünf Mahlzeiten am Tag – gegen den Kräfteverfall
Neben Ruhe und frischer Luft stand die Kräftigung der Patienten ganz oben auf dem Behandlungsplan: Königsberg-Chefarzt Andrae schilderte eine „gute, nahrhafte und reichliche Verpflegung“. Fünf Mahlzeiten strukturierten den Tag: morgens Milchkaffee oder Kakao mit Semmeln, später Butterbrote mit Milch, mittags Suppe, Braten, Kartoffeln und Gemüse, nachmittags erneut Milch oder Kakao, abends Brot, Suppe oder warme Speisen.
Der wöchentliche Speiseplan liest sich üppig: Bouillonsuppe mit Reisfleisch und Kalbsbraten, Erbsensuppe mit Fleischklößen, Schweinekotelett mit Bohnenstiel, Hammelbraten mit Weißkohl, Kartoffelpuffer mit Heidelbeeren. Dazu Milch – manche tranken zwei bis drei Liter täglich . Auch Alkohol spielte eine nicht unwesentliche Rolle: Bei Bedarf gab es Bier oder ein Glas Rotwein. Nur ausnahmsweise wurden auch Tokajer oder Cognac gereicht.
Die Gewichtszunahmen der Patienten galten als Gradmesser des Erfolgs. Während der Behandlung auf dem Königsberg nahmen die Kranken in den ersten Jahren durchschnittlich 5,8 Kilogramm zu. Ein 27-jähriger Tischler brachte es in 86 Tagen auf stolze 15,7 Kilogramm.
Zwischen Statistik und Schicksal
1896 verließen 75 Männer das Haus: 54 voll erwerbsfähig, zehn teilweise erwerbsfähig, acht ungebessert, zwei reisten ohne Angabe von Gründen ab, einer wurde wegen schlechten Betragens entlassen. Das entspracht einer Quote von 72 Prozent der Patienten, die als geheilt oder arbeitsfähig galten. Für die Versicherungsanstalt war das ein „schönes Resultat“, schrieb die GZ.
Die Genesungshäuser wurden weiterentwickelt. Eine Beobachtungsstation verkürzte später die Aufenthaltsdauer. Auch Tuberkulin-Impfungen wurden später laut Berichten – auf freiwillliger Basis – verabreicht.
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