Warum Menschen mit Handy und Lautsprecher durch die Natur ziehen
Gleich erschallt am alten Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen der Ruf des Rebhuhns: Adrian Kanis verbindet sein Handy mit der Lautsprecherbox, die das Mädchen in die Höhe reckt. Foto: Gereke
Sie ziehen mit Handy und Lautsprecherbox in der Dämmerung durch die Natur und spielen einen ganz besonderen Ruf ab. Was ist jetzt im Frühjahr ihre Mission?
Nordharz. „Girrhäk, girrhäk.“ Wenn die Dämmerung hereinbricht, dann zieht es sie mit Handy und Lautsprecher in die Weiten des Großen Bruchs – immer entlang am ehemaligen Todesstreifen, der einst Deutschland durchschnitt. Sie sind auf der Suche nach etwas Besonderem, etwas Bedrohtem – dem Vogel des Jahres 2026, dem Rebhuhn.
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Treffpunkt ist im Schatten des alten DDR-Grenzturms am Hessendamm. Dort wartet Adrian Kanis auf die Teilnehmer der Rebhuhn-Wanderung. Er ist bei der Stiftung Umwelt, Natur- und Klimaschutz des Landes Sachsen-Anhalt (SUNK) für Artenschutz und Monitoring zuständig – und genau darum geht es an diesem Abend, einem kalten Vorfrühlingsabend. Zahlen dazu zu bekommen, wie viele Rebhühner am Grünen Band leben. Erfasst werden zwar nur die Männchen, aber auch das gibt Aufschluss über die Größe der Population dieser bedrohten Art.

Das Rebhuhn steht in Deutschland auf der Liste der bedrohten Tierarten. Europaweit ging der Bestand in den vergangenen Jahrzehnten um mehr als 90 Prozent zurück. Foto: Pixabay
Eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang geht es los. Auf dem alten Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen. „Jetzt, wo der Schnee geschmolzen ist, ist die richtige Zeit“, flüstert Kanis. Vom Handy stellt er nach einer kurzen Einführung für die Wanderer die drahtlose Verbindung zur Box her – aber nicht, weil er Party machen will. „Mit dem Handy durch die Natur zu laufen, das ist eigentlich nicht meine Sache“, sagt Kanis lächelnd. „Girrhäk, girrhäk“ – immer wieder spielt er den Revierruf des Rebhahns ab. Immer wieder in der Hoffnung, dass ein Tier antwortet. Kinder tragen die Lautsprecherbox, halten sie immer wieder nach vorne, links und rechts, damit der Ruf nicht nur in eine Richtung erschallt.
In der Dämmerung kommen sie aus der Deckung
Alle 150 bis 200 Meter ist die Zeit für einen neuen Stopp, für weitere Rufe und alle lauschen in die hereinbrechende Nacht hinein. Es ist die Zeit, in der die Rebhühner aktiv werden. Tagsüber verstecken sie sich vor den Greifvögeln. Wenn deren Nachtruhe beginnt, zieht es das Rebhuhn aus der Deckung, um dann wieder zu verschwinden, wenn die Prädatoren der Nacht unterwegs sind. Es ist also nur ein schmales Zeitfenster, das für das Monitoring mittels Klangattrappe ausgenutzt werden muss. Auf den Ruf aus dem Lautsprecher antworten nur die Hähne, denn es versetzt sie in Aufregung, weil sie denken, ein anderes männliches Tier, ein Konkurrent, sei in ihr Revier eingedrungen. Antwortet ein Rebhahn, wird das Abspielen des Rufs sofort gestoppt. „Wir wollen ihn ja nicht Fuchs oder Waschbär ausliefern“, ergänzt Kanis. Die berühmten Rebhuhnketten, also die Familienverbände des Rebhuhns mit Hahn, Henne und Jungtieren, werden jetzt nicht erfasst. Dazu müssen ja erst die Küken nach der Brutzeit schlüpfen.
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Bis zum 20. März läuft noch das Monitoring am Grünen Band. Zum Ende des Monats März hin sinkt dann die Antwortwahrscheinlichkeit. Haben sich nämlich Hahn und Henne gefunden, die für Brut und Aufzucht zusammenbleiben, beginnen sie sich in das Brutrevier zurückzuziehen. „Die Reviergröße eines Hahns beträgt etwa zwei bis drei Hektar“, erläutert Kanis. Auf der Wanderstrecke werden Beobachtungsdaten gesammelt, um Rückschlüsse auf die Lebensraumqualität zu ziehen.

Vor Beginn der Wanderung am alten DDR-Grenzturm informiert Adrian Kanis, der Mann mit den Unterlagen in der Hand, über das Projekt. Foto: Gereke
Den Lebensraum des Rebhuhns machen Hecken, Graswege, Gehölze, Feldraine und Vegetation des Vorjahrs aus, in denen sie Deckung finden können. Das Weibchen baut dort das Nest als Mulde am Boden. Meist im Mai legt das Rebhuhn etwa 15 einfarbige, blass-olivbraune bis bräunlich-graue Eier. Nach 23 bis 25 Tagen schlüpfen die Jungen, mit 13 bis 14 Tagen können sie schon fliegen und sind mit etwa fünf Wochen selbstständig sind. Sie bleiben aber bis in den Winter im Familienverband, der „Kette“, informiert der Nabu.

Blick ins Große Bruch vor 1989: Jahrzehntelang prägten die DDR-Grenzanlagen die Landschaft im nördlichen Harzvorland. Foto: Archiv Wolfgang Roehl
Aber: Aus einer reinen Agrarsteppe verschwinden sie. Ein Grund, warum das Rebhuhn, der Vogel des Jahres 2026, in Deutschland auf der Roten Liste steht und stark gefährdet ist. Es braucht neben guten Versteckmöglichkeiten auch vielfältige Nahrung. In den ersten Lebenswochen ernährt sich das Rebhuhn vor allem von Insekten und deren Larven. Altvögel bevorzugen pflanzliche Nahrung wie grüne Pflanzenteile, Getreidekörner und die Samen von Wildkräutern. Europaweit ist der Bestand des Rebhuhns in den vergangenen Jahrzehnten um über 90 Prozent zurückgegangen, „in Deutschland werden weniger als 50.000 Brutpaare vermutet“, sagt Kanis.
Auf der Suche nach Kartierern
Es besteht also dringender Handlungsbedarf, so die SUNK. Um aber zielgerichtet und wirksam Artenschutz-Maßnahmen umsetzen zu können, muss zunächst geklärt werden, wo und in welcher Anzahl Rebhühner tatsächlich vorkommen. Genau hier setzt das SUNK-Monitoring im Grünen Band an, teilt die Stiftung mit. Ziel ist es, dauerhaft möglichst viele geeignete Erfassungsstrecken im gesamten Gebiet aufzubauen. Deshalb sucht die SUNK auch Kartierer. Wo mehrere Strecken nah beieinander liegen, lassen sich Aussagen zur Qualität des Lebensraums treffen und bei Bedarf gezielte Fördermaßnahmen entwickeln.

Wenn es denn so einfach wäre, wie dieses Bild vermuten lässt: Nicht bei jeder Rebhuhn-Wanderung lässt sich ein Tier zu Gesicht bekommen. Foto: SUNK (Grafik)
„Girrhäk, girrhäk“ – viele Male erklingt an diesem Abend noch der Ruf aus dem Lautsprecher. Doch eine Antwort gibt es nicht. „Aber sie sind da. Im vergangenen Jahr registrierten wir auf dieser Strecke einen Ruf. Und an anderer Stelle im Großen Bruch nahmen wir 13 Rufe auf rund anderthalb Kilometern wahr“, berichtet er, als er ins nun fast in der Dunkelheit verschwundene Große Bruch, die feuchte Niederung östlich von Hornburg, blickt.
Aber auch diese sogenannte Nullzählung bietet einen Erkenntnisgewinn – macht sie vielleicht deutlich, dass vor Ort noch Handlungsbedarf besteht. Und bereits heute Abend geht es weiter. Da geht es mit dem Ruf des Rebhahns durch die Nacht bei Osterode am Fallstein weiter.
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