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Berührender Kulturklub-Abend

GZ Plus IconWie aus dem schüchternen Ernie die Diva Lilo Wanders wurde

Lilo Wanders erzählt auf der Kulturklubbühne ihre bewegende Lebensgeschichte. 

Lilo Wanders erzählt auf der Kulturklubbühne ihre bewegende Lebensgeschichte. Foto: Schlegel

Wer einen frivolen Kiez-Abend erwartete, wurde überrascht: Ernie Reinhardt erzählte im Kulturklub die berührende Lebensgeschichte, die ihn zu Lilo Wanders werden ließ.

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Von Holger Schlegel
Montag, 23.03.2026, 04:00 Uhr

Bad Harzburg. Wer am Samstag einen Abend voller frivoler Schenkelklopferwitzchen aus dem Mund eines in Würde gereiften, aber noch immer scharfzüngigen Travestie-Stars vom Hamburger Kiez erwartet hatte, den man auch aus dem Fernsehen kennt, wurde enttäuscht. Zum Glück, muss man sagen. Ja: Ernst-Joachim „Ernie“ Reinhardt, besser bekannt als sein Alter-Ego Lilo Wanders, ist ein Travestie-Star vom Kiez. Eine scharzüngige Diva. Auch frivol. Und, ja: mit 70 Jahren auch leicht angealtert. Aber der Gast des Kulturklubs präsentierte sich an diesem Abend in erster Linie als ein Mensch mit einer ungewöhnlichen Geschichte, die anrührt, auch mal lustig ist, aber vor allem nachdenklich stimmt.

„Waren Sie nicht mal Lilo Wanders“ heißt die Autobiographie, die Ernie Reinhardt im vergangenen Jahr veröffentlicht hat, und die auch im Mittelpunkt des ausverkauften Kulturklubabends stand. Und um die Lebensgeschichte einer Persönlichkeit wie Ernie Reinhardt zu erzählen, sollte man natürlich sehr weit zurückgreifen.

Die Vergangenheit

Ob es so weit sein muss, wie am Samstag, bleibt als Frage im Raum stehen. Reinhardt, der den ganzen Abend als Lilo auf der Bühne stand, griff bis in die Urgroßelterngeneration zurück, was anfangs streckenweise ein wenig langatmig wurde. Und doch ist die Kindheit in der Lüneburger Heide ein wichtiger Teil seiner Lebensgeschichte. Oder, wie es Reinhardt später ausdrückte: „Du brauchst ein ganzes Leben, um die Kindheit zu verstehen.“

„Ich will nur leben“

Schon mit drei Jahren hatte der kleine Ernie ein Gefühl des Andersseins. In der Schule sei er ein Zauberwesen gewesen, „Ich sah aus wie ein Mädchen, wurde aber von allen geachtet.“ Irgendwann fing er an, sich auch wie ein Mädchen anzuziehen, machte erste, unschöne homoerotische Erfahrungen, beging einen Selbstmordversuch, der zum Glück scheitert und zu der Erkenntnis führte: „Ich will nur leben.“

Eine Diva zum Anfassen: Lilo Wanders steht nach der Show für Autogramme und Fotos bereit. 

Eine Diva zum Anfassen: Lilo Wanders steht nach der Show für Autogramme und Fotos bereit. Foto: Schlegel

Nach einigen beruflichen Experimenten, unter anderem einem Studium der Bibliothekswissenschaften, schloss er sich in Hamburg der Schwulenszene an, gründete mit Gunter Schmidt und Conny Littmann einen Schwulenchor, ging auf Tournee, feierte Erfolge. 1988 gründete Reinhardt zusammen mit Conny Littmann das Schmidts Theater auf dem Hamburger Kiez. Ernie, schon da als Travestiekünstler bekannt, wurde zu Lilo, deren Vorbild als alternde Diva damals die Künstlerin Evelyn Künneke war. Die Kulturklubgäste verfolgten die Lebensgeschichte bis zu diesem Punkt gebannt und mucksmäuschenstill. Gespannt warteten alle auf den zweiten Teil des Abends, der den Fragen des Publikums gewidmet war. Und spätestens da wurde auch deutlich, dass Lilo Wanders die Gäste mit ihrer Geschichte gepackt hatte.

Gibt es ein Fernsehcomeback?

Natürlich wollten alle wissen, wie Lilo zur Moderatorin von mehr als 500 Folgen des TV-Formats „Wa(h)re Liebe“ (1994 bis 2004) wurde. Sie wurde gefragt, zögerte, aber anderthalb Flaschen Champagner taten ihr Werk. Ob es ein Fernsehcomeback geben könnte? Nein. Die frivolen Themen von damals könne man heute nicht mehr so behandeln, wie vor 20 Jahren.

Interessiert waren die Gäste auch an Lilo Wanders Privatleben, also das des Ernie Reinhardt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Nein, die Kinder seien nicht schwul, „das vererbt sich nicht“. Ja, er liebt seine Frau. Doch ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen: Diese Liebe sei speziell.

Am Ende dieses Abends bleibt weniger die schillernde Figur Lilo Wanders in Erinnerung als der Mensch dahinter. Einer, der früh gespürt hat, anders zu sein, der daran fast zerbrochen wäre und der sich trotzdem sein eigenes Leben erkämpft hat. Vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe dieses Abends: Dass es nicht um Travestie, nicht um Fernsehen und nicht um Provokation geht. Sondern um die einfache, aber alles entscheidende Erkenntnis: „Ich will nur leben.“

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