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Jahresrückblick Goslar

GZ Plus IconKaiserring in Goslar: Ein leerer Füller lässt den Atem stillstehen

Das Foto zeigt die Kaiserringträgerin Katharina Fritsch auf der rechten Seite mit Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner auf der linken Seite. Katharina Fritsch präsentiert den Kaiserring an ihrer rechten Hand.

Katharina Fritsch präsentiert den Kaiserring der Stadt Goslar, den ihr Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner zuvor in der Kaiserpfalz vor 500 Zuschauern verliehen hat. Foto: Sowa

Die Bildhauerin Katharina Fritsch erhält den Kaiserring 2025, doch für Atemstillstand sorgt ausgerechnet ein leerer Füllfederhalter bei der Verleihung.

Von Sabine Kempfer Mittwoch, 14.01.2026, 11:00 Uhr

So gut besucht war eine Kaiserring-Verleihung schon länger nicht mehr: Umso mehr freut sich Goslars Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner über den guten Zuspruch zur 50. Kaiserring-Verleihung der Stadt Goslar an die Düsseldorfer Bildhauerin Katharina Fritsch.

Zum Jubiläum gibt es besondere Gäste, so ist die Politik mit Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies, dem niedersächsischen Minister für Wissenschaft und Kultur, Falko Mohrs, sowie der Bundestagsabgeordneten Frauke Heiligenstadt und dem Landtagsabgeordneten Christoph Willeke (alle SPD) gut vertreten. Das Land hat den Kaiserring anlässlich der Jubiläumsverleihung auch finanziell unterstützt.

Kunst braucht Zeit und Nachdenken

Um sich mit Kunst auseinanderzusetzen, brauche man Zeit, sagt Lies, und genau das sei „etwas, das uns verloren geht“. Die Kunstwerke von Katharina Fritsch fallen auf, gefallen und rufen dazu auf, nicht nur auf die Oberfläche zu achten, sondern Offensichtliches zu hinterfragen, erklärt der MP. Sein Bekenntnis, das Mönchehaus-Museum sei „aus unserem Bundesland nicht mehr wegzudenken“, gefällt, für den Appell „Die Freiheit von Kunst und Künstlern dürfen wir uns nicht nehmen lassen“ gibt es Applaus.

Nachdem Prof. Dr. Marion Ackermann, Juryvorsitzende und Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, eine ebenso persönliche wie wertschätzende Laudatio auf die Preisträgerin gehalten hat, die in ihrer Arbeit „nie menschenfeindlich, nie zynisch“ sei, tritt Fritsch kurz ans Mikrofon. Sie dankt Marion Ackermann für die Laudatio, Dr. Bettina Ruhrberg für die Zusammenarbeit, der „tollen Stadt Goslar“ und dem VFK sowie „allen, die geholfen haben und extra gekommen sind“. Es gibt sogar Anreisen aus New York.

Das Foto zeigt ein Kunstwerk von Katharina Fritsch: eine auf den Hinterbeinen stehende schwarze Maus vor weißem Hintergrund.

Eine Maus ziert am Tag der Kaiserringverleihung die Titelseite der GZ, eine der „tierischen“ Arbeiten von Katharina Fritsch. Foto: Ivo Faber

Ackermann hatte in ihrer Laudatio unter anderem zahlreiche von Fritsch geschaffenen Skulpturen wie den orangefarbenen Oktopus, das weiße Gehirn, die gelbe Madonna und die blauen Männer, aber auch die rot lackierte Muschel als die „guten Geister“ heraufbeschworen und Lust auf die Ausstellung im Mönchehaus gemacht. Die machten andere „gute Geister“ möglich, allen voran Goslars Unternehmer und Ehrenbürger Hans-Joachim Tessner, der das Werk von Peter Schenning fortsetzt und den Kaiserring laut Urte Schwerdtner auch in Zukunft fördern wird.

Die leere Patrone im Füllfederhalter

Es ist, wie es eben so ist, und plötzlich wird eine fehlende Patrone im Füllfederhalter Thema des Tages. Natürlich abgesehen von der Kunst – die erobert sich später im Mönchehaus wieder die Oberhand in den Gesprächen zurück. In der Kaiserpfalz stockt jedoch zunächst einmal einigen Menschen der Atem, als sich die frisch gekürte Kaiserringträgerin Katharina Fritsch ins Goldene Buch der Stadt Goslar eintragen soll – und nichts passiert.

Versteckte Kamera? Wäre eine Idee gewesen; genug Kameras waren trotz eingeschränkter Fotografiererlaubnis ja im Anschlag. Tatsächlich stellt sich nach einigen peinlichen Sekunden heraus: Offenbar ist die Schreibfähigkeit des Stiftes einfach nicht überprüft worden. „Leute, ihr habt alles super gemacht – wir haben nur keine Patrone im Füller“, stellt Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner fest, gefolgt von Lachen und lautem Raunen im Saal und Sekunden, die sich wie Minuten anfühlen.

Auf die Frage „Wo sind denn meine Kulturleute?“ ziehen einige erst einmal die Köpfe ein – doch bevor der Ablauf des Festakts auf der Zielgeraden noch umgestellt werden muss, kann Abhilfe geschaffen werden. Die ihr aus der Zuhörerschar angebotenen Kulis und Filzstifte lehnt Schwerdtner mit dem Hinweis auf fehlende Dokumentenechtheit ab, aber dann kommt aus dem Standesamt im Hause der rettende Füllfederhalter mit schwarzer Tinte.

Alles ist gut, und nach der Abschlussmusik von Ivan Volosatov verlassen alle heiter den Saal. Mit „Cantaloupe Island“ von Herbie Hancock hat das Jazz-Trio der Kreismusikschule schon zwischendurch für Füßewippen gesorgt. Für den Weg zum Mönchehaus gibt es noch einen gülden glänzenden Kaiserringkeks – besser hätte der ungewollt auflockernde Fauxpas dramaturgisch nicht eingebaut werden können.

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