Musikpreisträger: Der Paul-Lincke-Ring wird zum Goldenen Ton
Hahnenkleer Premiere für den Goldenen Ton (v.l.): Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner, Preisträger Sven Regener und Laudator Leander Haußmann warten in der Pressekonferenz auf die Fragen der Medienvertreter. Foto: Neuendorf
Neue Zeitrechnung seit 1. November: Bevor Sven Regener erstmals den umbenannten Musikpreis „Goldener Ton“ erhält, zittern die Veranstalter in Goslar.
Als der Berliner Liedermacher und Buchautor Sven Regener am 1. November zusammen mit seinem Laudator und Arbeitskumpel Leander Haußmann in den nasskalten Oberharz reist, um sich in Hahnenklee den ersten Goldenen Ton aller Zeiten abzuholen, ist keine strahlende Gala zu erwarten, wie manch einer sie aus Paul-Lincke-Ringzeiten kennt und liebt. Kein Konzert, keine Gesangseinlage, kein Glamour: Die Verleihung des ersten Goslarer Musikpreises wird zur Pflichtveranstaltung mit Zitterfaktor.
Paul Linckes Leben und Leistung
Wie reagieren die Hahnenkleer? Wie ist der Premieren-Preisträger drauf? Wie geht es weiter mit dem Preis, wenn etwas schiefläuft? Kein Wunder, dass die Anspannung bei den Goslarer Verantwortlichen vor dem Festakt hoch ist. Umso größer ist die Erleichterung, als sich Regener im Doppelpack mit Haußmann als ebenso entgegenkommender wie gescheiter Gast präsentiert. Witzig und willensstark, klar in der Ansage, freundlich im Auftreten: Regener, dessen Weigerung, einen Preis mit dem Namen Paul Lincke anzunehmen, eine lange Debatte in Kurort und Kernstadt ausgelöst hat, zerstreut auch schnell alle Bedenken, dass er mit Leben und Leistung Linckes vor der Nazi-Zeit irgendwelche Probleme habe. Er wolle nicht den Stab über den Menschen brechen. Aber sich eben auch nicht mit einem solchen Namen schmücken lassen.
Lincke-Schild vorsorglich abgehängt
Ob deshalb ein kurzfristiges Abhängen des Paul-Lincke-Saal-Schildes im Kurhaus not tut? Nachvollziehbar, dass es sich niemand hätte anziehen wollen, wenn Regener die letzten Schritte unter einem solchen Schild hindurch verweigert hätte. Hinterher ist man immer schlauer. Allerdings erscheint die Begründung der Goslarer Verwaltung, es habe nie eine offizielle Taufe des Saales nach Lincke gegeben, immer fadenscheiniger, wenn der Blick auf einen Antrag von CDU und FDP im Ortsrat vom 25. November mit der Nummer 331 aus dem Jahr 1998 fällt.
Heinrich Wiebe, Langzeit-Liberaler im Ortsrat, hat das von ihm und Bernhard Uhe für die CDU unterzeichnete Papier bei der Preisverleihung in der Tasche. Damaliges Begehr: Der große Kursaal soll fortan nach Lincke, der kleine Saal im Kurmittelhaus nach dem Maler Wilhelm Ripe heißen. Begründung: Die Erinnerung an beide werde „im täglichen Sprachgebrauch und an Orten zentraler (Kur-)Veranstaltungen für Gäste und Einwohner aufrechterhalten“. Vieles, was die 220 Gäste im nur halb geöffneten und deshalb vollen Saal kurz hinterher auch hören können, gibt es schon vorab in einer nicht unbedingt üppig besuchten Pressekonferenz zu erfahren. Dass Regener und Haußmann eher Freunde beruflicher Art seien und normal nicht zusammen ins Kino oder zu Konzerten gehen. Obwohl: „Angriff der Klonkrieger“ aus der Star-Wars-Reihe hätten sie schon gemeinsam gesehen. Und auch Bob Dylan beim Musizieren gelauscht. Und dass noch eines von insgesamt drei zusammen geschriebenen Theaterstücken auf seine Veröffentlichung wartet. „Eins haben wir noch nicht ins Rennen geschickt“, sagt Regener.
Viele Komplimente für Goslar
Zur Umbenennung des Preises? Der Goldene Ton sei ein guter Name. Zuerst will Regener den Findungsprozess nicht kommentieren. Später lobt er, dass Goslar die Aufgabe sehr gut gemeistert habe – unaufgeregt, aber konsequent. Für die Jury bezieht der frühere NDR-Unterhaltungschef Dr. Jürgen Meier-Reese Position. Das Gremium habe keine aktive Rolle gespielt, aber schon alles genau beobachtet. Regener gebühre ein Kompliment dafür, die Aufarbeitung angestoßen zu haben. Goslar und Hahnenklee verdienten für die Gestaltung „großen Respekt“, den er als Außenstehender bezeugt. Denn er weiß: „Nicht überall ist so etwas so honorig gelungen.“
Sven Regener: Mit Turnern in St. Andreasberg
Sven Regener und der Harz? Als Kind sei er mit dem Turnverein einst zwei Wochen im nahen St. Andreasberg gewesen. Leander Haußmann wiederum ist in Quedlinburg geboren, als sein schauspielernder Vater ein Engagement beim Bergtheater in Thale hat. Als er selbst ein Jahr alt ist, geht es in die Hauptstadt. Er fühle sich als „Ur-Berliner“ und müsse mit diesem „Gepäck“ umgehen, erzählte er schmunzelnd. Kurzum: Die Berliner Gäste sind ein Gewinn für die Veranstaltung – da haben sich Lincke-Ring-Träger in der Historie schon anders benommen.
Pfiffe aus dem Team der Oberbürgermeisterin
Apropos Benehmen: Dass Elke Dreßler während der Zeremonie mehrfach pfeift, hat nichts mit Missfallen zu tun. Die Leiterin des Büros von Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner beherrscht einfach die Kunst, lautstark auf den Fingern zu pfeifen. Und was wäre der „Sportpalastwalzer“ von Siegfried Translateur ohne Pfiff an den richtigen Stellen? Ein im Vorfeld in anonymen Mails angekündigter Protest durch pfeifende Fußgänger bleibt an diesem Tag dagegen aus.
Ob der stürmische Wind und der nervige Niederschlag eine Rolle spielten? Egal. Im Saal fällt der Beifall an mehreren Stellen fast schon demonstrativ lang und laut aus. Wer einen Kontrapunkt zum ersten Goldenen-Ton-Ringträger sucht, dessen Blick bleibt an einem Bruce-Springsteen-Sticker hängen, den ausgerechnet Goslars Kulturverwalter Marvin Voges an der Jacke trägt. Voges ist es auch, der Regener beim regennassen Gang zur Stabkirche quasi an die Hand nimmt. Dort spielt Stefan Klockgether auf dem Carillon Melodien von Regeners Band Element of Crime.
Der Weg führt übrigens doch über den Paul-Lincke-Platz. Der neue Preisträger kennt dort keinerlei Berührungsängste. Weder mit der Lincke-Büste noch offenkundig mit dem Springsteen-Emblem seines Guides. Bevor der Boss für den Goldenen Ton infrage kommt, müsste er freilich erst einmal etwas Musikalisches auf Deutsch abliefern. So geht auch der zweite Goldene Ton definitiv an jemand anderen.
Zusage der neuen Preisträgerin liegt schon vor
Eine Preisträgerin gibt es nach GZ-Informationen schon. Die Frau, deren Name bis zur offiziellen Verkündung geheim bleibt, habe nämlich bereits zugesagt. Erfreulich deshalb, weil der nach wie vor undotierte Musikpreis weiterhin von der Akzeptanz der ausgewählten Künstler lebt. Der erste Goldene Ton und seine Hahnenkleer Premiere bieten jedenfalls keine weiteren Angriffsflächen für neue Ring-Diskussionen.
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