Sind die Fledermäuse im Winterquartier, wird der Turm saniert
Von der Aussichtsplattform aus sind Besucher der Holzfassade ganz nah: Wie rissig und marode sie ist, demonstrieren Lutz Schröder (rechts), Vorsitzender der IGV Harlyturm, und sein Vorstandsmitstreiter Norbert Brunke. Foto: Kempfer
Kaum hat der IGV Harlyturm die Verantwortung für den Aussichtsturm übernommen, kommen schon erhebliche Kosten auf ihn zu: Die Holzverschalung über dem historischen Mauerwerk soll erneuert werden – wenn die Bewohner darunter im Winterquartier sind.
Vienenburg. Er sieht angenagt aus, der Harlyturm. Ist das dem „Zahn der Zeit“ zu verdanken? Oder auch und insbesondere den vielen Fledermäusen, die Schutz unter der Holzverschalung gesucht und gefunden haben? Vielleicht trifft auch beides zu; und auf der sogenannten Wetterseite kommen in jedem Fall auch noch Wind und Regen hinzu. 40 Jahre lang haben die Fichtenlatten den Turm geschützt, jetzt sind sie rissig, spröde und löchrig geworden – Nut und Feder passen nicht mehr überall zusammen.
Ganz schön angefressen: Am 40 Jahre alten Fichtenholz nagt offenbar nicht nur der Zahn der Zeit. Foto: Kempfer
Man kann das marode Holz mit den Fingern runterknibbeln, zeigt Lutz Schröder, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Vienenburg (IGV) Harlyturm, eindrucksvoll und zerbröselt ein einst festes Stück Holz ohne großen Druck einfach so in der Hand. „Harzer Stülpschalung“, sagt er fachmännisch. Kurzum: Der Turm braucht ein neues Kleid. Aus Lärche soll es sein, hat der Vorstand beschlossen – denn daran ist kein Vergang. Hält besser und länger. „Wir wollen es so machen, dass es uns überlebt“, sagt Schröder und blickt zu seinem Schriftführer Norbert Brunke (67) hinüber. Der lacht. Schröder fügt noch flachsend hinzu: „Dauert ja nicht mehr so lange.“ Mit 65 Jahren darf man so was wohl gerade sagen, ohne Protest zu erwarten – schließlich soll die neue Fassade noch viel länger halten als die alte von 1986.

Der Harlyturm ist ein beliebtes Wanderziel. Umso schöner, wenn die Bänke davor nicht nur zur Rast einladen, sondern wenn sonntags das Bauwerk auch geöffnet ist und Wanderer die Aussicht von oben genießen können. Foto: Kempfer
Das Dach ist übrigens dicht – der Regen, der sich seinen Weg auf den Dachboden bahnte, rührte von einem undichten Dachfenster her. Das ist schon repariert. Die Dachrinne kommt noch dran; sie muss erneuert werden. Durch den Einsatz einer Drohne konnte überprüft werden, wie es um den Harlyturm bestellt ist. Das beliebte Wanderziel sei grundsätzlich in einem „guten Zustand“, alle Fenster seien neu; allein die Holzverkleidung vor dem historischen Kalksandsteingemäuer ist abgängig. Finanziell reicht das allerdings. Der Verein beziffert die anstehenden Kosten auf 40.000 bis 50.000 Euro – und kann davon bis zu 50 Prozent aus Eigenmitteln decken.
Beim Seefest spenden
Im Verein herrscht inzwischen Zuversicht, dass die zweite Hälfte auch noch zusammenkommt. Schon bei Bekanntwerden des Vorhabens auf der Jahresmitgliederversammlung hatten sich erste Spender gemeldet. Große Hoffnung liegt auch auf Sigmar Gabriel und seiner Kenntnis der unterschiedlichen Fördertöpfe. Last but not least will der Verein, der beim Seefest wieder einen Bierstand am Vienenburger Teich betreibt, den „Förderturm“ mitnehmen, die Spardose in Form des Harlyturms. Was am Seefestwochenende dort hineinwandert, soll ebenfalls in die Turmsanierung fließen – damit zum 40-Jährigen im kommenden Jahr alles wieder auf Vordermann gebracht ist.
Schutz der Fledermäuse
Der Auftrag für die Sanierung des Holzkleides wurde an ein Unternehmen in der Region erteilt; begonnen werden kann allerdings nicht vor dem Spätherbst, Wanderer können den Harlyturm in dieser Saison noch ohne Baugerüst genießen – bis zum traditionellen Abschluss am 31. Oktober, Halloween. November ist auf den ersten Blick wohl ein ungewöhnlicher Zeitraum für Außenarbeiten, aber einer mit besonderem Grund, und der ist nachtaktiv und flatterhaft – die Fledermaus. Erst, wenn sich die Winterschläfer in ihr sicheres Winterquartier, in der Regel Höhlen, zurückziehen, kommt die Fassade runter, hinter der sich Hunderte der kleinen Tierchen tummeln; so ist die Absprache mit Siegfried Wielert vom Nabu, der unter dieser Voraussetzung grünes Licht für das Vorhaben gab. Die Sanierung des Turms mitten in der Natur wird auch im Einklang mit ihr erfolgen. Als er einmal prüfend auf die Holzwand geklopft habe, seien zahlreiche Fledermäuse oben aus der Verschalung herausgeflogen, erzählt Schröder; manch einer hätte sich dabei wohl ganz schön verjagt. Schröder nicht: „Die tun einem ja nichts“, erklärt er. Der Schock für die Fledermäuse muss größer gewesen sein. Für das kommende Jahr plant der Verein ein Fledermausprojekt mit Schulklassen, die Patenschaften für Fledermauskästen übernehmen können.
„Viel Fummelarbeit“
Die Baumaßnahme an besonderem Ort bringt auch besondere Herausforderungen mit sich, zum Beispiel die Zufahrt betreffend, die über die Forstgenossenschaft Lengde erfolgt. Das Gerüst, was rund um den nicht selten windumtosten Turm aufgebaut wird, bleibt für einige Wochen stehen – damit immer dann, wenn sowohl Zeit als auch Witterung es zulassen, weitergearbeitet werden kann. Die Verschalung selbst ist eine Herausforderung, weil der Turm nicht weniger als 16 Fenster hat, die ausgespart werden müssen – mal eben Latten drauf ist eben nicht, oder, um es mit den Worten von Norbert Brunke zu sagen: „Das ist viel Fummelarbeit.“

Ausgeräubert: Zum ersten Geburtstag der Sonderstempelstelle wurden Stempel und Stempelkissen fachmännisch abgeschraubt und geklaut. Foto: Kempfer
Nicht lange gefummelt und erst recht nicht lange gefackelt haben dreiste Diebe, die pünktlich zum Einjährigen der Sonderstempelstelle Harlyturm an der Geopark-Infotafel den Stempel samt Stempelkissen sorgfältig ausgebaut haben. „Schön, dass der Kasten noch heile ist“, sagt Schröder; ärgerlich ist es trotzdem. Die Männer hoffen, dass Wanderer sich an diesem schönen Ort bald wieder ihr Souvenir der Harzer Wandernadel in Form eines Stempeldrucks mitnehmen können.

Immer wieder schön, der Ausblick vom Harlyturm auf Vienenburg und den Vienenburger See. Foto: Kempfer
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