So erleben Nachwuchs-Konzertgänger die „h-Moll-Messe“ in Clausthal
Die erste Sitzreihe in der Marktkirche ist reserviert für den Nachwuchs. Foto: Neuendorf
Eine Gruppe von Kindern hat der Erstaufführung der „h-Moll-Messe“ am vergangenen Wochenende in der Clausthaler Marktkirche aus der vordersten Reihe gelauscht. Brigitta Braun von der katholischen Gemeinde hatte sie darauf vorbereitet.
Clausthal-Zellerfeld. Die Aufführung der „h-Moll-Messe“ von Johann Sebastian Bach in der Clausthaler Marktkirche am vergangenen Wochenende war ein besonderes Erlebnis – nicht nur für erfahrene Konzertgänger, sondern auch für elf Kinder, die Brigitta Braun von der katholischen Gemeinde im Vorfeld darauf vorbereitet hatte.
Sie hatte die Kinder am Morgen des Messetages ins katholische Pfarrheim eingeladen, um ihnen vor der Vorstellung am Abend eine Einführung in die „h-Moll-Messe“ zu geben. „Bachs Musik ist völlig frei von Ego. Und ich bin überzeugt davon, dass auch Kinder und Jugendliche das spüren können und seine Musik ihnen helfen kann, in eine Welt einzutauchen, von der wir Erwachsene heute meinen, sie sei nicht mehr zumutbar, die aber Sinn und Kraft spenden kann, wenn man sich darauf einlässt“, sagte sie gegenüber der GZ.
Wer war Johann Sebastian Bach?
Im Vorfeld gab es bei einigen Leuten Zweifel, ob die fast 300 Jahre alte Musik für Kinder geeignet sei. „Allerdings liegt das meines Erachtens nicht an den Kindern, sondern daran, dass sie nie an diese Musik herangeführt wurden“, meinte Braun.
Innerhalb von einer Stunde erklärte sie den Kindern daher von Grund auf, was sie an jenem Abend erwarten würde. Sie lernten unter anderem, welche Gattungen von Musik es gibt, wer Johann Sebastian Bach war und welche Bedeutung sein Schaffen hatte. Einiges Wissen hatten sie aber auch selbst schon mitgebracht, so erklärten sie selbst, was eine Messe ist und dass Bach im Barock lebte. Einige kannten auch seine Musik schon: Der zehnjährige Johann etwa erklärte, Bach gefalle ihm sehr, während der zwölfjährige Richard in der Vorbereitungsstunde zum ersten Mal ein Stück von Bach gehört hatte. Eigentlich sei er eher ein Fan von Rock-Musik.

Brigitta Braun bringt den elf Kindern im katholischen Pfarrheim die Grundlagen der „h-Moll-Messe“ bei. Foto: Raksch
Vorbereitung auf die Messe
„Es gibt nicht wenige Musikexperten und Musiker, die behaupten, Bach sei es gelungen, die perfekte Musik zu komponieren“, führt Braun aus. Damit einher gehe aber eben auch eine besondere Komplexität. Daher stand im Kurs auch der Aufbau der „h-Moll-Messe“ im Vordergrund und die Kinder lernten, die fünf Bestandteile „Kyrie, „Gloria“, „Credo“, „Sanctus“ und „Agnus Dei“ zu unterscheiden sowie, dass klassische Stücke bei genauem Hinhören ganz unterschiedliche Stimmungen vermitteln können. Auch hatte Braun einige Hörproben mitgebracht. Als sie dann etwa Bachs „Osanna“ spielte, begann unter den Kindern das Getuschel. Sätze wie „Das kenne ich“, und „Das klingt richtig gut“, flüsterten sie sich zu.
Zum Abschluss erhielten die Kinder Handzettel, die ihnen während der Vorstellung Orientierung geben sollten. „Das wird schön“, freute sich die neunjährige Helene im Vorfeld.
Und tatsächlich lieferten die Ökumenische Kantorei Clausthal und das Göttinger Barockorchester in der Clausthaler Marktkirche eine durchweg hochprofessionelle Aufführung der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach (die GZ berichtete). Zur Unterstützung hatte Kantor Arno Janssen sich zudem Ute Schulze (Sopran), Nicole Pieper (Alt), Jörn Lindemann (Tenor) und Gotthold Schwarz (Bass) als Gastsolisten eingeladen, sowie Gastsänger aus Göttingen, Seesen und Hildesheim.
„Eine schöne Erfahrung“
Die elf Nachwuchs-Konzertgänger hatten in der für sie reservierten ersten Reihe den besten Blick von allen und hörten Kantor Janssen und seinem Ensemble gebannt zu. „Es war eine schöne Erfahrung“, resümierten sie nach Ende der Vorführung. Johann etwa sagte: „Es war zwar ein bisschen lang für Kinder, aber richtig, richtig gut.“

Erstmals erklingt die Messe am vergangenen Wochenende in Clausthal. Foto: Neuendorf
Stolz berichteten sie: Trotz der späten Urzeit habe kein einziger von ihnen bei der Vorführung geschlafen – und das, obwohl einige von ihnen wegen eines Kindergeburtstags am Vorabend nur wenig geschlafen hatten. Der Hilfszettel und die Vorbereitung hätten sehr geholfen, dem Ablauf Stücks zu folgen. Und wird Bachs Musik jetzt auch Einzug ins Kinderzimmer finden? Da gibt es solche und solche Meinungen, aber ein paar Lieder – nur nicht zu viele am Stück – würden sich die meisten von ihnen nun nach der Aufführung der „h-Moll-Messe“ gern öfter anhören.
Braun zeigt sich mit ihrem Experiment zufrieden: Besonders gefreut habe es sie, dass die Kinder überhaupt dazu bereit waren. Denn beispielsweise ein Abend mit Computerspielen klinge für viele zunächst vielleicht deutlich attraktiver. „Am PC zu spielen, würde sie aber nicht durch schwierige Momente tragen. Ich glaube, dass diese Musik das tun kann, aber da muss man eben herangeführt werden.“ Genau dafür habe sie die Kinder am Morgen ins Pfarrheim eingeladen. Doch sie ist überzeugt: „Es reicht nicht, das nur einmal zu machen.“ In Zukunft wolle sie solche Einführungsveranstaltungen, wenn möglich, gern häufiger organisieren.