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Grenzwanderung bei Abbenrode

GZ Plus IconAm Grünen Band im Harzvorland Geschichten der Teilung erleben

Die Grenzwanderung rund um Abbenrode entlang des Grünen Bands bietet Erlebnisse in Natur und Einblicke in die wechselvolle Geschichte des Landstrichs.

Die Grenzwanderung rund um Abbenrode entlang des Grünen Bands bietet Erlebnisse in Natur und Einblicke in die wechselvolle Geschichte des Landstrichs. Foto: Gereke

Vor 35 Jahren fiel die Berliner Mauer und in Stapelburg erhielt der Eiserne Vorhang sein erstes Schlupfloch. Der Anfang vom Ende der deutschen Teilung, deren Schrecken eine Grenzwanderung noch einmal in Erinnerung rief.

Von Andreas Gereke Donnerstag, 03.10.2024, 14:00 Uhr

Abbenrode. An einem Tag einen Ritt durch rund 700 Jahre Geschichte erleben – dazu lud die traditionelle Wanderung der Stiftung Umwelt, Natur- und Klimaschutz des Landes Sachsen-Anhalt (SUNK) in Kooperation mit Heimatverein und Grenzerkreis Abbenrode zum (vorgezogenen) Tag der Deutschen Einheit ein. Angefangen bei der Mühlengeschichte bis zu den Schrecken der deutsch-deutschen Teilung im Nordharz ging es entlang des Grünen Band. Und als Zugabe gab es am Nationalen Naturmonument noch etwas einzuweihen.

Ein Programmpunkt der Grenzwanderung: Nicht nur Erlebnisse in der Natur und Fakten zur Geschichte vermitteln, sondern auch zwei neue Sitzmöglichkeiten an den Wanderwegen einweihen. Finanziert hat sie die SUNK aus ihren Mitteln zur Förderung der touristischen Infrastruktur. Eine Tisch-Bank-Kombination steht jetzt an der alten Eckerfurt – ein geschichtsträchtiger Ort.

„Zig Tonnen Unkraut-Ex“

Hier führte einst die alte Heerstraße von Goslar nach Halberstadt entlang. Hier soll Napoleon auf dem Weg nach Russland entlang gezogen sein. Hier führte jahrzehntelang ein Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen durch das Harzflüsschen. Von der Bank fällt der Blick auf die Mühle Zimmermann, der ersten Station der Wanderung. Unweit ist das marode Eckerwehr, über das zu Zeiten der Teilung der Grenzzaun verlief.

Mit Blick auf die Mühle Zimmermann weihen die Wanderer die neue Sitzgruppe an historischen Ort der Eckerfurt ein.

Mit Blick auf die Mühle Zimmermann weihen die Wanderer die neue Sitzgruppe an historischen Ort der Eckerfurt ein. Foto: Gereke

In zwei bis drei Jahren soll das Wehr erneuert und um eine Fischtreppe ergänzt werden, erzählte Andreas Weihe, Vorsitzender des Heimatvereins. Am Wehr existiert auch ein Abschlag, der einst den Abbenröder Mühlgraben speisen konnte. „Der soll auch erhalten bleiben, und wir wollen ihn erneuern.“ Dann könnte er später einmal das Wasserrad antreiben, das dem Abbenröder Eisenhammer Kraft verleihen soll. Der soll am Standort der alten Mühle Hinze rekonstruiert werden, so die Idee. Bei dieser Stelle stand die „Hütte von Kühlingerode“, die 1311 erstmals urkundlich erwähnt wurde.

Der Blick fällt im Foto aus dem Jahr 1977 auf den Grenzzaun zwischen Abbenrode und Lochtum. Der Todesstreifen verschlang Land: Alleine das Areal zwischen tatsächlichem Grenzverlauf und dem ersten Zaun entlang der ehemaligen Grenze durch Deutschland – viele nannten es fälschlicherweise „Niemandsland“ – beanspruchte die Fläche des Fürstentums Liechtenstein, so Lothar Engler.

Der Blick fällt im Foto aus dem Jahr 1977 auf den Grenzzaun zwischen Abbenrode und Lochtum. Der Todesstreifen verschlang Land: Alleine das Areal zwischen tatsächlichem Grenzverlauf und dem ersten Zaun entlang der ehemaligen Grenze durch Deutschland – viele nannten es fälschlicherweise „Niemandsland“ – beanspruchte die Fläche des Fürstentums Liechtenstein, so Lothar Engler. Foto: Archiv Engler

Ein Rest des heute noch existierenden Kolonnenwegs ist Standort einer weiteren Sitzbank. Dort, wo einst Bernd Schilk die Flucht aus der DDR gelang. Die Wanderer genießen die Natur, das Grün am Band. Aber, so betonte Lothar Engler vom Grenzerkreis: „Alles, was wir hier an Bewuchs rund um das Eckerwehr sehen, spross nach der Wende. Die Natur hat es sich wieder zurückgeholt. Als hier der Grenzstreifen verlief, wuchs hier nichts.“ Kein Grün, stattdessen Selbstschussanlagen, Minenfelder, Zäune, geeggte Kontrollstreifen oder Wachtürme. „Zig Tonnen Unkraut-Ex brachte das DDR-Grenzregime aus, um freies Sichtfeld zu haben“, ergänzt Weihe.

Fassungslos blicken 1960 die Menschen auf die verfallende Villa Bohlmann im Altfeld. Sie stehen auf dem Weg im Westen, das Gebäude steht unerreichbar im Osten.

Fassungslos blicken 1960 die Menschen auf die verfallende Villa Bohlmann im Altfeld. Sie stehen auf dem Weg im Westen, das Gebäude steht unerreichbar im Osten. Foto: Archiv Heimatmuseum Abbenrode

Für das freie Sichtfeld und um niemanden Unterschlupf zu bieten, der eine Flucht plante, mussten auch viele Gebäude des Altfelds am Schimmerwald weichen. Es lag direkt am Eisernen Vorhang, der nun den Vorharz durchschnitt. „Sie stehen in Niedersachsen“, sagte Weihe zu den Teilnehmern, die auf dem Waldweg stehen, „ich bin in Sachsen-Anhalt“, und deutete auf seine Füße, die 30 Zentimeter weiter östlich im Gras stehen. Heute ist die Grenze nicht mehr zu erkennen, damals hätte dieser Schritt einen illegalen Grenzübertritt bedeutet, wäre eine Provokation gewesen.

Möbel stehen bei der Flucht auf dem Waldweg

Carl Lange betrieb im Altfeld das vegetarische Erholungsheim, wohnte in der Villa Bohlmann. „Als der Russe diesen Teil Deutschlands besetzte, sagte man ihm: Wenn sie in den Westen wollen, haben sie zwei Stunden Zeit, um die Sachen zu packen, die sie mitnehmen wollen. Binnen dieser zwei Stunden stellten zahlreiche Helfer Möbel und Utensilien auf den angrenzenden Waldweg. Dort standen sie tagelang, denn so schnell war kein Fuhrunternehmen für den Abtransport zu finden.“ In den Folgejahren verfielen Villa Bohlmann oder das Domkapitularische Jagdhaus im Altfeld vor Langes Augen, ohne etwas dagegen tun zu können. „Man will sich so etwas gar nicht vorstellen“, sagte eine Teilnehmerin beim Gedanken an ihr eigenes Heim.

An einer Schautafel informiert Andreas Weihe über die Muna im Schimmerwald, ihre Sprengung und die Räumung des Bombenwalds.

An einer Schautafel informiert Andreas Weihe über die Muna im Schimmerwald, ihre Sprengung und die Räumung des Bombenwalds. Foto: Gereke

In den 1930er Jahren war das Altfeld übrigens auch Poststelle für die Muna, leitete Weihe zu einem weiteren Kapitel der Geschichte über. Im Schimmerwald entstand einst eine „Schokoladenfabrik“, so der offizielle Tarnname für die Munitionsanstalt der Luftwaffe. Andernorts produzierte Munition wurde dort für den Zweiten Weltkrieg in Bunkern gelagert, um sie für Züge zu Flugplätzen in Frontnähe zusammenzustellen. Weihe: „Man muss es sich wie in einem IKEA-Großlager vorstellen – nur für Munition.“ Doch die Alliierten hatten zunehmend die Schienenverbindungen zerstört. Transporte wurde schwierig bis unmöglich – als die Amerikaner in Vienenburg standen, quoll die Muna vor Munition über.

Muna fordert mehr als 20 Todesopfer

Rund 50.000 Tonnen sollen zu diesem Zeitpunkt dort gelagert haben, erzählte Weihe. Darunter modernste Entwicklungen, wie den Vorläufern der heutigen Marschflugkörper. Damit dem Gegner keine Munition in die Hände fallen konnte, kam der Befehl zur Sprengung. Zu der erhofften Kettenreaktion und der Explosion der gesamten Munition kam es nicht. Vielmehr wurden bis zu 1800 Kilogramm schwere Bomben durch die Luft geschleudert und verteilt. „Der Wald brannte zehn Tage lang, es war die Hölle. Es war so hell, man konnte in Nachbardörfern nachts auf der Straße die Zeitung lesen, heißt es“, so Weihe. Opfer gab es durch die Sprengung nicht, Bewohner der angrenzenden Dörfer hatten an jenem Aprilabend 1945 ihre Häuser zu räumen. Wohl aber in den Jahren danach wurde die Muna zur tödlichen Falle. Mehr als 20 Menschenleben forderte sie – Pilzsucher oder Schrottsammler, die sich in das munitionsverseuchte Gebiet gewagt hatten. Jahrelang dauerte die Räumung des Bombenwalds, die 2011 abgeschlossen werden konnte.

Lothar Engler vom Grenzerkreis Abbenrode versorgt die Teilnehmer der Wanderung mit Informationen zur ehemaligen Grenze.

Lothar Engler vom Grenzerkreis Abbenrode versorgt die Teilnehmer der Wanderung mit Informationen zur ehemaligen Grenze. Foto: Gereke

Am Altfeld vorbei fließt die Ecker, der alte Grenzfluss. Die Replik einer DDR-Grenzsäule markiert den Punkt, an dem die Ecker nach Osten wegknickt und eine Weile über DDR-Grenzgebiet floss. 2735 dieser Grenzsäulen gab es einst im Original – alle 500 Meter stand eine. Heimatverein und Grenzerkreis stellten in den vergangenen Jahren insgesamt zehn Repliken auf, Informationstafeln ermöglichen einen Blick zurück, wie es früher an der Stelle aussah, als der Todesstreifen Harz und Vorland durchschnitt.

Hinter der Replik einer DDR-Grenzsäule verläuft die Ecker, deren Bachmitte zeitweise deutsch-deutsche Grenze war.

Hinter der Replik einer DDR-Grenzsäule verläuft die Ecker, deren Bachmitte zeitweise deutsch-deutsche Grenze war. Foto: Gereke

Die Repliken sind übrigens aus Stahl und nicht mehr aus Beton und einen Zentimeter breiter als das Original – „um die Kopie des DDR-Hoheitsemblems so versenken zu können, dass es Souvenirjäger nicht herausbrechen können“, erzählte Engler. Als ehemaliger Bundesgrenzschützer hatte er auf westlicher Seite die Stunden und Tage nach der Grenzöffnung in Stapelburg miterlebt. Und er hatte auch zu erzählen, wie schwierig es war, Informationstafeln im Harz aufzustellen. „Der Nationalpark ist wie früher der Russe aufm Brocken – noch mal eine Mauer drumherum, wenn es um so etwas geht“, verbildlichte er lachend.

Kunst zeigt Auflösung des Eisernen Vorhangs

Nach der Wende entwickelte sich im Grünen Band nicht nur die Natur, sondern es wurde auch zu einem Ort für Kunst – auch bei Abbenrode. Entlang des einstigen Grenzzauns erstreckt sich über Kilometer die Installation „Auflösung Eiserner Vorhang“. In der Landschaft stehen an Berliner Mauersegmente erinnernde, mit Rost überzogene Stahlplatten in einem sich immer verdoppelnden Abstand – bis alles in der Ferne zu verschwinden scheint. Zentraler Punkt des Kunstwerks ist an der Stelle, wo die Eisenbahnlinie Vienenburg-Stapelburg die ehemalige Grenze quert.

Jahrzehntelang bietet sich Passanten zwischen Weißen Roß und Abbenrode dieser Anblick: Der Eiserne Vorhang durchschneidet die Landschaft, dahinter der Beobachtrungsturm der DDR-Grenztruppen auf dem Sandbrink.

Jahrzehntelang bietet sich Passanten zwischen Weißen Roß und Abbenrode dieser Anblick: Der Eiserne Vorhang durchschneidet die Landschaft, dahinter der Beobachtrungsturm der DDR-Grenztruppen auf dem Sandbrink. Foto: Archiv Engler

Dort stehen sich drei Platten senkrecht in den Himmel reckend gegenüber: In die beiden äußeren ließ Künstler Claus Christian Wenzel damals ein Dreieck und ein Quadrat einschneiden – „sie symbolisieren die antagonistischen Gesellschaftssysteme von Ost und West“, erläuterte Engler. In die mittlere Platte ist an der Spitze ein Kreis eingeschnitten, der nach oben geöffnet ist. Es stehe für die Einheit – und wenn sie vollendet sei, erst dann werde der Kreis oben geschlossen, habe der Künstler erklärt, so Engler. „Im Moment scheint es allerdings so, als ob sich der Kreis weiter öffnet“, fügte Weihe angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland an.

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