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Männerdomäne mit prominenten Gästen

GZ Plus IconFrauen haben es beim Goslarschen Pancket lange nicht leicht

Johannes und Annemarie Mühlenkamp begrüßen Hans-Dietrich Genscher beim Pancket 1973. Der Liberale ist seinerzeit noch nicht Außen-, sondern Innenminister.

Johannes und Annemarie Mühlenkamp begrüßen Hans-Dietrich Genscher beim Pancket 1973. Der Liberale ist seinerzeit noch nicht Außen-, sondern Innenminister. Foto: Ahrens-Archiv

Das Pancket gibt es seit 1967. Bauministerin Klara Geywitz ist 2024 der erste weibliche Ehrengast beim Traditionsschmaus. Frauen spielen trotzdem wichtige Rollen. Welche Gäste besonders prominent waren, verrät Teil zwei eines Historienrückblicks.

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Von Frank Heine
Sonntag, 09.03.2025, 16:00 Uhr

Goslar. Neun Jahre haben die Vertreter von Politik, Wirtschaft, Verwaltung, Kultur und Medien in der „Kaiserworth“ beim Goslarschen Pancket getafelt. 1976 war Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Schütz der letzte Ehrengast, der in direkter Marktplatznähe redete und wie berichtet in Schlagerstar Udo Jürgens quasi einen prominenten Co-Ehrengast hatte. 1977 zog das Pancket an einen noch geschichtsträchtigeren Ort um. In der Kaiserpfalz war 1977 Niedersachsens Ministerpräsident Dr. Ernst Albrecht (CDU) aus Hannover angereist, dessen Tochter später ebenfalls politische Karriere machen sollte. Ursula von der Leyen war in Kabinetten auf Landes- und Bundesebene eine vielfach gefragte Frau und hat als aktuelle Präsidentin der Europäischen Kommission inzwischen sogar die Landesgrenzen überwunden.

Die erste Frau als Ehrengast: Goslars Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner und Herold Gunnar Becker weisen Bundesbauministerin Klara Geywitz im November 2024 in Pancket-Geheimnisse ein.

Die erste Frau als Ehrengast: Goslars Oberbürgermeisterin Urte Schwerdtner und Herold Gunnar Becker weisen Bundesbauministerin Klara Geywitz im November 2024 in Pancket-Geheimnisse ein. Foto: Sowa (Archiv)

Keine Frage: Sie würde das Goslarsche Pancket als Ehrengast ebenso schmücken wie ihr Vater vor fast fünf Jahrzehnten. Aber mit dem Pancket und den Frauen ist es so eine Sache. Erst im November 2024 kam mit Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) der erste weibliche Ehrengast, als Douglas-Chefin Tina Müller zuerst durch Corona ausgebremst wurde und später nicht mehr Douglas-Chefin war. Zu dieser Zeit waren mit den Oberbürgermeisterinnen Marta Lattemann-Meyer (CDU) und Urte Schwerdtner (SPD) immerhin schon zweimal Goslarerinnen Gastgeberin gewesen. Nur 1989 waren einmal Ehefrauen zugelassen, als ZDF-Intendant Professor Dieter Stolte Ehrengast war. Dann war wieder Schluss, weil die Damen die Wirtschaftsgespräche nicht so intensiv gefördert hätten, wie die Männer meinten.
Bestens gelaunt in Goslar: Mit Herold und Goslars Oberbürgermeister Helmut Sander tritt Bundeskanzler Helmut Schmidt am 21. März 1978 beim Pancket auf – dem zweiten, das in der Kaiserpfalz über die Bühne geht.

Bestens gelaunt in Goslar: Mit Herold und Goslars Oberbürgermeister Helmut Sander tritt Bundeskanzler Helmut Schmidt am 21. März 1978 beim Pancket auf – dem zweiten, das in der Kaiserpfalz über die Bühne geht. Foto: Stadtarchiv Goslar

Aus dem Nähkästchen

Noch eine Frau wusste stets genau über das Pancket Bescheid, weil sie ganz früh dabei war. Die im Jahr 2019 verstorbene frühere GZ-Lokalchefin Dr. Ursula Müller konnte so viele herrliche Geschichten aus dem Pancket-Nähkästchen zu erzählen, dass es schade wäre, sie dort nicht herauszuholen. Etwa, dass die ersten Pancket-Gäste durchaus auch nach regionaler Verfügbarkeit ausgewählt wurden. Der erste Gast Otto Bennemann (SPD) kam aus Braunschweig, war dort in zwei Perioden fast neun Jahre lang Oberbürgermeister und zum Pancket-Auftritt Innenminister im Kabinett von Ministerpräsident Georg Diederichs, der 1918 am Ratsgymnasium Abitur gemacht hatte. Um es kurz zu machen: Bei den nächsten drei Panckets bis 1970 war der Landtagspräsident Wilhelm Baumgarten Ehrengast. Der kam aus der Nachbarstadt Bad Harzburg und war beim dritten Mal in Vertretung für Ministerpräsident Diederichs an Bord.

Pflichtprogramm für Pancket-Ehrengäste: Auch Genscher sticht das Bierfass an.

Pflichtprogramm für Pancket-Ehrengäste: Auch Genscher sticht das Bierfass an. Foto: Ahrens-Archiv

Hans-Dietrich Genscher (FDP) war der erste Bundesminister, der sich beim Pancket die Ehre gab. 1973 war der Mann, der als Außenminister bei der deutschen Wiedervereinigung Geschichte schrieb, noch fürs Innen-Ressort zuständig und Gast in der „Kaiserworth“. Damals wurde im legendären „Dukatenkeller“ die Nacht durchgezecht. Als erster und einziger Bundeskanzler im Amt war Helmut Schmidt (SPD) 1978 – als Zweiter nach Albrecht schon in der Kaiserpfalz – der Ehrengast. Ihm mundete das vorab gereichte Fladenbrot so gut, dass die Goslarer Gastgeber schon Angst hatten, der hungrige Hanseat werde von der Hauptspeise nichts mehr kosten.
Das sind noch Krüge: Da zeigt sich auch ein kühler Hanseat beeindruckt.

Das sind noch Krüge: Da zeigt sich auch ein kühler Hanseat beeindruckt. Foto: Stadtarchiv Goslar

Schmidt bleibt, was das Amt angeht, deshalb ein Exot, weil die angefragte Angela Merkel (CDU) 2009 absagte und ihren Vize Frank-Walter Steinmeier schickte. Der versprach als SPD-Spitzenkandidat mit einem Augenzwinkern für die im Herbst anstehenden Bundestagswahlen, alles zu tun, dass in der Jahreschronik 2009 geschrieben stehen könne: „Der Kanzler war hier.“
Dr. Freiherr Richard von Weizsäcker ist als Berliner Bürgermeister 1982 der Mittelpunkt beim Pancket.

Dr. Freiherr Richard von Weizsäcker ist als Berliner Bürgermeister 1982 der Mittelpunkt beim Pancket. Foto: Sowa (Repro)

Herzog als Präsident

Tatsächlich steht er als einer von vier Ehrengästen in der Pancket-Chronik, die nach ihrem Goslar-Besuch noch Bundespräsident wurden. Richard von Weizsäcker (CDU) ist 1982 Berliner Bürgermeister, Carl Carstens (CDU) gerade noch Bundestagspräsident und Christian Wulff (CDU) 2004 Ministerpräsident. Gerhard Schröder (SPD) schaffte es als Gast von 1993 später noch zum Kanzler. Nur Roman Herzog (CDU) war amtierender Bundespräsident, als er 1995 sprach. Herzogs Gastgeberin und Hahnenkleer Hoteliersfrau Marta Lattemann-Meyer ließ übrigens zu ihrer Zeit als Oberbürgermeisterin einmal zur Probe essen, weil der Braten nach dem Rumpolt-Kochbuch von 1587 bisweilen zu zäh auf den Teller gelangt sein soll. Die Kosten übernahm sie persönlich.

Bundespräsident Roman Herzog spricht beim Pancket im März 1995 zu 200 Zuhörern. Oberbürgermeisterin Marta Lattemann-Meyer und Oberstadtdirektor Georg Michael Primus flankieren den Ehrengast.

Bundespräsident Roman Herzog spricht beim Pancket im März 1995 zu 200 Zuhörern. Oberbürgermeisterin Marta Lattemann-Meyer und Oberstadtdirektor Georg Michael Primus flankieren den Ehrengast. Foto: Schenk (Archiv)

Was änderte sich in der Pfalz noch? In der Amtszeit von Oberbürgermeister Henning Binnewies (SPD) wurde das ebenso traditionelle wie kultige Schmauchen von Tonpfeifen abgeschafft. Nicht, weil der Mann etwas gegen Raucher hatte: Aber das dampfige Ritual tat den historischen Wislicenus-Bildern an den Wänden gar nicht gut. Und die hatten Restauratoren vor nicht allzu langer Zeit gerade erst wieder in Form gebracht – konsequenter Schutz eines historischen Erbes.

Die Frau Stadtamtmännin

Noch einmal Stichwort Frauen: Aus dem Archiv des Bad Harzburger Fotografen stammt übrigens auch ein Bild, das die Goslarer Fremdenverkehrsleiterin Ruth Jondral und „Kaiserworth“-Chefin Annemarie Mühlenkamp mit Tonpfeifen zeigt. Als erste Beamtin in der Stadtverwaltung schrieb auch sie Goslar-Geschichte. Gebürtig aus Ostpreußen wurde sie am 1. Dezember 1959 ins Beamtenverhältnis übernommen. Verwaltungschef Helmut Schneider begrüßte sie als „historisches Unikum“.
Wie bei den Schaffermahlzeiten in Bremen werden auch beim Pancket lange Zeit Tonpfeifen nach dem Schmaus gereicht. Der Herold reicht Goslars Fremdenverkehrsamtsleiterin Ruth Jondral und Hotelchefin Annemarie Mühlenkamp Feuer.

Wie bei den Schaffermahlzeiten in Bremen werden auch beim Pancket lange Zeit Tonpfeifen nach dem Schmaus gereicht. Der Herold reicht Goslars Fremdenverkehrsamtsleiterin Ruth Jondral und Hotelchefin Annemarie Mühlenkamp Feuer. Foto: Ahrens-Archiv

Sie übernahm die Leitung des Fremdenverkehrsamts und erhielt von Goslars Tagungsgästen stets höchstes Lob, wusste GZ-Lokalchefin Müller. Die Zeitungsfrau, die ebenfalls oft mit Männer-Domänen zu tun hatte, hielt außerdem sprachliche Schmankerl fest: „1959 war Fräulein Jondral Stadtinspektorin, dann avancierte sie zum Fräulein Stadtamtmann, später zur Frau Stadtamtmann und 1969 zur Frau Stadtamtmännin“. Sachen gab es – früher war eben nicht alles besser, sondern anders...

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