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Buch veröffentlicht

GZ Plus IconDie Bauernhochschule in Goslar: Ein Elite-Projekt der Nazis

Ein Jungenzimmer in der Bauernhochschule.

Ein Jungenzimmer in der Bauernhochschule. Foto: Stadtarchiv Goslar

Die Bauernhochschule in Goslar war ein Elite-Projekt der Nazis. Von 1935 bis 1940 wurden dort die NS-ideologischen Köpfe der ländlichen Bevölkerung für das ganze Land ausgebildet. Ein Sonderband beleuchtet die Geschichte der Hochschule.

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Von Hendrik Roß
Donnerstag, 26.12.2024, 10:00 Uhr

Goslar. Bauer – heute ist das ein Begriff, der als neutrales Synonym für die Berufsbezeichnung Landwirt verwendet wird. „Du Bauer“ ist auch gerne mal als Herabwürdigung gemeint. Für die Nationalsozialisten waren die Reichsbauern als Elite der Landbevölkerung jedoch von zentraler Bedeutung für ihre Blut-und-Boden-Ideologie.

Das Gebäude an der Klubgartenstraße ist mittlerweile an den Landkreis Goslar vermietet.

Das Gebäude an der Klubgartenstraße ist mittlerweile an den Landkreis Goslar vermietet. Foto: privat

Die Bauernhochschule zum Start im Jahr 1935.

Die Bauernhochschule zum Start im Jahr 1935. Foto: Stadtarchiv Goslar

Geschult und geformt wurde diese Elite in Goslar, der Reichbauernstadt in Nazi-Deutschland. In der Bauernhochschule an der heutigen Klubgartenstraße wurden junge Menschen zu überzeugten Untertanen eines Terrorregimes ausgebildet, das von rassischer Überlegenheit und heroischem Ariertum überzeugt war.

Neues Buch

Ein neues Buch aus der Reihe „Spuren Harzer Zeitgeschichte“ arbeitet die Geschichte der Goslarer Bauernhochschule auf. „Die Bauernhochschule Goslar im Kontext – Neue Forschungen zu einem Täterort in der ehemaligen Reichsbauernstadt Goslar“ lautet der Titel. Herausgegeben wird der Sonderband gemeinsam vom Verein Spurensuche Harzregion und dem Landesamt für Denkmalpflege.

Reichsbauernführer Richard Walther Darré während einer Großkundgebung in Goslar

Reichsbauernführer Richard Walther Darré während einer Großkundgebung in Goslar Foto: Bundesarchiv

Der Braunschweiger Historiker Carsten Grabenhorst analysiert die Bedeutung der Bauernhochschule fachkundig und tiefgehend. Er beginnt beim Bau des Gebäudes, das heute die letzte bauliche Erinnerung an die Reichsbauernstadt Goslar bildet, zum Ende des 19. Jahrhunderts – übrigens damals als Sitz der bürgerlichen Gartengesellschaft Goslars. Grabenhorst widmet sich der Biografie Richard Walther Darrés, NS-Reichsbauernführer, der Goslar zur Hauptstadt des deutschen Bauerntums gemacht hatte.

„Wie Berlin des deutschen Reiches Hauptstadt, wie Nürnberg die Stadt der Parteitage, wie München die Stadt der Partei ist, so wird Goslar die Stadt des deutschen Bauerntums sein, Deutschlands Bauernhauptstadt und geistige Bauernfeste.“

Goslarsche Zeitung am 23. Januar 1934

Warum wurde ausgerechnet die kleine Stadt am Harz dafür ausgewählt? Auch dieser Frage geht der Historiker nach. Dafür hat er bisher in der Forschung nicht ausgewertete Quellen verwendet. Grabenhorsts Ausführungen werden ergänzt durch historische Aufnahmen der Reichsbauerntage in Goslar sowie Plakate und GZ-Zeitungsartikel, die zeigen, mit welcher Inbrunst der sogenannte Reichsnährstand 1934 in der Stadt begrüßt wurde.

Mittagsgruß in der Reichsbauernschule.

Mittagsgruß in der Reichsbauernschule. Foto: Stadtarchiv Goslar

In dem Buch wird deutlich, wie der Alltag in der Bauernhochschule aussah, wie sie eingerichtet war, wie Lehrpläne aussahen und was die jungen Absolventen und Absolventinnen der Bauernschulen im ganzen Land für Voraussetzungen mitbringen mussten, um in Goslar studieren zu dürfen.

Drei Beiträge

Grabenhorsts Analyse wird durch drei Beiträge erweitert: Meike Buck beschäftigt sich mit einem anderen Kapitel ländlicher nationalsozialistischer Propaganda: Die Reichserntedankfeste auf dem Bückeberg bei Hameln, die als Masseninszenierungen die Bauern als wichtigsten Teil der Volksgemeinschaft hervorheben sollten. Cordula Reulecke und der 2022 verstorbene Stefan Winghart ordnen die Goslarer Bauernhochschule und andere „unbequeme“ Denkmale mit weiteren Aufsätzen aus Sicht des Denkmalschutzes ein. Zur Erinnerung: In Goslar ist eine Diskussion um das Gebäude an der Klubgartenstraße 9a entbrannt, als Immobilien-Investor Dirk Junicke 2018 das Grundstück gekauft hatte und dort ein Mehrfamilienhaus mit 16 Wohnungen errichten wollte.

Aufmarsch auf dem Reichserntedankfestgelände am Bückeberg im Jahr 1934.

Aufmarsch auf dem Reichserntedankfestgelände am Bückeberg im Jahr 1934. Foto: Bundesarchiv

Nach anhaltendem Zoff und Hin und Her hat die Junicke-Gruppe von dem Vorhaben Abstand genommen, das Gebäude der ehemaligen Bauernhochschule inzwischen saniert und seit gut einem Jahr als Bürogebäude an den Landkreis vermietet.

Grabenhorst kommt in seinem Fazit zu dem Urteil, dass an der „denkmalbezogenen Relevanz“ des Gebäudes kein Zweifel bestehe. Der Historiker Jens Binner macht im Nachwort darauf aufmerksam, dass es in ganz Deutschland keinen Ort gebe, der sich speziell mit der Landwirtschaftspolitik der Nazis auseinandersetzt. Goslar als ehemalige Reichsbauernstadt könnte diese Lücke schließen und davon auch „kulturtouristisch“ profitieren.


Spurensuche Harzregion & Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege; Die Bauernhochschule im Kontext. Neue Forschungen zu einem Täterort in der ehemaligen Reichsbauernstadt Goslar; 15 Euro
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