Goslar: So läuft das gemeinsame Frühstück in der Krippe Wiedelah
„Gemeinsames Frühstück" heißt das Pilotprojekt der Stadt Goslar, das aktuell in der Krippe Wiedelah läuft. Praktiziert wird dieses in der Einrichtung schon seit vielen Jahren. Foto: Schlimme
In der Wiedelaher Krippe bereiten die Erzieherinnen jeden Morgen das Frühsück zu. Die GZ hat das Frühstück und die Vorbereitungen begleitet.
Wiedelah. Gemeinsames Frühstück statt Brotdose heißt es tagtäglich in der Krippe Wiedelah. Schälchen und Teller mit geviertelten Weintrauben, Käsewürfeln, Bananenscheiben, in kleine Stücke geschnittenen Geflügelwürstchen oder geschmierten Käse- und Wurstbroten stehen dafür auf dem Tisch im Raum der „gelben Gruppe“.
„Gemeinsames Frühstück“ heißt auch das Pilotprojekt über das nach einem Antrag der SPD-Fraktion Anfang März im Rat der Stadt Goslar abgestimmt wird. Gibt es grünes Licht, soll das Projekt dann für eine Testphase von einem Jahr laufen. Das Ritual, gemeinsam zu frühstücken, gibt es dort schon viel länger. „Ich bin jetzt seit sieben Jahren hier, aber davor gab es das auch schon“, berichtet Leiterin Kim Berg.
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Zum 1. Januar dieses Jahres ist die Krippe allerdings von freier in städtische Trägerschaft übergegangen. „Ein bereitgestelltes Frühstück ist in den städtischen Einrichtungen eigentlich nicht vorgesehen“, erklärt Linda Loske, Fachdienstleiterin für Kindertagesstätten. Eltern und Erzieher der Krippe Wiedelah waren sich jedoch einig, dass sie das gemeinsame Frühstück unbedingt beibehalten wollen. Nun soll im Rahmen des Pilotprojekts geprüft werden, ob das Frühstück in der bekannten Form kostendeckend angeboten werden kann. Finanziert wird es über die Verpflegungsgebühr, die Eltern für ihre Kinder in städtischen Kitas zahlen.
Routinierte Abläufe
„Normalerweise beginnen die Vorbereitungen um 7 Uhr“, berichtet Berg. Ein- bis zweimal in der Woche kaufen die Erzieherinnen dafür in einem Supermarkt ein. Sie holen auch frische Brötchen vom Bäcker. Brot wird eingefroren und je nach Bedarf aufgetaut. „Die Einkaufslisten werden jedes Mal individuell zusammengestellt“, erklärt Berg das Konzept.
Während eine Erzieherin die Brötchen holt und eine andere im Supermarkt unterwegs ist, sind zwei Kolleginnen in der Krippe und nehmen die ersten Kinder in Empfang. Sieben Erzieherinnen arbeiten in der Einrichtung und werden zeitweise durch Praktikanten und Auszubildende unterstützt. „Beim Frühstück hilft jeder mit, jeder weiß, was zu tun ist“, betont Erzieherin Julia Stellmach. „Das ist alles Routine geworden“, bestätigt Berg.
Mundgerechte Stücke
Und das ist bei den Frühstücksvorbereitungen deutlich zu erkennen. Diese dauern rund eine halbe Stunde, schätzt Stellmach. „Weintrauben, Paprika, Gurke, Würstchen, Bouletten, Wurst und Käse sowie Tee und Wasser sind immer dabei“, erklärt die Erzieherin, während sie Brötchen schmiert. „Zum Rosenmontag gab es dann auch mal Kakao“, berichtet Berg, die gerade die Geflügelwürstchen in kleine Stücke schneidet. Hinzu kommen saisonales Obst und Gemüse oder hart gekochte Eier. Auch auf Altersempfehlungen wird dabei geachtet: „In diesem Alter sollen die Kinder noch nicht so viele Eier essen, deshalb gibt es sie nur ein- bis zweimal pro Woche.“ Um Zeit zu sparen, werden sie montags in der Mittagspause gekocht. Weintrauben dagegen sollen geviertelt werden, damit die Schale nicht in großen Stücken im Hals der Kinder hängen bleiben kann.
30 Kinder im Alter von zwei Monaten bis vier Jahren besuchen die Einrichtung. Da könne es sein, dass 30 Extrawünsche zusammenkommen, scherzt Berg. „Jede Besonderheit wird von uns berücksichtigt, ohne dass es ein Problem darstellt“, betont die Krippenleiterin.

Kim Berg (l.) und Julia Stellmach haben das Frühstück für die Kinder zubereitet. Foto: Schlimme
Wichtig ist dem Team, Ausgrenzungen zu vermeiden. Da ein muslimisches Kind die Krippe besucht, wird ausschließlich Geflügel eingekauft. So kann jedes Kind alles probieren. Deshalb sei es auch so wichtig, immer wieder eine große Vielfalt anzubieten.
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„Wenn die Kinder etwas an einem Tag nicht mögen, kann das am nächsten schon ganz anders aussehen“, sagt Berg.
Vielfältiger als der Inhalt einer Brotdose
Denn darum geht es vor allem bei dem gemeinsamen Frühstück: Ausprobieren und neue Lebensmittel kennenlernen. „Die Kinder probieren Dinge, die sie von zu Hause nicht kennen, beispielsweise weil die Eltern es nicht mögen und deshalb auch nicht einkaufen“, erklärt Berg. Und weiter: „Die Vielfalt, die wir hier tagtäglich bieten, kann es in einer mitgebrachten Brotdose kaum geben.“
Sind Schalen und Teller verteilt, bekommen die Kinder ein Lätzchen um. Die Hände werden mit einem nassen Lappen gewaschen – erst dann beginnt das Essen. Auffällig ruhig sitzen die Jungen und Mädchen am Tisch, sagen, was sie möchten, tun sich eigenständig oder mit etwas Hilfe auf und beginnen zu essen. Die Erzieher sitzen an den Ecken des Tisches und unterstützen, wenn nötig. „Einige sind auch nach einem Jahr noch richtig euphorisch, freuen sich auf das Essen und vor allem darauf, etwas Neues zu probieren“, erzählt Berg fröhlich.
Konzentriert und diszipliniert geht es zu. Ohne Geschrei, ohne dass viel daneben geht. Besonders beliebt an diesem Morgen: rote Weintrauben, Bouletten und Eier.
Frühstück ohne Zwang
„Das Frühstück dauert in der Regel 20 bis 40 Minuten, hierfür gibt es keine Begrenzung“, erklärt Stellmach. An das Frühstück schließt sich der Sitzkreis an. Die anderen Erzieherinnen nutzen dieses Zeitfenster zum Aufräumen. „In der Regel dauert das Aufräumen so lange wie der Sitzkreis, aber auch das ist alles so routiniert, dass wir gar nicht auf die Uhr schauen“, sagt die Erzieherin. Bevor die Kinder den Tisch verlassen, werden die Lätzchen wieder abgenommen und Hände und Mund noch einmal gründlich sauber gewischt.
Wichtig sei für Berg auch, dass kein Zwang bestehe, aufzuessen oder sitzen zu bleiben. „Wir wissen, wenn etwas übrig ist, nicht mehr, ob wir es auf den Teller gelegt haben oder die Kinder selbst. Reste müssen einfach einkalkuliert werden.“ Das sei auch mit Blick auf das spätere Essverhalten wichtig.
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„Durch das gemeinsame Frühstück sollen die Kinder eine Vielfalt an Lebensmitteln erleben, verschiedene Konsistenzen testen, lernen, die Mengen einzuschätzen und einfach eigene Erfahrungen sammeln“, erklärt Berg abschließend. Darum wollen auch die Eltern das Konzept unbedingt beibehalten. Für einige Eltern sei das Frühstück sogar ein Kriterium, ihre Kinder in der Krippe Wiedelah anzumelden.
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