Bundestagswahl: Krimi mit Achterbahnfahrt der Gefühle
Plätze frei: Nach der Wahl vom 23. Februar 2025 werden die Sitze im Berliner Bundestag neu verteilt. Aus den beiden Wahlkreisen der Region sind fünf Abgeordnete im Parlament. Foto: dpa/Nietfeld
Das Rennen zwischen Frauke Heiligenstadt (SPD) und Dr. Constantin Weigel (CDU) bei der Bundestagswahl im Februar hält Parteien und Wähler in Atem.
Wer braucht noch einen ARD-Tatort am Sonntagabend? Was Frauke Heiligenstadt (SPD) und Dr. Constantin Weigel (CDU) bei der Bundestagswahl am 23. Februar im Kampf um den Sieg im Wahlkreis Goslar-Northeim-Göttingen II (52) abgeliefert und durchlitten haben, braucht keinen Vergleich zu einem Spitzenklasse-Krimi zu scheuen.
Je nachdem, welches der 363 Wahllokale gerade sein Ergebnis gemeldet hatte, lag mal die eine vorn, dann wieder der andere: Erst nach 21 Uhr zeichnete sich im Kopf-an-Kopf-Rennen ein hauchdünner Sieg der Northeimer Genossin ab. Gegen 22.45 Uhr meldete das letzte Büro – ein Briefwahllokal in Osterode.
Constantin Weigel Foto: Privat
Frauke Heiligenstadt (SPD) gegen Dr. Constantin Weigel (CDU)
Geballte Erfahrung gegen jugendlichen Sturm und Drang: Am Ende gibt eine Mini-Mehrheit der Wähler den Ausschlag für Niedersachsens Ex-Kultusministerin. 46.873 Stimmen oder 30,41 Prozent für Heiligenstadt, 46.699 oder 30,29 Prozent für Weigel – der Wahlbezirk bleibt zum zweiten Mal in Folge rot.
Im September 2021 hatte Heiligenstadt den Wahlkreis mit 3,5 Prozentpunkten Vorsprung gegen Dr. Roy Kühne (CDU) für die Genossen zurückerobert. Für Finanzexpertin Heiligenstadt (58) ist Wahlabend 2025 nun mit einer Achterbahnfahrt der Gefühle ein doppeltes Herzschlagfinale.
Frauke Heiligenstadt Foto: Privat
Platz acht auf der Landesliste – ein sicheres Ticket für den Bundestag? „Ich weiß gar nicht, wer da immer behauptet hat, aber anders als die Grünen gewinnen wir ja auch noch ein paar Wahlkreise“, sagt Heiligenstadt, die im SPD-Büro am Northeimer Marktplatz mit Parteifreunden den Abend verbringt.
Frauke Heiligenstadt: sechs Wahlen, sechs Siege
Es ist die sechste Wahl für Heiligenstadt – alle hat sie bisher gewonnen: „Aber so etwas habe ich noch nie erlebt.“ Was sie stolz macht: Bei den Erststimmen liegt sie ein halbes Dutzend Prozentpunkte vor dem Ergebnis ihrer Partei, die bei den Zweitstimmen der CDU unterlag.
AfD und Linke sind die Gewinner
Die Christdemokraten liegen bei den Zweitstimmen im Wahlkreis mit 28 Prozent (+4,4) vor der SPD mit 24,9 Prozent, die mit einem Minus von 13 Prozent im Vergleich zur Wahl 2021 eine erdrutschartige Niederlage erleidet. Auf Platz drei rangiert die AfD mit 20 Prozent, was ein sattes Plus von 11,7 Prozent bedeutet. Die Grünen kommen diesmal auf 8,7 Prozent (-3,3), die Linke legt – wie im Bundestrend – deutlich zu auf 6,9 Prozent (+3,9). Die FDP fällt deutlich auf 4,0 Prozent (-6,0) zurück. Die Wahlbeteiligung liegt im Wahlkreis 52 bei 72,7 Prozent.
Dunja Kreiser (SPD) gegen Reza Asghari (CDU)
Gerade angesichts des Bundestrends mit deutlichem Gegenwind für SPD, Grüne und FDP ist das Ergebnis auch im Wahlkreis Salzgitter-Wolfenbüttel-Nordharz (49) durchaus überraschend: Die Sozialdemokratin Dunja Kreiser holt nach 2021 abermals die meisten Erststimmen und kommt auf 30,59 Prozent. Ihr Ergebnis reicht, um wieder in den Berliner Bundestag zu ziehen.
Dunja Kreiser Foto: Susie Knoll
2021 erhielt Kreiser 38,6 Prozent der Erststimmen in dem Wahlkreis, der seit jeher als rot gilt und zu dem aus dem Landkreis Goslar die Städte Seesen, Langelsheim und Liebenburg gehören. Sie sei glücklich, sagt die 53-jährige Sozialdemokratin aus Wolfenbüttel am Wahlabend, dass es wieder geklappt hat.
„Ich hätte mir ein höheres Ergebnis gewünscht, aber angesichts des Trends war das nicht zu erwarten.“ In allen drei Unterbezirken hätten die Parteimitglieder gekämpft und „alles gegeben“. Dunja Kreiser spricht von einem „gemeinsamen Ergebnis“. Mit ihrem Erststimmenergebnis liegt Kreiser deutlich über dem Zweitstimmenresultat ihrer Partei von 24,37 Prozent. 2021 waren es noch 36,6 Prozent.
Reza Asghari Foto: Privat
Enttäuschung herrscht hingegen bei Reza Asghari von der CDU. Der Hochschulprofessor erhält 28,31 Prozent der Erststimmen und verfehlt damit den Wahlkreissieg. Offen bleibt zunächst, ob er über die Landesliste in den Bundestag gelangt.
Angela Rudzka (AfD) und Cem Ince (Linke) ziehen nach
Mit ihrem Zweitstimmenergebnis von 26,54 Prozent verbesserte sich die CDU leicht (2021: 22,96 Prozent). Die AfD landet bei 21,3 Prozent (+11,4), die Grünen kommen auf 8,7 Prozent (-3,7). Die Linke erhält 7,8 Prozent (+4,7), die FDP schmiert auf 3,5 Prozent ab (-5,7). Die Wahlbeteiligung liegt bei 81,8 Prozent.
Cem Ince Foto: Privat

Angela Rudzka Foto: Privat
Auch Reza Asghari (CDU) und Karoline Otte (Grüne) in Berlin
Auch CDU-Mann Reza Asghari zieht nach Koalitionsbildung und Postenverteilung schließlich als Neuling noch für den Wahlkreis 49 ins Bundesparlament ein. Und im Wahlkreis 52 schafft auch Grünen-Kandidatin Karoline Otte wieder den Sprung nach Berlin.
Karoline Otte Foto: Florian Semmler
Platz sieben auf der Landeslisten der Öko-Partei reicht für Karoline Otte. Diese Sicherheit hatte die 28-jährige Grüne aus der Gemeinde Moringen schon früh am Wahlabend. „Wir haben einen guten Wahlkampf geliefert, so viele Mitglieder wie noch nie, trotzdem wird unser Ergebnis unserem Führungsanspruch nicht gerecht“, hadert sie aber mit den eigenen Zahlen. „Andere Ergebnisse beschäftigen mich aber fast noch mehr“, fügt sie mit eine Blick auf die AfD-Ergebnisse an.
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