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Ausstellung im „AtelierM“

GZ Plus IconDie Alt Wallmodenerin und ihr Mittel gegen den November-Blues

Milla, Hannah und Lena malen gemeinsam in Zinglers Kunst-Küche an einem Bild.

Milla, Hannah und Lena malen gemeinsam in Zinglers Kunst-Küche an einem Bild. Foto: Gereke

Wenn Künstlerin Marianne Zingler Mitte November in ihr Alt Wallmodener „AtelierM“ einlädt, dann ist ihre Wohnung gemeint, die ihr Kunstraum ist. Seit Freitag ist es wieder so weit. Die gesellschaftliche Entwicklung gibt auch diesmal das Motto vor.

Von Andreas Gereke Montag, 18.11.2024, 14:00 Uhr

Alt Wallmoden. Mitte November ist ihre Zeit: Immer rund um den Buß- und Bettag zwischen Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag lädt Künstlerin Marianne Zingler ein in ihr „AtelierM“. Das Besondere: Ihr Kunstraum ist ihre Wohnung, in der sie seit Freitagnachmittag Besucher wieder willkommen heißt – und das zum mittlerweile 31. Mal.

Mehr als 200 Werke hängen an den Wänden, über das Zehnfache verbirgt sich noch hinter einer Stellwand. Hervorgeholt für die Schau hat sie alte und neue Werke, die erst in diesem Jahr entstanden sind. Dazu probierte sie auch immer wieder neue Techniken aus. Das Motto der Schau in diesem Jahr lautet: „Wir“.

„Es sind drei Buchstaben, die für die ganze Lage stehen“, findet sie. Oder besser gesagt für das, was derzeit in der Gesellschaft oft abhanden zu kommen scheint. Und das beginne schon sehr früh. „Wenn ich die Kinder an der Bushaltestelle sehe: Die haben alle einen Knickkopf“, erzählt sie. Heißt: Alle blicken nur auf den Bildschirm ihrer Smartphones, miteinander geredet wird kaum.

Gefühlsleben ist sehr flach geworden

Gleichzeitig attestiert sie, dass die Gefühlsebene sehr flach geworden sei. Das Handy trage dazu bei, dass die emotionale Entwicklung von Kindern von außen sozusagen erstickt werde. „Es ist so, als wird der Trieb eines Saatkorns mit Erde zugeschüttet.“

Politik und die Krisen in der Welt geben ihr die Anstöße. Für sie ist die künstlerische Arbeit Ventil. „Krise und Kreativität befruchten sich gegenseitig“, hatte sie mal erzählt. „Wenn ich den Kindern meiner Kunst-Kurse etwas vorsetze, was sie stutzen lässt, befördert das ihre Fantasie“, weiß die Alt Wallmodenerin. So auch bei Milla, Hannah und Lena, die an diesem Eröffnungsnachmittag in ihre Küche gekommen sind, um gemeinsam zu zeichnen. Und um das „Wir“ zu unterstreichen, malen sie auch gemeinsam an einem Werk.

Marianne Zingler (li.) präsentiert gemeinsam mit Sabine Krause und Andrea Boos (re.) die drei Bilder, die zusammen den Titel „Wir“ tragen – es ist auch das Motto der Schau.

Marianne Zingler (li.) präsentiert gemeinsam mit Sabine Krause und Andrea Boos (re.) die drei Bilder, die zusammen den Titel „Wir“ tragen – es ist auch das Motto der Schau. Foto: Gereke

Überhaupt sei Zinglers Wohnung im Alt Wallmodener Gutshof ein Ort des Wir-Gefühls, erzählen die Neuwallmodenerin Sabine Krause und Ostlutteranerin Andrea Boos. Sie besuchen Zinglers Malkurse, bei denen es aber nicht nur um das Erlernen von neuen Techniken und künstlerische Qualität gehe oder darum, Möglichkeiten zu finden, etwas auszudrücken. Sondern im Mittelpunkt steht immer auch der Austausch untereinander.

Therapie gegen den November-Blues

Die Tage von Zinglers Jahresschau dienen auch der Kontaktpflege. „Meine Wohnung im Gutshof ist dafür die Zentrale. Viele schauen einfach nur vorbei, um zu reden.“ Es ist für sie auch eine farbenfrohe Therapie, um erst gar keinen November-Blues aufkommen zu lassen.

Geöffnet hat das Alt Wallmodener „Atelier M“ noch bis Sonntag, 24. November. Zingler zeigt dort eine Auswahl ihrer Arbeiten. Die Räume befinden sich im Gutshof 5 (zweites Tor rechts neben der Kirche). Geöffnet ist das Atelier zum Schauen und für Gespräche mit der Künstlerin täglich von 16 von 19 Uhr, am Wochenende von 11 bis 13 sowie von 15 bis 19 Uhr.

Zingler selbst, Jahrgang 1946, erblickte als sechstes von sieben Kindern das Licht der Welt. Nach eigener Aussage war Kunst seit Geburt ein Teil von ihr. Als sie als Kind einmal ins Krankenhaus musste, malte sie mit der Zahnpasta auf der Bettdecke. In ihrer Flüchtlingsunterkunft, in der die Familie untergekommen war, zeichnete sie mit Kreide, die die Kinder aus der Schule geklaut hatten, an den Wänden. In der Schule selbst spielte bis zur zehnten Klasse Kunst nur eine untergeordnete Rolle. „Dann bekamen wir einen jungen Kunstlehrer, und der Vulkan in mir brach aus“, erinnerte sie sich einmal.

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