Warum es von der 116 117 immer öfter in die Notaufnahme geht
Die 116 117 soll eine zentrale Rolle bei der Patientensteuerung einnehmen. (Archivbild) Foto: Julian Stratenschulte/dpa
Der Notruf 112 und der ärztliche Bereitschaftsdienst 116 117 sollen enger verzahnt werden. Schon heute werden in Niedersachsen immer mehr Anrufer vom Patientenservice an die Akutbehandlung verwiesen.
Hannover. Wer medizinische Beratung sucht, wendet sich immer häufiger an den telefonischen Patientenservice 116 117. Auch in Niedersachsen steigen die Nutzungszahlen. Aber wie geht es mit den Anrufern dann weiter? Wie zufrieden sind sie mit dem Angebot der Telemedizin? Und welche Änderungen treibt die Bundesregierung derzeit voran? Ein Überblick.
Wie viele Anrufe gibt es bei der 116 117?
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Anrufe in Niedersachsen deutlich gestiegen – von 2022 bis 2025 um rund 20 Prozent. Gab es 2022 etwas mehr als eine Million Anrufe, waren es drei Jahre später gut 200.000 mehr. Das geht aus einer Antwort des Gesundheitsministeriums auf eine Anfrage der CDU-Landtagsabgeordneten Lena-Sophie Laue hervor. Eine Auswertung für 2026 liegt laut Kassenärztlicher Vereinigung Niedersachsen (KVN) noch nicht vor.
Zu welchen Ergebnissen führen die Anrufe?
Für das Jahr 2025 schlüsselt das Ministerium die Anrufe wie folgt auf: Rund 46.500 Anrufe führten zu telefonischer Beratung, rund 80.000 zur Vermittlung in eine Bereitschaftsdienstpraxis, rund 81.500 zu einem Hausbesuch, rund 10.000 zu einer Videosprechstunde und rund 36.000 zu einer Weiterleitung an den Rettungsdienst oder die Notrufnummer 112. Hinzu kamen rund 88.500 Verweise an die Notaufnahme.
Nicht einzeln aufgeführt sind Anrufe für den Terminservice, allgemeine Auskünfte, Rückfragen und Stornierungen sowie Anrufe, die vor einer abschließenden Aufnahme abgebrochen wurden.

Die Anrufe beim Patientenservice haben zuletzt spürbar zugenommen. (Archivbild) Foto: picture alliance/dpa
Auffällig ist an den Zahlen, dass der Wechsel in die Akutmedizin immer häufiger wird, während Hausbesuche und die Vermittlung in Bereitschaftspraxen via 116 117 seltener werden. So stieg der Anteil der Verweise an Notaufnahmen in der Zeit von 2022 bis 2025 von 4 auf 7 Prozent und der Anteil der Weiterleitungen an den Rettungsdienst und an die 112 von 1 auf 3 Prozent. Der Anteil der Hausbesuche sank dagegen von 16 auf 6 Prozent, bei der Vermittlung an Bereitschaftspraxen von 10 auf 6 Prozent.
Warum nehmen Verweise an Notaufnahmen zu?
Die Kassenärzte verweisen dazu auf die gestiegene Bekanntheit der 116 117. Außerdem würden Patientinnen und Patienten häufiger an die Notaufnahmen und den Rettungsdienst verwiesen, weil die softwaregestützte Symptomabfrage immer präziser werde. Es werde heute „genauer gefiltert, welche Patientinnen und Fälle ambulant, per Video oder durch den Fahrdienst gelöst werden können und wer tatsächlich in die Notfallrettung gehört“, teilt die KVN mit. Schwere Fälle würden dadurch konsequenter als zuvor aus dem Bereitschaftsdienst herausgefiltert.
Wie bewertet die Landespolitik die Entwicklung?
Auch das Gesundheitsministerium führt den generellen Anstieg der Anrufe bei der 116 117 als Begründung an und betont, ein Verweis an die Notaufnahme oder den Rettungsdienst erfolge ausschließlich auf der Grundlage einer strukturierten medizinischen Ersteinschätzung oder ärztlichen Einschätzung.
Der kassenärztliche Bereitschaftsdienst leiste einen wichtigen Beitrag für eine effiziente Steuerung der Patientinnen und Patienten. Klar sei aber auch, dass Notaufnahmen und Rettungsdienste seit Jahren über hohe Fallzahlen klagten – auch wegen Patientinnen und Patienten mit Beschwerden, die nicht lebensbedrohlich sind. Die vom Bund geplante Reform der Notfallversorgung müsse daher schnell umgesetzt werden.
Die CDU-Abgeordnete Laue, die die Anfrage gestellt hatte, sagt, eine Weiterleitung an die Notaufnahme oder den Rettungsdienst könne medizinisch zwar vollkommen richtig sein. „Die steigenden Zahlen werfen aber die Frage auf, ob unsere Patientensteuerung bereits so funktioniert, wie sie sollte.“ Auch sie wirbt daher für die Reformpläne.
Es könne jedoch auch sein, dass eine ambulante Versorgung nicht immer schnell genug zur Verfügung steht, sagt Laue. Sie fordert daher mehr Möglichkeiten, Menschen vor Ort zu behandeln, wenn ein Krankenhausbesuch nicht nötig ist – erprobt werde das etwa mit Gemeindenotfallsanitätern und Akut-Einsatzfahrzeugen.

Niedersachsens Gesundheitsminister Philippi unterstützt die Reformpläne, sieht aber auch noch offene Fragen. (Archivbild) Foto: Lars Penning/dpa
Was sieht die geplante Reform der Notfallversorgung vor?
Die 116 117 und die 112 sollen noch enger verzahnt werden, damit die Anrufer und die von ihnen erhobenen Daten ohne Bruch an die jeweils zuständige Stelle übergeben werden können. Das soll die Versorgung effizienter machen und die Notaufnahmen entlasten. Der Bundestag hat das Vorhaben Mitte Oktober beschlossen, der Bundesrat soll am 20. November grünes Licht geben.
Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) sagt, die Reform sei „ein überfälliger und richtiger Schritt“, um Belastungen im System zu beheben und die Versorgung zukunftsfest aufzustellen. Allerdings sei im Entwurf noch unklar, wie die Rettungsdienste ausfinanziert werden sollen.
Wie zufrieden sind die Anrufer mit der Telemedizin?
Seit 2025 greift bei der 116 117 in Niedersachsen ein neues System, das auf mehr Telemedizin setzt, also Versorgung aus der Ferne. Die Anrufer landen zunächst in einem Callcenter, wo medizinisch vorgebildete Servicekräfte wie Arzthelferinnen oder Rettungssanitäter die Ersteinschätzung vornehmen.
Wer danach telemedizinisch behandelt wurde, kann freiwillig einen Fragebogen ausfüllen. Die ersten Ergebnisse zeigen nach Angaben der KVN: Die rund 24.500 Menschen, die bislang mitgemacht haben, sind, gemessen auf einer Skala von 1 bis 5, überwiegend zufrieden mit der Freundlichkeit der Ärztinnen und Ärzte (4,2), mit deren Kompetenz (4,1), mit der Aufnahme des Anliegens durch die 116 117 (4,1) und mit der ärztlichen Behandlung des Anliegens (4,0).