Arzt über Hashimoto-Symptome: „Schilddrüsenwerte können trügerisch sein“
Bei der Untersuchung: Die Schilddrüse nimmt eine Schlüsselrolle im hormonellen Gleichgewicht des Körpers ein. Foto: Guido Kirchner/dpa
Rund 80 Prozent aller Schilddrüsenentzündungen gehen auf Hashimoto-Thyreoiditis zurück. Bei dieser chronischen Autoimmunerkrankung bildet das Immunsystem Antikörper gegen Bestandteile der Schilddrüsenzellen und zerstört sie.
Das Problem: Die häufigsten Beschwerden bei Hashimoto wie Gewichtszunahme, Müdigkeit oder Erschöpfung seien absolut unspezifisch, erklärt Dr. Christian Lunow, leitender Facharzt im Schilddrüsenzentrum Dr. Lunow & Partner in Bonn. „Das ist für viele Betroffene ein großes Problem, weil sie zum Teil sehr lange von Arzt zu Arzt laufen, bis ihnen zugehört oder geglaubt wird.“ Manchmal würden Jahre vergehen, bis die richtige Diagnostik angestoßen und die Diagnose gestellt werde. Mit Fortschreiten der Entzündung entwickeln Betroffene jedoch meist eine Schilddrüsenunterfunktion mit entsprechenden Symptomen, so der Facharzt.
Normwerte der Schilddrüse können trügerisch sein
Was viele nicht wissen: Die Schilddrüse, ein schmetterlingsförmiges Organ im Hals, nimmt eine Schlüsselrolle im hormonellen Gleichgewicht des Körpers ein. Ihre Hormone beeinflussen unter anderem den Energieumsatz, die Herzfrequenz, den Blutdruck sowie die Funktion des zentralen Nervensystems. Eine Unterversorgung wirkt sich daher negativ auf den gesamten Körper aus. Die Spannweite der Symptome reiche von Konzentrationsstörungen oder trockener Haut über Libidoverlust oder Verdauungsprobleme bis hin zu extremer Erschöpfung oder Angstzuständen, erklärt Christian Lunow. „Man kann sagen: Hashimoto kann den gesamten Körper betreffen.“ Aber auch asymptomatische Verläufe seien möglich.
Die Diagnose erfolgt in der Regel über eine Blutuntersuchung. Dabei werden die Schilddrüsenwerte sowie spezifische Antikörper bestimmt. „Die Analyse verschiedener Blutwerte ist ganz klar der wichtigste Test in der Diagnostik der Hashimoto-Thyreoiditis. Sie liefert oftmals einen Anfangsverdacht, wenn zum Beispiel ein erhöhter TSH-Wert festgestellt wird, und auch so etwas wie einen Nachweis, wenn sich bestimmte Antikörper identifizieren lassen“, sagt Lunow. Ergänzend werde die Schilddrüse meist per Ultraschall untersucht.
Frauen erkranken etwa 10 Mal häufiger
Aber: Normale Schilddrüsenwerte würden eine Hashimoto-Erkrankung nicht zwingend ausschließen – insbesondere in frühen Phasen der Erkrankung, so Lunow. „Normwerte und Normwertabweichungen können auch trügerisch sein. Wir erleben es leider immer wieder, dass Patienten zu uns kommen, die über Jahre keine Diagnose erhielten, obwohl sie deutlichste Anzeichen zeigten.“ Der Grund: Ihre Werte lägen im „gesunden“ Referenzbereich.
„Frauen erkranken etwa zehnmal häufiger an Hashimoto als Männer. Warum das so ist, lässt sich nicht so einfach beantworten“, sagt Lunow. Eine wichtige Rolle spielten dabei die weiblichen Sexualhormone. Östrogen etwa habe einen großen Einfluss auf das Immunsystem. So seien Phasen, in denen sich die Hormone der Frau umstellten – etwa in der Pubertät, zu Beginn der Wechseljahre, vor allem aber nach Geburten –, typische Zeitpunkte, zu denen Hashimoto-Thyreoiditis vermehrt auftrete, schildert Lunow.
Bei Kinderwunsch mögliche Erkrankung abklären
Erkrankte Frauen mit Kinderwunsch könnten auf Komplikationen treffen, erklärt der leitende Arzt. „Eine Funktionsstörung der Schilddrüse kann eine Schwangerschaft erschweren, da die hormonellen Steuerungsachsen der Eierstöcke und der Schilddrüse eng miteinander verwoben sind. Schilddrüsenprobleme können zum Beispiel Ursache für einen unregelmäßigen Menstruationszyklus sein“, so Lunow.
Eine mögliche Schilddrüsenerkrankung sollte daher bei unerfülltem Kinderwunsch oder Schwangerschaftskomplikationen unbedingt abgeklärt werden, rät Lunow. Sei es Hashimoto-Patientinnen nicht möglich, schwanger zu werden, oder erlitten sie wiederholt Fehlgeburten, empfiehlt er, Fachleute für gynäkologische Endokrinologie oder Reproduktionsmedizin zu konsultieren. Allen Betroffenen rät Lunow, mögliche Begleiterkrankungen der Hashimoto abklären zu lassen, Zöliakie oder Morbus Crohn zum Beispiel. Auch ein möglicher Mangel an bestimmten Spurenelementen und Nährstoffen sollte überprüft werden.
Medikament erlaubt nahezu beschwerdefreies Leben
„Im Alltag zeigt sich immer wieder, dass Patienten auch davon profitieren können, wenn sie Techniken zur Stressbewältigung erlernen, vorsichtige Ernährungsumstellungen vornehmen oder den Austausch mit anderen Betroffenen suchen“, so der Facharzt. Heilbar ist Hashimoto laut Lunow bisher nicht. Jedoch sei es medikamentös dank des künstlich hergestellten Schilddrüsenhormons Levothyroxin, oft schlicht L-Thyroxin genannt, gut behandelbar, „sodass Betroffene nahezu beschwerdefrei leben können“, sagt er.
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