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Hochzeit im Harz

GZ Plus IconNach 2500 Trauungen ist für Liebenburgs Standesbeamtin Schluss

Eine Frau sitzt an einem geschmückten Tisch, im Hintergrund stehen Herzaufsteller.

Gabi Behring an ihrem Arbeitsplatz: Geschätzt rund 2500 Paare traute sie in den mehr als vier Jahrzehnten, in denen sie als Liebenburgs Standesbeamtin wirkte. Foto: Gereke

In Liebenburg geht eine Ära zu Ende: Wer fast 50 Jahre bei einem Arbeitgeber verbracht hat – und davon mehr als 44 Jahre als Standesbeamtin, hat viel zu erzählen.

Von Andreas Gereke Samstag, 31.01.2026, 11:00 Uhr

Liebenburg. Ein Stück Gemeindegeschichte geht: Gabi Behring, seit mehr als 44 Jahren Liebenburgs Standesbeamtin, wechselt in den Ruhestand. Geschätzt rund 2500 Paare hat sie in dieser Zeit getraut – und jede Menge Geschichten dazu zu erzählen. Dabei ist alles rund ums Ja-Wort nur ein Teil ihrer Arbeit gewesen.

„Irgendwann werde ich noch ein Buch schreiben“, sagt die Döhrenerin scherzhaft an ihrem letzten Arbeitstag, als bei der offiziellen Verabschiedung und nach mehreren Umarmungen mehr als einmal die Tränen zu kullern drohten. Anonymisiert werden natürlich die Erinnerungen sein, versteht sich – denn die Verschwiegenheitspflicht gilt für sie auch als pensionierte Beamtin.

Nur eine Ausnahme macht sie: Als es um die Frage geht, wer ihr größter Promi war, den sie getraut hat. „Das war Reiner Zobel“, der Ex-Fußballprofi und zum Zeitpunkt des Ja-Wortes Co-Trainer von Eintracht Braunschweig. Uwe Reinders, damaliger BTSV-Trainer war Augenzeuge im Standesamt – in die Kirche kam dann auch noch Udo Lattek, wusste sie zu berichten. Aber wieso ließ sich Reiner Zobel in Liebenburg trauen? „Er heiratete die Tochter vom damaligen Othfresener Pastor – und beide wollten nicht in Braunschweig oder einer anderen Großstadt heiraten“, liefert die Döhrenerin die Erklärung.

„Geweint wie ein Schlosshund“

Auf dem Dorf ist es ja auch viel familiärer. Vielen Menschen, denen sie gegenüber saß, kannte sie persönlich. „Es gibt kaum einen Beruf, bei dem man so nah am Menschen ist“, erklärt die 65-Jährige. Kein Wunder, dass es da auch Paare gab, „mit denen habe ich geweint wie ein Schlosshund.“ Und welche, für die sie den größten Wunsch ermöglichte: Der Hund soll Trauzeuge werden. Vor Gesetz hatte das natürlich keinen Bestand. „Aber ich fertigte ein Zweitdokument an, wir drückten dann seine Pfote in ein Stempelkissen – und der Pfotenabdruck auf dem ,Dokument‘ war dann die Unterschrift.“

Zudem lässt einen der Job auch eine gewisse Menschenkenntnis erlangen. „Meist hatte ich den richtigen Riecher, ob es denn die Ehe auch Bestand haben wird.“ So wie bei dem Traupaar, dessen Bräutigam in Bundeswehr-Uniform erschien. Die ganze Hochzeitsgesellschaft war schon da – zuletzt erschien die Braut mit ihrer Mutter. Er musterte seine Zukünftige von oben bis unten – und dann rutschte ihm vor der Zeremonie ein „wie siehst Du denn aus“ heraus. „Sie haben tatsächlich an diesem Tag geheiratet – aber ich ahnte schon, dass das nicht gut gehen wird.“ So kam es auch.

Eine Frau hängt ein Schild neben eine Tür.

„Trauung – bitte nicht stören“: Mehr als vier Jahrzehnte war Gabi Behring für das Aufhängen des Schilds am Standesamt zuständig. Foto: Gereke

Das Schicksal der Trennung ereilte auch das Paar, bei dem der Bräutigam während der Zeremonie sich zu der Bemerkung hinreißen ließ „jetzt habe ich mir eine Waschmaschine gekauft.“ Es sind skurrile Szenen, die in mehr als vier Jahrzehnten zusammenkommen – und tatsächlich auch so mancher Moment der Bedenkzeit, als Braut oder Bräutigam vorm Ja-Wort noch mal Luft holen mussten. Und manchmal kam es gar auch gar nicht zur Hochzeit, obwohl alles vorbereitet war. „Eines morgens fand ich einen unter der Tür hindurch geschobenen Zettel, auf dem stand, dass das Paar ,aus persönlichen Gründen‘ nicht erscheinen konnte – später kam heraus: Der Bräutigam saß im Gefängnis.“ Tatsächlich ein triftiger Grund, der das Ja-Wort in Liebenburg verhinderte.

Hochzeiten zu den Schnapszahl-Daten

Ein anderes Kapitel sind die Hochzeiten zu den Schnapszahl-Daten. Ob 8.8.88 oder 9.9.99 – kaum ein Tag, an dem Gabi Behring mehr zu tun hatte. Und dann kamen ja auch noch die Paare mit den Sonderwünschen: Der Termin war am 9.9.99 um 9.09 Uhr, aber die Eheleute in spe erschienen nicht. „Sie riefen an und wollten dann am selben Tag spontan um 19.09 Uhr heirateten – da erklärte ich ihnen, dass ich dann nicht mehr da wäre. Und so war dann 17.09 Uhr der zweite Versuch.“ Es hält sich ja hartnäckig das Gerücht, dass Ehen, die an diesen Schnapszahl-Daten geschlossen werden, weniger lange Bestand hätten als Bünde fürs Leben, die Menschen an „gewöhnlichen Daten“ eingehen. „Das ist auch so“, bestätigt sie. „Vom 9.9.99 ist nicht mehr viel übrig.“

Sie beobachtet, dass standesamtliche Hochzeiten heute viel mehr zelebriert werden. „Viele Menschen sind heute nicht mehr in der Kirche – eine kirchliche Hochzeit fehlt und so konzentriert sich alles auf den Termin im Standesamt. Da wollen sich dann alle in den Raum quetschen – es ist ein richtiges Event.“ Heutzutage werde vieles dann auch noch für die eigenen Profile in den sozialen Medien inszeniert. Aber auch das ist keine Garantie für eine glückliche Ehe. Es gab im Laufe der Jahre aber auch immer die Gegenentwürfe: Ein Paar wollte sich einfach nur verheiraten lassen – ohne großen Aufriss. „Er ging danach arbeiten – sie einkaufen: Und beide sind auch nach Jahren noch verheiratet.“

An die Gurgel gehen

Seit 2004 ist in der Gemeinde Liebenburg das Ja-Wort auch im Flankierungsturm auf dem Burggelände möglich. „In den Sommermonaten finden Trauungen fast ausschließlich dort statt.“ Ein romantisches Plätzchen – aber auch das schützt nicht vor schlechter Stimmung. Während der Corona-Pandemie – Gruppengrößen-Beschränkungen, Abstandsregelungen: Nur eine bestimmte Anzahl an Gästen der Hochzeitsgesellschaft durfte hinein. Das passte einem Brautvater überhaupt nicht – er drohte Gabi Behring und wollte ihr an die Gurgel gehen: „Sie bestimmen nicht, wer bei der Hochzeit meiner Tochter dabei ist.“ Und sie musste sich sogar den Vorwurf, sie sei eine Eheverhinderungsbehörde gefallen lassen, als sie eine zukünftige Braut im Vorgespräch über ihre Rechte aufklärte.

Was sie all die Jahre begleitete: Reformen rund um Namens-, Kinds- oder Eherecht. „Das ging schon auf keine Kuhhaut mehr.“ Doch als Standesbeamtin musste sie da durch, um auf den neusten Stand zu sein. Am 1. August 1977 trat sie in den Dienst der Gemeinde, seit 1981 bekleidete sie ihr Amt. „Wie konnte dieses junge Mädchen namens Fräulein Zornhagen, wie es damals hieß, nur Standesbeamtin werden, fragten sich viele. Aber dieser Job war ihr auf den Leib geschrieben – sie war eine Fachfrau für viele. Fast 50 Jahre bei einem Arbeitsgeber – das gibt es nicht oft, noch nicht mal im Öffentlichen Dienst“, würdigt Bürgermeister Alf Hesse sie zum Abschied. In den letzten Jahren waren es so manches mal auch die Kinder von Eltern, die sie Jahrzehnte zuvor auch verheiratet hatte – ebenfalls ein emotionaler Moment für sie.

Mit dem Ruhestand verheiratet

Aber die Eheschließungen waren nur ein kleiner Teil ihres Arbeitsfeldes. Häufige Tätigkeiten waren Kirchenaustritte oder Sterbefallbeurkundungen. Auch Friedhofsangelegenheiten gehörten zu ihrem Job, schließlich gibt es rund um Liebenburg drei gemeindeeigene Friedhöfe. Unter anderem zwei in ihrem Heimatdorf Döhren. „Ich habe mich schon gar nicht mehr im Hellen auf den Friedhof getraut, weil ich auf alles angesprochen worden bin, was den Leuten nicht passte.“

Zwei Männer und eine Frau mit Präsent, Urkunde und Blumen in der Hand blicken in die Kamera.

Erinnerungsfoto zum Abschied: Daniel Dieber, Goslars Kreisvertrauensperson für Standesbeamte (l.) und Liebenburgs Bürgermeister Alf Hesse ehren Gabi Behring. Foto: Gereke

Aber wer weiß, wie alles gekommen wäre, wenn man sie damals während ihrer Ausbildung nicht aus dem Bauamt befreit hätte? „Man schickte mich dorthin, um Grundstücksakten zu sortieren. Eine Hiwi-Tätigkeit“, erzählt sie. Aber plötzlich fiel die Tür zu. Die Herren im Bauamt hatten nicht mitbekommen, dass sie dort im Aktenlager war, schlossen ab und verschwanden. „Ich habe da gesessen und geheult. Heute würde ich eine Scheibe einschlagen, aber damals habe ich mich das nicht getraut“, erinnert sie sich ans „Fräulein Zornhagen“ von damals. Aber die Rettung nahte, denn glücklicherweise vermisste man im Rathaus das „Madamchen mit den Ölaugen“, plaudert Gabi Behring aus dem Nähkästchen.

Am letzten Arbeitstag wartete dann doch noch eine Premiere auf die langjährige Standesbeamtin. Sie nahm erstmals auf der anderen Seite des Tisches im Trauzimmer Platz. „Als ihr Amt haben wir sie mit dem Ruhestand verheiratet“, erzählt Dennis Dorn, Leiter des Amtes für Bürger und Personal.

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