Dienstag, 15.08.2017

Moseltour voller Kontraste

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Ich bin, wie ich bereits früher hier bekannt habe, kein Freund sondern ein Spötter des Weines, obwohl ich selber am Rande des fränkischen Weinbaugebietes (...)

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Kröver Nacktarsch, Trittenheimer Altärchen, Piesporter Goldtröpfchen – Namen, die mich an meine Jugendzeit in der 70ern erinnern, wenn der Opa aus dem Westen zu Besuch kam und eine gute Flasche Wein mitbrachte.

Der recht süßliche Tropfen von der Mosel wurde in farbigen, geschliffenen Römergläsern kredenzt. Inhalt und Form entsprachen dem damaligen Zeitgeschmack und würden mich heute eher vom Tisch flüchten lassen. Dennoch, jahrzehntelang waren diese und andere Mosel-Lagen im In- und Ausland der Inbegriff für deutschen Weißwein. Leider wurden sie dann auch über die Jahre zum Synonym für einfachen Massenwein, der billig im Supermarkt verramscht wurde und nach der Party gern Kopfschmerzen bereitete.

Eine Radtour entlang der Mosel bietet heute viele Kontraste zum Sehen und zum Schmecken: jahrhundertealte Winzer-Tradition und moderne Trends, feine Weine und belanglose Massenprodukte, idyllische Dörfer und verstörende Tourismus-Hochburgen.

Die Mosel gilt als Keimzelle des deutschen Weinbaus. Schon die Römer pflanzten hier vor knapp 2000 Jahren Reben an. Neumagen-Dhron mit seinem berühmten Weinschiff-Relief, dem Grabmal eines römischen Weinhändlers, schmückt sich mit dem Titel ältester Weinort Deutschlands. Entlang der mäandernden Untermosel gibt es tolle Steillagen zu sehen, auf denen der Winzer bergsteigerische Qualitäten benötigt. Dort werden Rieslinge angebaut, deren Reben bis zu zehn Meter tief in den Schieferhängen wurzeln und die tolle Weine hervorbringen, von eleganter Mineralität und feiner Fruchtigkeit. Kleine Weinorte laden den Fahrrad-Touristen zum Verweilen ein. Aber es gibt leider auch den Massentourismus an der Terrassenmosel, bei dem in pittoresken Weinorten wie Bernkastel-Kues, Beilstein oder Cochem ganze Busladungen von fidelen Senioren und Kegelklubs abgeladen werden, angeheiterte Engländer durch die Gassen ziehen und proppenvolle Ausflugsdampfer zum weinseligen Zwischenstopp anlegen. Da radelt man lieber weiter und besucht junge Winzer, wie Alexander Arns in Reil, der mit der Tradition gebrochen hat und im Weinberg des väterlichen Guts auf biodynamischen Anbau setzt. Er möchte Nachhaltigkeit mit Qualität verbinden: gesunde, widerstandsfähige Reben, mehr Arbeit, weniger Ertrag, aber toller, individueller Geschmack. Den Mehrpreis, ich schätze so um die ein, zwei Euro pro Flasche, finde ich angesichts des deutlich höheren Aufwands aber auch des Ergebnisses für angemessen. Ein weiterer erfreulicher Trend für den Individualreisenden, es gibt Winzer , die ihr traditionelles Weingut zur kleinen Genusswelt umwandeln: Dort gibt es nicht nur guten Wein, sondern auch Übernachtungsmöglichkeiten in wenigen dafür liebevoll durchgestylten, aber dennoch preiswerten Zimmern und eine ambitionierte, meist regionale Küche, die man hier nicht erwarten würde. Ein Geheimtipp, der vermutlich keiner mehr ist: das Culinarium in Nittel im Weingut Dostert. Glückliche Fügung: Die ehemalige Deutsche Weinkönigin Carina Dostert hat sich vor Jahren in den österreichischen Spitzenkoch Walter Curman verliebt. Kennengelernt haben sich beide bei einer Sendung von Fernsehkoch Johann Lafer, für den Curmann gearbeitet und dessen Kochschule er geleitet hat. Frühmorgens lebt man im Culinarium recht familiär, wird von der Senior-Chefin begrüßt und gefragt, wie man sein Frühstücksei gern zubereitet haben möchte. Für abends empfiehlt sich eine Reservierung, um im Restaurant, dessen Küche vom Schwiegersohn geleitet wird, einen Platz zu bekommen. Denn die leckere regionale-saisonale Küche brachte schon ein Lob im Gourmetführer Guide Michelin ein, bewegt sich aber preislich deutlich unter Gourmet-Tempel-Niveau. Dazu gibt es die hauseigenen Weine und im Champagnerverfahren hergestellte Winzersekte, auch die natürlich nicht zu Champagnerpreisen – was will man mehr.

Schreiben Sie dem Autor unter michael.horn(at)goslarsche-zeitung.de.







Kommentare
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kassandro schrieb am 19.08.2017 23:49

Ich bin, wie ich bereits früher hier bekannt habe, kein Freund sondern ein Spötter des Weines, obwohl ich selber am Rande des fränkischen Weinbaugebietes aufgewachsen bin. Eines muss man unseren Weinbauern aber lassen und das wurde auch im Hornschen Beitrag kurz angerissen: Sie haben im Gegensatz zu unseren Alternativenergielern erkannt, dass an südlichen Hanglagen besonders im Herbst die Sonnenausbeute deutlich höher ist als im Flachland und man so für moderne Landmaschinen wenig geeignete Flächen sehr gewinnbringend nutzen kann.

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drwaschbär schrieb am 16.08.2017 12:31

Nachdem ich erst vor kurzem auf ihre Kolummne aufmerksam geworden bin, dachte ich: "Ich schau mal wieder rein." Und: Schon wieder ein "Volltreffer". Moselfahrt - ohne Liebeskummer - mal mit dem Rad. R. G. Binding in komprimierter Form - läßt einem "das Wasser im Munde zusammenlaufen." Ihre Beiträge haben einen neuen Fan.

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